Prime Time

Jubiläum 25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Olaf Hintze

Hintze, Tonspur

Wahnsinn. Kein anderes Wort konnte die Ereignisse dieser Nacht besser fassen. »Es war Wahnsinn, als ich in der Tagesschau des 9. November 1989 die Schlagzeile ›DDR öffnet Grenzen‹ und die entsprechenden Berichte sah. All die Unklarheiten über die Pressekonferenz, das verwirrende Deutsch der Behörden, und dann, in den Nachtstunden, die Bilder all der Menschen, die einfach Fakten geschaffen haben. Es war unglaublich, einfach Wahnsinn!« Prime Time. Keine Minute wich er in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vom Fernseher.

Fast alle Sender übertrugen die Geschehnisse dieser Nacht, in der sich in Berlin die Menschen an der Mauer sammelten, dann durch die offenen Grenzübergänge in beide Richtungen strömten und schließlich ganz von ihr Besitz ergriffen. Es war unglaublich: Menschen standen, saßen, tanzten auf der Mauer. Sektkorken knallten, Fremde fielen einander in die Arme.

»An diesem Abend wäre ich sehr gern in Erfurt oder gar in Berlin gewesen.« Übernächtigt arbeitete er am folgenden Freitag nur ein paar Stunden in der Werkstatt, um so schnell wie möglich wieder vor den Fernseher zurückzukehren. Und den ersten Besuch seiner Eltern zu erwarten.

Die hatten keinen Moment gezögert und sich am Freitag gleich nach Dienstschluss mit dem Lada auf den Weg zu ihm nach Morbach-Hundheim gemacht. Es gibt Momente, für die reicht die Fantasie nicht aus. Die Ankunft seiner Eltern im neuen Leben ist so ein Moment. Was sagt oder fühlt man in so einer Situation? Er weiß es nicht. Ohne dass er es steuern könnte, übernimmt die Musik das Kommando im Kopf. Prime time. »Well even the longest night won’t last forever. But too many hopes and dreams won’t see the light and all of the plans I make won’t come together.«

Er hatte seine Eltern längst umarmt, ungläubig wieder und wieder mit der Hand auf das Autodach des Ladas die Melodie des Songs von Alan Parsons Project geklopft und konnte es dennoch nicht fassen. So was erlebt man nur einmal, Moment ohne Generalprobe. »Something in the air, maybe for the only time in my life. Something in the air, turning me around and guiding me right. And it’s a prime time, maybe the stars were right.« Einfach alles stimmte. Wahnsinn.

»Meine Eltern wiederum waren sprachlos, als sie die große Wohnung sahen und all mein gespartes Bargeld, das ich an diesem Tag auf der Matratze liegen hatte. ›So viel Westgeld, um Gottes willen!‹ Mein Vater war beeindruckt. Für unsere Verhältnisse war das ein Vermögen. Ich hatte in den letzten neun Wochen jede Mark für den Neuanfang in München gespart.«

Bargeld und Wohnung wurden zu Symbolen für das neue Leben, das er sich in so kurzer Zeit aufgebaut hatte. »Es war schön zu spüren, dass ich sie beeindruckt habe. Den Satz ›Das macht er doch nie‹ hatte ich noch nicht vergessen. Ich kann alles schaffen – das wusste ich in dem Moment. Abitur, geisteswissenschaftliches Studium. Es würde nicht einfach werden, aber es war zu schaffen.«

Sein neuer Start, sein Neuanfang im Westen war eines. Doch der Mauerfall hat unvorhergesehen auch seine Familie, seine Freunde und Kollegen in die Ausnahmesituation eines Neuanfangs gebracht.

Aus: ›Tonspur‹ von Olaf Hintze und Susanne Krones

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

Olaf Hintze, Susanne Krones
Tonspur - Wie ich die Welt von gestern...

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