Wolfgang Tischer auf den Spuren von Jack London

Interview mit Wolfgang Tischer / literaturcafe.de

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Wolfgang Tischer von ›literaturcafe.de‹ ist zurück! Seine Reise zu den Wirkungsstätten von Jack London ist vorbei. Sie führte ihn in die kanadische Hauptstadt Ottawa, an den Yukon River und in die Goldgräberstadt Dawson. Von seinen Eindrücken hat er uns bereits in einem Reisebericht und zwei Video-Podcasts erzählt. Nun schildert er in einem Interview, wie nah ihn dieses eiskalte Abenteuer an den Autor und Mensch Jack London gebracht hat.

Herr Tischer, was ist das Faszinierende an Jack London? Wieso haben Sie beschlossen, sich auf seine Spuren zu begeben?

Wie sich die Bauteile genau zusammengesetzt haben, weiß ich gar nicht mehr. Da war die Info des Doppeljubiläums im Jahre 2016: Jack Londons 100. Todestag und sein 140. Geburtstag. Dass er nur 40 Jahre alt wurde, hat mich erstaunt. Auch ich kann, wie fast jeder, die Geschichte erzählen, dass ich ihn in meiner Jugend gelesen habe. In meinem Fall standen zwei Bände mit Erzählungen im Bücherschrank meines Großvaters. Dann habe ich die Neuübersetzungen bei dtv entdeckt. Das soll jetzt hier auf der dtv-Website kein Honig ums Maul sein, aber irgendwie hat das für mich die Texte neu kalibriert und aufgewertet und ich habe mir die Bücher wieder angeschaut. Da sind die bekannten Titel wie » Der Seewolf« und »Der Ruf der Wildnis«, aber mich machte zunächst »König Alkohol« neugierig, weil dieser autobiografisch geprägte Text über Londons Alkoholsucht so gar nicht in das Bild des Abenteurers passte. Später im Laufe des Jahres soll ja noch Londons eigentlicher autobiografischer Roman »Martin Eden« erscheinen, auf den ich auch sehr neugierig bin. Das selbst Erlebte und das Erzählte liegen bei Jack London dicht beieinander, und vor allen Dingen das knappe Jahr am Yukon River und am Klondike haben ihn und sein Werk geprägt. Dass mir Tourism Yukon, Ontario Tourism und Air Canada die Recherche vor Ort ermöglicht haben, war natürlich großartig. Als ich hörte, dass die Reise im Winter erfolgt, musste ich erst schlucken, doch dann fand ich es einfach nur gigantisch, denn auch Jack London hat vor rund 120 Jahren dort einen Winter verbracht. Dennoch war die Frage bestimmend: Was ziehe ich bei -30 oder -40 Grad eigentlich an? Wie hält das die Technik durch? Auf jeden Fall war ein großer Akku-Vorrat wichtig, denn bei diesen Temperaturen sind die Dinger innerhalb von Minuten leer.

Was hat sie auf der Reise am meisten überrascht oder beeindruckt?

Die Kälte, die Einsamkeit und die Landschaft des Yukon. Dawson im Winter wirkt wie eine Insel in der Zeit, auf der nur die Einheimischen geblieben sind. Morgens um 5 Uhr stand ich eine Stunde lang auf dem zugefrorenen Yukon River und hielt nach Nordlichtern Ausschau, die sich jedoch nicht in voller Pracht zeigen wollten. Dennoch war das unvergleichlich. Wenn es so was wie eine mollige Wohlfühlkälte gibt, dann dort.

Beeindruckend fand ich auch, wie viel Energie vier Schlittenhunde aufbringen und wie freundlich und geduldig einem diese Tiere begegnen. Literarisch gesehen war ich sehr überrascht, dass im Yukon Jack London gar nicht die Nummer 1 ist. Tatsächlich ist es Robert W. Service, den man hierzulande wiederum gar nicht kennt. Service hat den »Zauber des Yukon« in wunderbaren Gedichten festgehalten. So was ist eingänglicher und besser zu zitieren als Prosa – aber eben kaum zu übersetzen. Es gab am Vortag meiner Ankunft in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territory, einen kleinen lokalen Shitstorm um Jack London. Ausgerechnet ein deutscher Journalist hatte für den Toronto Star einen dieser beliebten Artikel geschrieben: »Fünf Dinge, die man im Yukon gemacht haben muss«. Als fünften Punkt führte er die Bronzebüste von Jack London in Whitehorse an, die man unbedingt gesehen haben müsste. Ok, ich habe sie gesehen, aber ich finde nicht, dass man sie unbedingt gesehen haben muss.

Im Yukon selbst fand man die Auswahl jedoch noch weitaus befremdlicher. Warum Jack London und nicht die Büste von Robert W. Service, die 100 Meter weiter zu finden ist? Aus heutiger Sicht wird vor Ort im Yukon auch die Darstellung der Ureinwohner in Jack Londons Werk diskutiert. Das verkennt völlig, dass London als Sozialist wahrscheinlich sogar gedanklich viel weiter war, als es manche Leute heute sind … aber das ist ein anders Thema.

Auf jeden Fall echauffierten sich einige über diese Auswahl, und in einem Web-Artikel des kanadischen Fernsehsenders CBC wird der Tourismusdirektor des Yukon mit erklärenden Worten zitiert: »Jack Londons Romane werden in Deutschland im Schulunterricht behandelt, also ist vielen Deutschen Jack London sehr vertraut.« Diese Begründung fand ich wiederum sehr amüsant. So erschafft sich jeder sein eigenes Jack-London-Bild – oder das Bild, von dem er glaubt, dass der ander es von Jack London hat.

 

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 Wolfgang Tischer vor der ehemaligen Goldgräberstadt Dawson. Hier suchte auch Jack London sein Glück.

 

Sind Sie Jack London auf der Reise nähergekommen?

Speziell mein Bild von Jack London im Yukon hat sich verändert. Wenn man nach Jack London recherchiert, dann findet man immer Fotos, die ihn als gestandenen Mann in der Zeit nach dem Yukon zeigen. Doch als er als Goldsucher an den Klondike-River kam, da war er erst ein 21-jähriger Junge. Das einzige Bild, das es von ihm aus dieser Zeit gibt, zeigt ihn eher klein und schmächtig. Und dennoch hatte er damals schon in Fabriken geschuftet, war Kapitän, Austernpirat und Robbenjäger gewesen. Er hatte zwar literarische Ambitionen, aber sein Leben als Schriftsteller sollte erst noch beginnen. Dieses Bild muss man sich erst mal zusammensetzen. Aus heutiger Sicht muss man sich traurigerweise auch klarmachen, dass er damals mit 21 schon die Hälfte seines Lebens hinter sich hatte. Im Yukon soll man Jack London niemals schreibend gesehen haben. Er hat sich all die Notizen für seine Geschichten im Kopf gemacht.

Definitiv nähergekommen bin ich dem literarischen Jack London. Die vielen Orts- und Landschaftsnamen kann ich nun mit realen Plätzen verbinden. Hier stehen die Texte nun plastischer vor mir.

Wem empfehlen Sie seine Bücher?

Ich persönlich sehe Jack London erzählerisch auf einer Stufe mit Ernest Hemingway. Diese kühle, nüchterne Sprache und die Reduzierung auf das Wesentliche halte ich für sehr charakteristisch. Das Abenteurer-Image, die Alkoholsucht, die Arbeit als Autor und Journalist – auch sonst gibt es viele Parallelen zwischen den beiden. Aber der eine ist Nobelpreisträger und der andere wird als Jugendromanautor angesehen. So unterschiedlich sind Schriftstellerkarieren – und keiner weiß genau warum. Daher sollte jede und jeder in diesem Jahr »Der Ruf der Wildnis« lesen. Natürlich in der ungekürzten Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff. Das ist große Literatur und meisterliche Erzählkunst.

Vielen Dank für die spannenden Eindrücke!

 

Die Jack-London-Neuedition ist als Taschenbuch und eBook erhältlich:

Jack London
Lockruf des Goldes
Jack London
Der Seewolf
Jack London
König Alkohol

Jack London
Der Ruf der Wildnis
Jack London
Wolfsblut

 

 

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