Lorenza Gentile: ›Erkläre, warum du Weihnachten magst‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

Gentile mag

Fortsetzung:

Am Weihnachtstag bin ich um sechs Uhr aufgestanden und auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer gegangen, um die Geschenke unterm Baum zu sehen. Weil der Baum klein war, lagen sie aber nicht darunter, sondern daneben und bedeckten den ganzen Tisch. Ich machte mir zwar keine großen Hoffnungen, aber ich hatte trotzdem Lust, sie auszupacken, denn man kann ja nie wissen. Ich denke immer: Vielleicht haben meine Eltern mir ja diesmal gekauft, was ich mir wünsche!
Ich musste stundenlang warten, denn meine Eltern wachen nie vor neun Uhr auf. Und nach dem Aufstehen mussten sie erstmal frühstücken. Erst als Mama zwei Tassen Tee getrunken, drei braune Kekse von denen aus Vollkorn, die nur sie mag,  gegessen und sich die Zähne geputzt hatte, und als Papa die ganze Zeitung (von gestern) gelesen hatte, haben sie mir endlich erlaubt, Matilde zu wecken. Wenn sie schläft, kommt ihr immer ein bisschen Spucke aus dem Mund, und wenn ich sie wecke, sagt sie immer »du nervst«, statt »Guten Morgen«. Sie hat über eine halbe Stunde gebraucht, um aufzustehen und eine ganze Weile, um sich anzuziehen. Meiner Meinung nach war das Absicht, aber dann ist sie endlich aus ihrem Zimmer gekommen, wir haben uns alle vor dem kleinen Tischbäumchen versammelt, und der Moment der Geschenke war da.
Jedes Mal hoffe ich, dass ich das bekomme, was ich mir in dem Brief an den Weihnachtsmann wünsche. Den muss ich schreiben, weil meine Eltern es wollen, dann lege ich ihn einen Monat vor Weihnachten auf die Fensterbank, und später ist er weg.
Aber ich bekomme nie das, was ich mir wünsche. Und nicht mal etwas, was ein bisschen ähnlich aussieht.
Beim letzten Mal habe ich mir ein Mikroskop gewünscht und einen Fußball bekommen. Wenn ich eine Eismaschine für Profis haben möchte, kriege ich Filzstifte. Wenn ich die Zeitschrift vom WWF haben möchte, packe ich einen Plüschpanda aus.
Dabei spiele ich gar nicht mit Plüschtieren und mit Fußbällen auch nicht.
Aber meine Eltern merken das nicht mal. Sie haben es noch nie gemerkt.
Immer klebt ein Zettel an dem Paket und darauf steht: »Tut mir leid, Teo, was du wolltest, habe ich nicht gefunden. Ich hoffe, du bist hiermit zufrieden. Dein Weihnachtsmann.«
Ich weiß aber genau, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt! Warum sollten diese Zettel sonst alle in Mamas Handschrift geschrieben sein? Und warum lässt er sich nie blicken? Und seit wann können Rentiere fliegen? Dahinter stecken meine Eltern, wie alle Eltern, die so tun, als wären sie der Weihnachtsmann. Aber warum sagen sie nicht einfach die Wahrheit? Etwa, um jemanden zu haben, dem sie die Schuld geben können, wenn sie mich nicht glücklich machen können?
Jedenfalls sage ich nichts, auch wenn die Geschenke mir nicht gefallen.
Meine Eltern wären furchtbar enttäuscht. Und weil ich selbst schon enttäuscht bin, ist es zwecklos, sie auch noch zu enttäuschen.
Dann wäre meine ganze Familie traurig; meine Schwester Matilde ist immer traurig, also wäre sie es dann todsicher auch.

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Die Geschenke bei uns zu Hause sind einer der Gründe, warum ich Weihnachten nicht mag. Aber der wahre Grund ist, dass in glücklichen Familien zu Weihnachten Lieder gesungen werden, dass man lacht und Witze macht und Gedichte vorliest. Bei uns dagegen sind alle still.
Die Stille bei meinen Eltern ist anders als die Stille bei zwei Menschen, die sich nichts zu sagen haben, sich aber trotzdem mögen. Die Stille bei meinen Eltern ist eine, die in Wirklichkeit schreien will, es aber aus irgendeinem Grund nicht tut. Sie ist noch schlimmer als die Stille in der Klasse, wenn die Lehrerin jemanden zum Abfragen aussucht, oder die Stille, wenn Guglielmo abgefragt wird und keine Antwort weiß. Und das heißt etwas, denn bevor meine Eltern anfingen, sich nicht mehr liebzuhaben, war die Stille in der Klasse die, die mir am meisten Angst machte.
Als würde das nicht schon genügen, zieht bei uns zu Weihnachten niemand bunte Pullis an und isst Bonbons. Wir essen Tortellini, weil Mama glaubt, dass sie Glück bringen. Ich glaube nicht daran, denn wenn das stimmen würde, müsste es uns nach all den Tortellini, die wir bis heute gegessen haben, viel besser gehen.
Hoffentlich kriege ich keine schlechte Note, weil ich die Wahrheit gesagt habe. Ich kann mich nicht so gut verstellen, darum bekomme ich beim Krippenspiel auch immer die Rolle des Baums.
Wenn ich meine Meinung über Weihnachten sagen soll, dann sage ich, dass es schöner wäre, wenn man den Weihnachtsbaum mit Tennisbällen schmücken könnte und wenn Großmutter dabei wäre.
Aber nicht traurig sein, liebe Lehrerin, denn einmal hat Weihnachten mir Spaß gemacht, das war, als ich sechs war und wir nach Frankreich gefahren sind. Statt des Panettone gab es eine platte Torte mit einer glänzenden Kruste, die hieß »Dreikönigskuchen« und darin steckt ein Ring, den dann jemand auf seinem Teller findet. An dem Abend habe ich den Ring gefunden. Er war nicht echt, sondern nur aus Papier, aber das hat mir nichts ausgemacht. Ich habe mich sehr gefreut. Der Ring bedeutete, dass ich an dem Abend der König war und jemand zu meiner Königin krönen musste. Da habe ich Mama gekrönt. Papa war nicht mal eifersüchtig, denn wir spielten ja nur. Und sie haben nie gestritten, die ganze Zeit in Frankreich.
Frankreich ist ein Land, das mir sehr gut gefällt, weil es die Heimat von Napoleon ist, das ist ein Held, der alle Schlachten gewonnen hat und mir helfen wird, meine Familie zu retten (mehr kann ich aber nicht sagen, denn es ist ein Geheimnis). Wenn man zu Weihnachten nach Frankreich fahren muss, um glücklich zu sein, lohnt sich das meiner Meinung nach auf jeden Fall. Dafür würde ich gern auf Geschenke und den Panettone verzichten.

 

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