Über das Schreiben historischer Romane

Das Schreiben eines Buches ist ohnehin eine monumentale Aufgabe. Wenn es aber um historische Romane geht, gibt es ein paar exquisite und sehr gefährliche Hindernisse.

Warum? Weil es schwierig ist, das typische Alltagsleben historischer Epochen vernünftig und realistisch darzustellen.

Kein Karneval, sondern Bekleidung der Bruderschaft der Scuola Grande di San Fantin, die zum Tode Verurteilte zum Richtplatz führte Quelle: Edoardo Rubini, Giustizia Veneta, Filippe Editore Venezia

Wir wissen einiges über das Leben an Königshöfen, aber wenig über das Dasein der normalen Bürger. Was gab es zum Frühstück? Wie kleidete man sich? Wie sah der Alltag aus? Welche Medizin nahm man, wenn man erkältet war oder Fieber hatte? Wie teuer war ein Glas Wein? (Münze, Maße und Gewichte: ein eigenes riesiges, verwirrendes Thema.) Was machten Freunde miteinander? Glaubten die Menschen wirklich an Gott, oder taten sie nur so?

Man findet alles – aber selten auf Anhieb. Die Frage, wie im 16. Jahrhundert ein Sultan angeredet wurde, kostete mich beispielsweise einige wertvolle Tage. Und auf »Allwissender Mentor« muss man ja erst mal kommen.

Das Glück beim Schreiben meiner historischen Romane war zweierlei. Erstens ist das venezianische Leben außergewöhnlich gut dokumentiert. Venezianer waren Kaufleute und damit Buchhalter.

Zweitens spreche ich Italienisch und hatte daher viele Originalquellen zur Verfügung, mit denen sich andere Kolleginnen und Kollegen wohl schwer getan hätten. Da hier vielleicht auch Interessierte mitlesen, die selbst mit dem Gedanken spielen, einen (historischen) Roman zu schreiben, kann ich jedem von euch nur empfehlen, bei seinen Stärken zu bleiben. Ich würde nie einen historischen Roman schreiben können, der in Spanien spielt, denn mehr Spanisch als »Una cerveza, por favor« habe ich nicht zu bieten.

Der Canal Grande mit seinen Anlegestellen
Der Canal Grande mit seinen Anlegestellen Quelle: Paolo Scandaletti, Storia di Venezia, Edizioni Biblioteca dell’Immagine

Der Lohn der Recherche: Mir ist bislang, toitoitoi, kein einziger Schnitzer unterlaufen. Oder sagen wir mal so: Noch hat keine Leserin und kein Leser etwas Ungenaues gefunden. Wenn ich, in sehr seltenen Fällen, die Wirklichkeit zu Gunsten der Handlung etwas zurechtbog, habe ich im Nachwort der jeweiligen Romane darauf hingewiesen. Beispielsweise habe ich einmal die Dogenwahl um ein Jahr verschoben, weil es gut zur neuen Mission des Spions des Dogen passte.

Ach ja, und bevor mir jemand einen Strick daraus dreht: Das neue Cover von »Die Toten von Rialto« mit der Handlung, die im Jahr 1571 spielt, ist ein Motiv aus späterer Zeit, zu erkennen an den Uniformen der patrouillierenden Soldaten und an den Gasleuchten.

Aber der Verlag hat sich nach vielen Diskussionen bewusst für das Cover entschieden, weil es einfach um eine nächtliche venezianische Stimmung ging.

Pestarzt mit Maske – gern mit Kräutern gefüllt, um die bösen Lüfte fernzuhalten. Quelle: Barbara Carrer, Esploratori, scienzati e inventori veneziani, Editore Dario de Bastiani

Eine historische Ungenauigkeit, in die ich gleich zu Beginn der Trilogie beinahe getappt wäre: Den einsamen Gondoliere gibt es erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Der Ruderer erzeugt den Vortrieb mit dem Riemen nur auf der Steuerbordseite. Daher ist die Backbordseite stärker gewölbt und 24 Zentimeter länger. Der Gondoliere rudert gewissermaßen gegen die Schieflage an – aber diese Asymmetrie ist eine recht neue Erfindung des Bootsbauers Domenico Tramontin, der die ersten Exemplare 1884 vorstellte; zuvor mussten die Gondeln zumeist von zwei oder mehr Ruderern gesteuert werden, wie auch auf vielen alten Gemälden und Stichen zu sehen ist.

Und dann ist da noch die Sache mit den harmlosen modernen Ausdrücken, die uns rausrutschen, ohne dass wir groß darüber nachdenken: »Ein paar Meter vom Ufer glitt ein Boot vorbei.«

Stefan Maiwald mit Recherchematerialien für seine ›Davide Venier‹-Reihe

Was ist an diesem harmlosen Satz falsch? Nun, die Maßeinheit »Meter« wurde erst im 19. Jahrhundert eingeführt; sie kam mit Napoleon nach Italien. Besser ist: »Ein paar Schritte vom Ufer…«. Nun kann man argumentieren, dass historische Romane ja von modernen Menschen gelesen werden, und solange die handelnden Personen das Wort »Meter« nicht in den Mund nehmen, sei ja alles in Ordnung – doch für mich würde ein solcher Satz die Stimmung zerstören.

Jedenfalls: Wer schreiben will, muss lesen. Im Fall von historischen Romanen: sehr, sehr viel lesen. Ein großes, dickes Dankeschön an die Autorinnen und Autoren der hier abgebildeten Bücher. Ohne ihre Arbeit wäre die meine unmöglich gewesen.

Mehr in unseren Beitrag ›Zu Besuch bei Stefan Maiwald‹.

Die ›Davide Venier‹-Reihe:

Stefan Maiwald
Der Spion des Dogen
Stefan Maiwald
Der Knochenraub von San Marco
Stefan Maiwald
Die Toten von Rialto

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.