Lorenza Gentile: ›Erkläre, warum du Weihnachten magst‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

Gentile mag

Normalerweise mögen alle Kinder Weihnachten. Man kriegt viele Geschenke und muss mindestens zwei Wochen lang nicht zur Schule (ist nicht böse gemeint, die Schule ist okay, aber Ferien sind besser). Zu Weihnachten kommt die Familie zusammen und alle sind glücklich.
Bei mir zu Hause ist es aber nicht so, und darum mag ich Weihnachten ehrlich gesagt nicht.
Erstens besteht das Weihnachtsfest, das man in Filmen sieht, aus sehr großen Familien, aber wir sind bloß zu viert: ich, Mama, Papa und meine Schwester Matilde. Früher kam Großmutter zu uns, die ich von allen in unserer Familie am liebsten habe. Sie ist alt, aber es war lustiger, als sie noch dabei war. Sie brachte Nougatbonbons mit und hatte immer Geschichten zu erzählen. Aber Großmutter kommt nicht mehr, weil sie alles vergessen hat und nicht mehr aus dem Krankenhaus für Alte raus kann. Wir haben sie besucht, aber das war nicht dasselbe.
Sie wusste nicht mal mehr, was das ist, Weihnachten.
Mein Kindermädchen Susu fährt zu ihrer Familie und bleibt dort bis Januar. Susu hat mir erzählt, dass Weihnachten in ihrem Land im Sommer stattfindet, weil die Jahreszeiten da umgekehrt sind. Sie feiern im Badeanzug am Strand, und ich glaube statt der Tanne haben sie eine Palme (aber bitte, liebe Lehrerin, sag meinem Kindermädchen nicht, dass ich das in der Klassenarbeit geschrieben habe, denn ich weiß nicht, ob ich es verraten darf).
Bei uns müsste es eigentlich schneien, aber es schneit nie. Das Problem ist aber nicht nur, dass es nicht schneit und wir eine kleine Familie sind. Denn abgesehen davon fängt jedes Weihnachten bei uns zu Hause gut an und endet dann sehr schlimm.
Auch in diesem Jahr war das so. Mama hatte mir gesagt, dass ich den Weihnachtsbaum vielleicht mit Tennisbällen schmücken darf, das war nämlich mein Vorschlag gewesen. Sie hatte vielleicht gesagt, aber für mich klang sie ziemlich erfreut, also beschloss ich, alle zu überraschen. Mama hatte den Baum aufgestellt, dann war sie rausgegangen, und ich war mit Susu allein in der Wohnung, aber Susu kochte, also bin ich heimlich ins Zimmer meiner Schwester Matilde gegangen. Ich habe all ihre Tennisbälle mitgenommen, es waren viele. Bestimmt würde ihr das gut gefallen, die alle am Weihnachtsbaum zu sehen!

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Unsere Tanne ist sehr hoch, aber aus Plastik, und sie verliert überall Nadeln, darum ist sie nicht besonders schön. Ich musste auf einen Stuhl klettern, nur so habe ich es geschafft, jeden Ball auf einen oder zwei Zweigen abzulegen, die ich vorher mit einem Faden zusammengebunden hatte. Währenddessen fiel mir ein, dass es vielleicht lustiger aussieht, wenn ich die Bälle bunt anmale. Also habe ich sie alle wieder eingesammelt und bin in Papas Arbeitszimmer geschlichen. Ich wollte die Farbdosen holen, die er benutzt, um Sachen wie den Stuhl im Garten anzustreichen, wenn er Zeit hat, also nie, darum waren die Dosen auch alle noch fast voll. Auf dem Fußboden habe ich eine Zeitung ausgebreitet, damit nichts schmutzig wird. Dann habe ich die Bälle einen nach dem anderen in die Farbdosen getunkt. Meine Finger waren voller Farbe, aber ich konnte sie ja hinterher waschen. Die bunten Bälle habe ich nebeneinander auf das Zeitungspapier gelegt. Leider sind sie dann alle über den Boden gerollt. Ich musste sie mit den Händen einfangen und dabei wurde mein Pulli schmutzig, der Teppich und auch die Wand, gegen die sie gerollt waren. Als ich versucht habe, die Flecken an der Wand und die auf dem Teppich mit einem Taschentuch sauber zu wischen, sind sie immer größer geworden und nicht weggegangen. Macht nichts, dachte ich, Susu weiß bestimmt, wie man damit fertig wird. Weil die Bälle lange brauchten, um zu trocknen, habe ich sie geföhnt. Als sie trocken waren, habe ich sie wieder auf den Baum gelegt. Das sah wunderschön aus. Dann kam mir noch eine Idee: Ich konnte die Schleifen holen, die Matilde sich in die Haare gebunden hat, als sie klein war, damit würde der Baum noch schöner aussehen. Also bin ich in ihr Zimmer zurückgegangen und habe überall gesucht, bis ich die Schleifen fand. Ihre Ringe und Ketten habe ich auch mitgenommen, weil die gut zu dem Baum passen würden.
Als ich fertig war, habe ich in der Nähe gewartet, dass die anderen zurückkommen, denn ich wollte sehen, was sie für ein Gesicht machen würden, wenn sie den Baum sahen. Zuerst kam Papa, der den Baum nicht mal bemerkt hätte, ich musste es ihm sagen, aber er schien in Gedanken versunken, denn er hat bloß »hübsch« gesagt. Ich habe nicht weiter gefragt, denn das schien mir immerhin ein gutes Zeichen zu sein. Gleich danach kam meine Schwester, und sie hat bloß einen angewiderten Blick auf den Baum geworfen und nichts gesagt, bis ihr klar wurde, dass das ihre Bälle, ihre Ketten und ihre Ringe waren. Da hat sie ein Riesentheater gemacht, ausgerechnet in dem Moment, als Mama reinkam, die dann noch wütender wurde als Matilde. Ich musste weinen, denn ich dachte, ich hätte etwas Schönes gemacht, aber es gefiel keinem. Mama hat den Baum mit den Bällen weggeworfen und am nächsten Tag ein winziges Bäumchen gekauft, das hat sie auf den Tisch gestellt und gesagt, dieses Jahr muss das reichen und Schluss. Ich glaube, das war eine Strafe. In Wirklichkeit gefiel mir der kleine Baum, denn er war neu und darum nicht so kahl wie der alte, und außerdem war er mit künstlichen Schneeflocken dekoriert. Wenn wir keinen echten Schnee haben, kann man ruhig unechten nehmen.
Danach hat lange keiner mehr mit mir gesprochen, und jedes Mal, wenn meine Schwester das Bäumchen sah, hat sie mich angeguckt und war ganz rot vor Wut.
Wie hätte das schon enden sollen, bei so einem Anfang?
Sehr schlimm natürlich, wie jedes Jahr.

Fortsetzung folgt…

 

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