Über Anstrengung

Feminismus, umweltbewusstes Leben, politische Korrektheit, die Auseinandersetzung mit Rassismus: Was all diese Dinge gemeinsam haben, ist, dass sie in meiner Generation, d.h. unter Student*innen und Menschen zwischen 16-30 Jahren, schon fast zum guten Ton gehören. Immer wieder diskutieren wir darüber, wie wir die Welt verbessern können. Was kann ich als Individuum machen, sodass es uns kollektiv gelingt, die Erde zu retten, den Rassismus zu besiegen oder das Patriachat zu verändern. Es wird sich über die neusten Bücher, das beste feste Shampoo oder auch den nächsten Skandal im linearen Fernsehen ausgetauscht – dabei bewegen wir uns in einer Filterblase, die fast keine anderen Meinungen mehr zulässt. Falls man doch einmal anderer Meinung ist, kann es schon zu tiefgehenden Diskussionen kommen oder einer Art Missionierung (vielleicht ein unpassendes Wort an dieser Stelle, aber ich denke, dass ihr versteht, was ich meine). Gleichzeitig sehen wir uns immer wieder damit konfrontiert, unser politisches Handeln, unsere Wortwahl, unsere Ernährung oder auch unseren Diskussionsbedarf zu erklären oder zu rechtfertigen. Gerade manche Menschen der älteren Generationen behaupten immer wieder, dass ein solches Denken zu radikal sei; man habe Dinge schon immer so gemacht und getan und deshalb solle man sich doch nicht so anstellen. Versteht mich bitte nicht falsch, aber um ganz ehrlich zu sein, sind diese Konversationen fast immer mit einer unglaublichen Anstrengung verbunden.

In Christian Linkers Toxische Macht wird seinem Charakter Maikel genau die Frage gestellt: Ist diese Art zu leben nicht unglaublich anstrengend? Maikel ist so alt wie ich und würde ich ihm im echten Leben begegnen, wären wir vermutlich Freunde. Würden uns über die vorher genannten Dinge austauschen und vielleicht auch feststellen, dass es anstrengend ist. Aber Maikel wird nach dieser Frage schwach. Er reflektiert sein Leben und merkt, dass es ihm ZU anstrengend ist. Er schließt sich, wie wir schon nach wenigen Seiten erfahren, einer Gruppe Männer an, die unsere Lebensart verachten und verurteilen. Und irgendwie konnte ich ihm das im ersten Moment auch gar nicht übelnehmen, denn ja: So ein Leben ist anstrengend. Ich habe mich beim Lesen sehr ertappt gefühlt, denn auch ich verspüre echt häufig eine gewisse Anstrengung. Sich immer wieder erklären zu müssen, warum man jetzt so lebt, wie man lebt, und warum man jetzt so handelt, wie man handelt, ist erschöpfend und kräftezehrend. Also hält man auch manchmal einfach den Mund oder umgeht diese Gespräche mit anders Denkenden einfach.

Aber nach langer Überlegung und Diskussion, auch mit anderen Blogger*innen, musste ich feststellen, dass diese Art von Anstrengung ja vielleicht gar nichts Negatives ist, sondern etwas Positives. Denn Anstrengung ist für mich etwas Aktives. Ein Prozess, wo sich etwas verändert. Eine Art ‚Austreten‘ aus der eigenen Komfortzone und ein über den Tellerrand hinausschauen. Weil eigentlich ist es doch superwichtig, sich mit dem eigenen Handeln und dems, was dieses Handeln vielleicht bei deinem Gegenüber auslösen kann, auseinanderzusetzen und zu hinterfragen. Aber das ohne erhobenen Zeigefinger; ohne dem Gesprächspartner das Gefühl zu geben, dass man überlegen sei; und ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern vielmehr die Sache selbst – denn vermeintliche Philanthropen hat die Welt schon genug.

Ich habe daher für mich entschieden, dass ich mich ständig mit meinem Verhalten und meiner Lebensweise auseinandersetzen werde. Ich möchte mich weiterbilden um dann dort, wo es angebracht ist, auch meinen Senf dazu geben; aus meiner Komfortzone und Filterblase raus und mit anderen Menschen das Gespräch suchen; herausfinden, weshalb manche Menschen sich so verhalten und woher ihre Gedanken kommen. Versuchen, einmal einen Schritt zurückzugehen und frisch auf manche Situationen zu schauen. Und vor allem: zuhören und reflektieren, ob mein Verhalten richtig ist. Nicht im Konjunktiv sprechen, sondern sich ernsthaft entschuldigen, wenn ich mit meinen Aussagen oder meinem Verhalten Menschen verletze. Vor allem Minderheiten. Vor allem diskriminierte Menschengruppen. Und auch meinen Sprachgebrauch verändern, gewisse Dinge einfach nicht mehr sagen, das Gendersternchen benutzen und möglichst plastikfrei und umweltbewusst leben. Genau deshalb verstehe ich Maikel vielleicht doch nicht. Und vielleicht musste ich genau an den Punkt kommen, an dem ich dachte, ihn zu verstehen, um erst zu reflektieren und dann noch einmal nachzudenken. Vielleicht auch, um mir über mein eigenes Verhalten klarer zu werden.

Also kurzgesagt: Seid lieb zueinander und hört euch mehr zu.

 

Ein Beitrag von Jessi von @witcherybooks

 

Christian Linker
Toxische Macht
Christian Linker
Toxische Macht

 

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