Patrick Modiano gewinnt den Literaturnobelpreis 2014

»Modianos Wortwelt wirkt wie ein Magnet, dem man sich nicht entziehen kann.« Martina Meister, ›Literaturen‹

Modiano Paris mit Rahmen fuer Magazin

Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2014 wurde dem französischen Schriftsteller Patrick Modiano verliehen »für die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit durchschaubar gemacht hat«. Patrick Modiano, 1945 geboren, ist einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française und den Prix Goncourt. Im Jahr 2012 wurde er für sein literarisches Gesamtwerk mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur geehrt. Von Peter Handke für die deutschen Leser entdeckt, erschienen viele seiner Romane auch in deutscher Übersetzung, zuletzt »Der Horizont« und »Gräser der Nacht«. Patrick Modiano lebt in Paris. Hier ist eine Übersicht über seine bei dtv erschienen Werke:

Place de l’ètoile

Sein Erstling machte Patrick Modiano über Nacht berühmt: So offensiv wurde noch nie mit jüdischen und antijüdischen Klischees gespielt. Der Held Raphaël Schlemilovitch führt viele schillernde Leben, als Kollaborationsjude«, als Geliebter von Eva Braun, als jüdischer Mädchenhändler. Er kommt mehrfach zu Tode und reist durch Zeiten und Länder. Bis er schließlich auf der Couch von Dr. Freud im Wien der sechziger Jahre erwacht.Ein so unterhaltsamer wie provokanter Parforceritt – und ein literarischer Befreiungsschlag von antisemitischen Zuschreibungen.

Dora Bruder

Wer war Dora Bruder?
Modiano stieß in einer alten Zeitung, dem ›Paris Soir‹ vom 31. Dezember 1941, auf folgende Anzeige: »Gesucht wird ein junges Mädchen, Dora Bruder, 15 Jahre alt, ovales Gesicht, graubraune Augen …« Seit diesem Tag ließ ihn das Schicksal des jüdischen Mädchens im Paris unter der deutschen Besatzung nicht mehr los, und er begann ihre Geschichte zu rekonstruieren. Fast zehn Jahre lang hat Modiano Ämter, Polizeipräfekturen, Archive und Antiquariate durchforscht und ist dabei auch einem Teil seiner eigenen Identität nähergekommen.

Die Kleine Bijou

Als die neunzehnjährige Thérèse im Menschengewühl der Metrostation Châtelet ihre verschollene Mutter wiederzuerkennen glaubt, stürzen die Erinnerungen an die Kindheit im Pariser Bois de Boulogne mit aller Macht auf sie ein. Wie in einem unheimlichen Traum jagt Thérèse der Gestalt hinterher und wird dabei selbst von den Bildern der Vergangenheit verfolgt.

Patrick Modiano
Place de l'Étoile
Patrick Modiano
Dora Bruder
Patrick Modiano
Die Kleine Bijou

Im Café der verlorenen Jugend

Schon als junges Mädchen ist Louki aus der Wohnung der Mutter, einer Platzanweiserin im Moulin Rouge, immer wieder weggelaufen. Den Vater hat sie nie gesehen. Ihren Mann, einen wohlsituierten Immobilienmakler, verließ sie ein Jahr nach der Heirat wieder. Sie verkehrt in einem esoterischen Zirkel, schnupft mit einer Freundin ab und zu ein bisschen »Schnee« und verliebt sich schließlich in den angehenden Schriftsteller Roland. Gemeinsam streifen sie tagelang durch die große Stadt. Im Café Le Condé, dem »Café der verlorenen Jugend« in Saint-Germain-des-Prés, glaubt Louki Zuflucht zu finden, während der Detektiv ihres Mannes schon ihre Spur aufgenommen hat.
Mit wunderbarer Leichtigkeit erschafft Patrick Modiano, der große zeitgenössische Literat Frankreichs, eine unvergleichliche Atmosphäre, in der das Paris der frühen Sechzigerjahre wiederaufersteht.

Aus tiefstem Vergessen (erscheint Anfang November 2014)

Jacqueline lebt in den sechziger Jahren mit Gérard in einem Hotel im Pariser Quartier Latin, schnüffelt Äther und träumt von einem Leben auf Mallorca. Zusammen mit Gérard lernt sie auf der Straße den Ich-Erzähler kennen, wird seine Geliebte, überredet ihn zu einer Diebestour und brennt mit ihm und einem Koffer voll gestohlenem Geld nach London durch. Ein polnischer Jude, der mit Immobilien handelt, vermittelt ihnen dort eine Wohnung. Doch eines Tages kommt Jacqueline nicht mehr nach Hause. Als der Erzähler sie nach fünfzehn Jahre zum ersten Mal auf einer Party in Paris wiedersieht, scheint sie ihn nicht mehr zu kennen …

Unbekannte Frauen (erscheint Anfang November 2014)

Drei junge Frauen, knapp über zwanzig, einsam und ohne gesicherte Identität, erzählen aus ihrem Leben: Eine bewirbt sich als Mannequin und scheitert. Sie zieht von Lyon nach Paris und wird die Geliebte eines Mannes, der unter falschem Namen in wechselnden Hotels lebt – bis er eines Abends spurlos verschwunden ist. Ein Mädchen aus Annecy träumt von der großen Liebe, gerät aber immer nur in die Fänge skrupelloser Männer – bis sie schließlich zur Pistole ihres Vaters, eines verstorbenen Widerstandskämpfers, greift und abdrückt. Und eine andere kehrt nach einer gescheiterten Liebe aus London nach Paris zurück und flüchtet in einen esoterischen Zirkel geschickter Seelenfänger.

Patrick Modiano
Im Café der verlorenen Jugend
Patrick Modiano
Aus tiefstem Vergessen
Patrick Modiano
Unbekannte Frauen

Unfall in der Nacht (erscheint Anfang November 2014)

»Spät in der Nacht, vor sehr langer Zeit, kurz bevor ich volljährig wurde, da überquerte ich die Place des Pyramides in Richtung Concorde, als ein Wagen aus der Dunkelheit auftauchte. Zunächst glaubte ich, er habe mich gestreift, dann spürte ich einen stechenden Schmerz vom Knöchel bis hinauf ins Knie.« Leicht verletzt wird der Zwanzigjährige zusammen mit der Fahrerin des »wassergrünen Fiats« ins Krankenhaus gebracht. Während er von Äther betäubt in einen tiefen Schlaf fällt, verschwindet die Frau.
›Unfall in der Nacht‹ erzählt von der Suche nach einer verschwundenen Frau in den Pariser Straßen, Kneipen und Cafés der sechziger Jahre und zugleich von der Kindheit des Ich-Erzählers, dessen Vater eines Tages ebenfalls spurlos verschwand.

Ein Stammbaum (erscheint Anfang November 2014)

Die Mutter, eine schöne Flämin, kommt 1942 durch einen Offizier der Propagandastaffel nach Paris, um eine Schauspielkarriere zu beginnen. Der Vater, während der deutschen Okkupation als Jude verfolgt, ist ein Lebemann, der vom großen Geld träumt und alles, was er bei zwielichtigen Geschäften gewinnt, bald wieder verliert. Die Ehe der Eltern – eine Fehlentscheidung. Zwei Söhne haben sie, der jüngere stirbt im Alter von neun Jahren. Der ältere, Patrick, wird ins Internat abgeschoben, flieht, wird erneut eingesperrt, immer wieder, bis er schließlich mit dem Vater bricht, sich mit kleinen Diebstählen durchschlägt und sein erstes Buch schreibt, mit dem er auf Anhieb Erfolg hat.
Patrick Modiano erzählt von seiner unglücklichen Kindheit. Ohne Pathos, ohne Sentimentalität, ohne Hass oder Anklage: »Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum.«

Patrick Modiano
Unfall in der Nacht
Patrick Modiano
Ein Stammbaum

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