Laurent Mauvignier:
Den Tod vor Augen

Wie wirken sich die Terroranschläge in Paris auf das Schreiben aus?

Nach den Terroranschlägen Anfang November in Paris veröffentlichte ›Le Monde‹ in einer Sonderbeilage Reaktionen auf die schrecklichen Ereignisse. Der Autor Laurent Mauvignier beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der Frage, ob und wie sich die Anschläge auf das Schreiben auswirken.

 

Laurent Mauvignier: Den Tod vor Augen

Wie sollten Anschläge wie diejenigen von Paris, die sich doch in unseren Gedanken festgesetzt haben, sich nicht auf unser Schreiben auswirken?

Aus meiner Sicht läuft es auf Folgendes hinaus: Schreiben und dabei dem Tod, der Wirklichkeit, der Gewalt, die uns umgibt und uns alle betrifft, ins Auge blicken. Man kann, und manche werden es tun, dagegen anschreiben; man kann den Terroristen aber auch verwehren, unser Denken und unser Schreiben zu beherrschen und zu unterjochen. Diese Entscheidung muss man treffen. Die Frage, wie das, was uns erschüttert, in die Gesamtheit unserer Überlegungen einzubringen ist, ohne dass wir auch nur einen Bruchteil dessen, was wir sind, preisgeben, stellt sich ja immer wieder.

Literatur muss sich Zeit lassen, um die Auswirkung dessen, was unser Leben aushalten muss, sorgfältig zu ermessen. Sie darf sich nicht wie von ätzender Säure durch Gefühlsaufwallung oder Schockstarre zersetzen lassen. Der Schriftsteller muss sich Zeit lassen, seinen Blickwinkel zu finden, und der Romancier sich die Zeit nehmen, das Phänomen Gewalt durch das Prisma seiner Mittel, die nicht die von Philosophie, Soziologie oder Psychologie etc. sind, zu betrachten, wenngleich er diese miteinbezieht und zusammenfasst in jenen simulierten Erfahrungswelten, die fiktiv genannt werden.

Was ist ein Roman? Eine Sicht auf die Welt, bestrebt, Gestalt anzunehmen, einen Körper, der berichten kann, was er sieht, was er denkt, was er an Mitgedachtem mitzuteilen und an Vorausgesetztem durchzusetzen sucht. Ein Roman muss nicht ostentativ politisch oder polemisch sein, um auszudrücken, was über ihn hinausgeht. Ein Schriftsteller setzt seine Mittel ein und zugleich auch sein Universum. Und was er über die Welt sagt, sagt er aus seinem Blickwinkel. Es wäre Unsinn, von ihm zu erwarten, dass er diesen ändert, weil die Aktualität ihn angeblich zwinge, es unverzüglich und unvermittelt Victor Hugo gleichzutun  in einem Kampf, der von ihm nur Eines verlangt: weiterhin zu schreiben.
Schreiben, das ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, wer wir sind: als Gemeinschaft und jeder für sich, aber auch jeder Einzelne innerhalb dieser Gemeinschaft, und die Sicht dieser Gemeinschaft auf jeden Einzelnen. Unzählige Reaktionen auf das Attentat waren im Radio zu hören, darunter die einer Studentin, die davon sprach, was für ein seltsames Gefühl es sei, zusammenzustehen in einer Schicksalsgemeinschaft und gleichzeitig doch allein zu sein, isoliert, irgendwo in sich selbst eingeschlossen.

Diesem seltsamen Gefühl kann die Literatur, kann der Roman Ausdruck verleihen.

Die Frage, die sich mir seit Langem stellt und die an diesem 13. November tragischerweise Gestalt annahm, ist die nach der Tragfähigkeit eines Buches mit vielerlei Einzelleben, eingefangen im Lichtkegel einer Geschichte, von der jeder annehmen durfte, es sei nicht die seine. Das Leben, sage ich mir, ist nicht eine Hauptperson mit Nebenfiguren, sondern eine Hauptperson + eine Hauptperson + etc. In unseren Büchern müssen wir Demokratie herstellen, d.h. gegen Masseneffekte ankämpfen, immer wieder daran erinnern, dass eine Masse oder Menschenmenge eine Addition von Einzelleben ist und nie und nimmer jenes Undifferenzierte, auf das die Mörder und die Statistiker uns reduzieren wollen.

Daher ist das Schreiben von Büchern die einzige Antwort, die ich habe, um zu versuchen, die Welt zu verstehen, und die einzige Möglichkeit, den Versuch zu wagen, darüber zu sprechen, etwas davon einzufangen – vielleicht diese Frage nach Einsamkeit inmitten des Kollektivs, nach der Auswirkung einer Gewalt wie dieser, die soeben auf uns einschlug, ja, nach der Einsamkeit jedes Einzelnen in der Gemeinschaft mit anderen – das erfahrbar zu machen, darum geht es.

Weiter zu Seite 2

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.