Muriel Barbery:
Das Leben der Elfen

7 Jahre nach ›Die Eleganz des Igels‹ - 7 Pflanzen, die einen Eindruck von der ganz besonderen Rolle der Natur im Roman vermitteln.

magazin_elfen_neuMehr als 7 Jahre ist es her, dass Muriel Barbery uns mit ›Die Eleganz des Igels‹ verzauberte. Die Vorfreude auf ihren neuen Roman ›Das Leben der Elfen‹ ist groß. Um Ihnen die Wartezeit etwas zu verkürzen, verraten wir bis zum Erscheinen des Buches am 18. März jeweils 7 Details rund um den Roman. Heute: 7 Pflanzen, die einen Eindruck von der ganz besonderen Rolle der Natur im Roman vermitteln.

1. Weißdorn

Spring branch

Den Weißdorn liebte Maria über alles. Sie liebte seine silbergraue Rinde, die erst mit dem Alter braun und rissig wurde, und die duftigen Blüten von einem Weiß, das so delikat rosa gefärbt war, dass es einem Tränen in die Augen trieb; sie liebte es, diese Blüten in den ersten Maitagen mit Eugénie zu pflücken, wobei sie achtgaben, sie nicht zu zerdrücken, um sie sogleich zum Trocknen in der Vorratskammer auszulegen, die dann einem Brautgemach glich. Sie liebte schließlich den Aufguss, den man jeden Abend zubereitete, indem man einen Löffel von den Blüten in eine Tasse kochendes Wasser gab. Eugénie schwor, dass dieser Trunk Seele und Herz stärke (was die moderne Pharmakopöe nachgewiesen hat) und außerdem wie ein Jungbrunnen wirke (was in den Büchern nicht belegt ist).

2. Immergrün

Periwinkle .Hand drawn watercolor painting on white background.»Und das Immergrün, hat es nicht etwas Schwermütiges?«
»Ja, es hat etwas Schwermütiges.«
»Schenkt man es nicht, um seine Traurigkeit auszudrücken?«
»Man schenkt es auch, um höflich seine Traurigkeit auszudrücken.«
»Es ist doch Immergrün aus unseren Wäldern?«
»Es ist das Immergrün von der Böschung hinter den Kaninchenställen.«
»Das nicht so wirksam ist wie das aus den Wäldern?«
»Das kommt drauf an, mein Kleines, das kommt auf den Wind an.«

3. Pfefferminze

Watercolor mint. Hand draw mint illustration. Herbs vector object isolated on white background. Kitchen herbs and spices banner.

Wenn Eugénie glücklich war über ein mühevolles Leben, das sie nicht gewählt hatte, dann deshalb, weil sie unentwegt in den Gebeten lebte, zu denen sie mit fünf Jahren von einem Pfefferminzblatt im Garten ihrer Mutter angeregt worden war. Sie hatte den grünen Fluss der duftenden Pflanze in ihren Adern gespürt, einer Pflanze, die nicht nur eine wunderbar auf ihre Fingerspitzen und ihren Geruchssinn abgestimmte Materie war, sondern die darüber hinaus ohne Worte eine Geschichte erzählte, von der sie sich wie von der Strömung eines Flusses hatte treiben lassen. Da war eine unglaubliche Klarheit über sie gekommen, und sie hatte in Bildern eine Reihe von Handgriffen gesehen, die sie mit klopfendem Herzen ausführte, bis sie von den Ausrufen der Erwachsenen unterbrochen wurde, die sie daran hindern wollten weiterzumachen – bevor sie begriffen, dass das Mädchen in die Wange gestochen worden war und sich mit dem feuchten, pfefferigen Minzeblatt das Gesicht einrieb, um den Schmerz zu lindern.

4. Schwertlilie

19th-century illustration of a gladiolus. Engraving by Pierre-Joseph Redoute. Published in Choix Des Plus Belles Fleurs, Paris (1827).

Da bemerkte sie die Schwertlilie. Sie wusste nicht, wo sie die Blume sah, sie war da und war nirgendwo, sie konnte sie betrachten, doch sie war unsichtbar, und ihre Anwesenheit war fühlbar, ohne dass sie sie orten oder ergreifen konnte. Sie war kleiner als die Schwertlilien aus dem Garten und hatte weiße, von unregelmäßigen, blassblauen Streifen durchzogene Blütenblätter und ein purpurviolettes Inneres mit orangefarbenen Staubgefäßen. Es ging eine Frische von ihr aus, die sie zunächst nicht einordnen konnte, bis sie plötzlich begriff, dass es die Frische der Kindheit war. Das war es also … Sie wusste jetzt, warum man die Schwertlilie nicht sehen konnte, obschon sie sie so deutlich wahrnahm, und ihr wurde klar, wie sie ihre Aufgabe zu Ende führen musste. Sie zuckte zusammen, als sie die Botschaft der Blume las, deren Buchstaben nach den Freuden der Kindheit dufteten. Dann entspannte sich ihr ganzes Wesen, das sich der Begabung bedingungslos hingab, und Eugénies Geist kehrte mit einem nie gekannten, intensiven Lebensgefühl in den siebenundachtzigjährigen Körper zurück, den sie vergessen hatte, als Maria sie zum zweiten Mal leicht an der Schulter berührt hatte.

5. Veilchen

Elfen Veilchen

Während der ganzen Dauer der Gefechte, die eine klaffende Wunde in den Himmel Frankreichs rissen, hatte sie die Einsicht erschüttert, dass die Veilchen mit derselben Anmut verblühten wie immer, und als sie ihren Sohn verloren hatte, kam ihr die Schönheit der Wälder wie eine Schändlichkeit vor, die sich nicht erklären ließ, auch nicht in den Seiten der Heiligen Schrift, denn es war unfassbar, dass eine so prachtvolle Welt und ein solcher Schmerz nebeneinander bestehen konnten.

6. Eisenkraut

Twig of flowering verveine on white background

Man wurde nicht müde, diese Bäuerin zu betrachten, deren gemessene, gleitende Schritte den von unzähligen Nöten zerschundenen Herzen Erholung brachte. Maria, die sich gerne an ihre Röcke drängte, schnupperte den Duft des Eisenkrauts, das Lorette in Stoffsäckchen füllte und in ihre Kleider nähte; wo immer sie ging, verbreitete sie einen Wohlgeruch nach Bäumen und Speisekammern, sodass man den Eindruck gewann, es fehle dieser Gegend nicht an Raffinesse, auch wenn es von Tölpeln nur so wimmelte.

7. Knoblauch und Thymian

garlic, whole and slice. watercolor painting on white background

 

Ihre Begabung machte den Weg des Knoblauchs und des Thymians im Blut des Kranken sichtbar, und ihr Traum steiger¬te deren Viskosität und ölte die Wände der Eingeweide, damit es schwieriger würde, Dornen einzuschlagen. Sie träumte noch intensiver und ölte die schon festsitzenden Haken, bis sie von den zerdrückten Knoblauchzehen und den Thymianzweiglein fortgetragen wurden, während deren heilende Kräfte in die vom Feind gebohrten Löcher drangen und die Wunden dank ihrer wohltätigen Wirkstoffe vernarben ließen.

 

 Thyme, watercolor illustration
Ab 18.3. als Hardcover und eBook erhältlich

Muriel Barbery
Das Leben der Elfen
Muriel Barbery
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