Omid Nouripour: ›Weihnachtspannen‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

Nouripour Mag

Weihnachten habe ich als Kind in Teheran erlebt. Meine Eltern, meine Schwester und ich wohnten in einem Zwei-Parteien-Haus, die andere Etage bewohnte die Familie meiner Tante. Mein Cousin und ich waren Klassenkameraden, wir besuchten eine christliche Grundschule in Teheran. Der Vater meines Cousins ist ein assyrisch-orthodoxer iranischer Christ. Von Geburt an waren mein Cousin und ich wie Pech und Schwefel, also war es klar, dass wir auf dieselbe Schule gingen. Meine Eltern fanden es schön, dass ich auf diese Weise noch eine andere Religion kennenlerne. So war es dann logisch, dass unsere beiden Familien zuhause gemeinsam Weihnachten feierten, mit Baum, Geschenken und Gesang. Wobei der Gesang in assyrischer Sprache war – wunderschöner Klang, für mich mysteriös unverständlich.
Nach Deutschland gekommen, war es für meine Eltern selbstverständlich, einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Wir fingen mit einem etwa 25 Zentimeter großen Plastikbaum an. Mit der Integrationsleistung stiegen Größe und Harz-Inhalt jährlich. Besonders beliebt waren bei uns die im Iran damals völlig unbekannten Aldi-Stollen, aus denen der Marzipan nur so quoll. Leider standen diese Delikatessen nicht das ganze Jahr über in den Regalen.
Was ich nie verstand, waren die Geschehnisse auf der Zeil, der schönsten Einkaufsmeile des Universums, in der Mitte von Frankfurt. Meine Mutter, Dipl. Ing., arbeitete dort als Auffüllerin in der Schmuck-Abteilung. Sie kam ab Anfang Oktober nur noch übermüdet nach Hause, kaum mehr ansprechbar. Auf der Zeil standen riesige Busse, die aber nicht fuhren, sondern gegen Geld die Einkäufe der Leute aufbewahrten – damit sie in der Zwischenzeit noch mehr einkaufen konnten. Die nächsten freien Parkplätze gab es zwei Bundesländer weiter, legal waren auch diese nicht. Fragen nach Taschengeld oder Klassenfahrten klärte ich allein – oder ab Januar wieder. »Wir waren heute komplett überlaufen«, war der einzige Satz, den sie zwischen Haustür und Bett noch herausbekam.
Die Politik trieb mich über die Jahre nach Berlin, wenn auch nur in Teilzeit. Dort musste ich feststellen, dass es noch mehr Weihnachtsmythen gibt. Frisch im Parteiamt bei den Grünen angekommen, schrieb ich natürlich Weihnachtskarten an alle, deren Visitenkarten ich hatte – unabhängig davon, ob ich sie kannte oder nicht. Heute schreibe ich nur noch eine Mail und rette Jahr für Jahr mehrere Hektar Wald durch das Sparen des Papiers.

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Es begab sich, dass ich, gelangweilt von den üblichen Kitschsprüchen, mir etwas Originelles ausdenken wollte. Voller Orientalen-Weltschmerz stieß ich auf ein Mao-Zitat. Der Mann mit dem roten Buch faselte darin irgendwas von »nur das Volk schreibt die Geschichte«. Leider falsch. Und aus dem Mund eines Mannes, unter dessen Herrschaft Millionen Menschen umgebracht wurden, besonders zynisch. Ich dachte drei Mal um die Ecke und schrieb den Satz in meine Weihnachtsgrüße. Prompt bekam ich meine gerechte Strafe von einem Journalisten, der mir dafür in der Zeitung die »Kopfnote sechs« verpasste. Er hatte recht.
Meine weihnachtliche Pannenserie riss nicht ab. Mitte Dezember letzten Jahres rief mich eine Journalistin einer Zeitung mit sehr großen Buchstaben an.
Sie: »In diesen schwierigen Zeiten wäre es doch schön, wenn zu Weihnachten in deutschen Kirchen muslimische Lieder gesungen werden würden, oder?«
Ich: »Äh, Entschuldigung, es ist Weihnachten. Die Idee macht nur Sinn, wenn dann auch in Moscheen Weihnachtslieder gesungen werden würden.«
Sie: »Wunderbare Idee, darf ich Sie damit zitieren?«
Ich (Depp): »Äh, ok!«

Am nächsten Tag wurde ich korrekt zitiert – unter der Überschrift: »Politiker fordern: In unseren Kirchen sollen zu Weihnachten muslimische Lieder gesungen werden!«
Der unvermeidbare Wolfgang Bosbach beschimpfte mich öffentlich, Lutz Bachmann – der mit dem Schnurbart – griff die Meldung auf der nächsten Pegida-Demonstration auf (kurz vorher alle so: »LÜ-GEN-PRE-SSE! LÜ-GEN-PRE-SSE!«) und über 500.000 Menschen besuchten mich feierlich bei Twitter, Facebook und an vielen anderen Orten, an denen Menschen ihren Hass auf alles therapeutisch ausleben dürfen. Die meisten und wüstesten Beschimpfungen kamen übrigens an Heiligabend, zu einer Zeit, in der ich mit meiner evangelisch erzogenen Frau und unseren Kindern in der Kirche war, um Weihnachtslieder zu singen. Später aßen wir sehr lecker und packten die Geschenke unter dem Baum aus – was deutsche Familien halt so machen.
Ich wünsche allen, die Angst um das Abendland haben, dass sie aufhören, Hass in die Tasten zu hauen und sich stattdessen um christliche Werte kümmern. Ich wünsche ihnen, dass sie sich in der Kirche engagieren, statt sich von einer fiktiven Islamisierung in Panik versetzen zu lassen.
Ich wünsche ihnen und allen anderen eine wunderschöne und besinnliche Advents- und Weihnachtszeit, in Hoffnung auf Jesu Botschaft des Friedens auf Erden.

 

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Alle Titel des Autors:

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