Lars Simon: ›Schwedische Weihnachten im August‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

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Von 2005 bis 2011 lebten wir in der Provinz Västra-Götaland in Schweden und hatten in der ersten Zeit privaten Schwedischunterricht bei Gunn-Britt, einer pensionierten Lehrerin mit passablen Deutschkenntnissen. Sie engagierte sich sehr und war eigentlich mehr Kulturvermittlungsbeauftragte als Sprachdozentin. Da irgendwann das Thema Weihnachten zur Diskussion stand (wie wir mitten im Sommer darauf gekommen waren, weiß ich auch nicht mehr), fragten wir sie, wie das Fest in Schweden begangen wird, und vor allem, was man da denn so isst.

Daraufhin hatte Gunn-Britt eine ungewöhnliche, aber äußerst kreative und, wie wir meinten, hochsympathische Idee: Sie lud uns kurzerhand zu sich ein, um uns ein komplettes Julbord (zu Deutsch: Weihnachtsmenü) zu kredenzen. Mitten im August! Wir waren davon sehr berührt und zugegebenermaßen auch ziemlich gespannt, denn unsere Erfahrungen mit der schwedischen Küche waren bis dahin eher ernüchternd gewesen. (Die schlimmste war definitiv der Surströmming, ein bis zur organischen Unkenntlichkeit in Salzlake verwester Heringskadaver.)

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Gunn-Britt gab alles, und es waren viele schmackhafte Gerichte dabei. Zum Beispiel Jansons frestelse (zu Deutsch: Jansons Versuchung), eine Art Kartoffelgratin mit Zwiebeln und Sardellen, prima hausgemachter Heringssalat, eine ofengegarte Rehpastete mit Preiselbeeren sowie mordsmäßig guter Kuchen vielerlei Gestalt. Geschmacklich ebenfalls weit vorne, aber in der Zubereitung auf mich eher befremdlich wirkend war der Julskinka, sprich »Jülschinka«, also der Weihnachtsschinken. Der wird zuerst gekocht, dann in den Ofen gegeben, doch die knusprige Schwarte wird aus unerklärlichen Gründen (Opfer für Odin?) im Verlauf der Zubereitung durch eine Farce aus Semmelbröseln, Senf, Ei und Fett ersetzt. Die Schinkenbrühe stippt man übrigens eingedenk vergangener Zeiten der Armut gemeinschaftlich mit Kardamombrot aus dem tischmittig platzierten Kochtopf auf. (Das nennt man dopp i gryttan, auf Hessisch: »Im Dibbe dippe.«)

So bleibt für Liebhaber von Schweinekrustenbraten trotz des Schinkengenusses am Ende das befremdliche Gefühl zurück, das Beste, die geröstete Schwarte nämlich, läge gekränkt und schluchzend im Biomüll. Eine Kleinigkeit, die dem ansonsten so gelungenen und besonderen weihnachtlichen Sommerabend keinen Abbruch tat. Vor allem aber ist diese Anekdote ein gutes Beispiel dafür, warum wir uns bei den Schweden über sechs Jahre lang so wohlgefühlt haben.

God Jul – Frohe Weihnachten!

Alle Titel des Autors:

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