Unvergesslich und unglaublich

Jubiläum 25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Michael Proksch

Proksch, Unvergesslich

Unvergesslich wird der Herbst 1989 für mich bleiben. Jeden Abend saß ich in meiner neuen Heimat München vor dem Fernseher, um wie gebannt die Ereignisse in der DDR zu verfolgen. Unglaublich dieser Aufschrei tausender Menschen in der Prager Botschaft, als Hans-Dietrich Genscher die Bewilligung deren Ausreise verkündete. All die Sorgen und Zweifel, all das Hoffen entluden sich in diesem Augenblick und gingen als Signal in die Welt. Das war von der DDR-Führung nicht mehr aufzuhalten.

Dann die erste große Demonstration in Leipzig am 9. Oktober, bei der u.a. die Disziplin der Demonstranten ein Blutvergießen verhinderte. »Keine Gewalt«, das hatte Wirkung.

Und die Staatsmacht griff wirklich nicht ein. Noch 1983, in den letzten Monaten vor meiner Verhaftung wurden bereits wenige Menschen, die mit einer Kerze auf dem Marktplatz für ihre Ausreise demonstrierten,  sofort verhaftet. Undenkbar damals, was jetzt Realität war. Ich fieberte mit und wäre am liebsten nach Leipzig gefahren. Aber als ehemaliger politischer Häftling hätte ich keine Einreise bekommen. So blieben mir nur die Nachrichten.  Immer wieder wühlte es mich auf, wenn ich die Bilder sah: bald waren es 70 000 Demonstranten und die Forderungen wurden immer konkreter. »Stasi in die Volkswirtschaft«. Ja, all die Handlanger der Macht, die jahrzehntelang politisch anders Denkende bei Verhören gedemütigt hatten, sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Als die ersten Stasigebäude gestürmt wurden, kamen sofort Erinnerungen an meine 18-monatige Gefängniszeit wieder hoch.

Und die Wut. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich wünschte, es sollten Köpfe rollen, so wie bei der französischen Revolution zweihundert Jahre vorher. All die Schicksale so vieler Mitgefangener waren plötzlich wieder präsent. All die auseinander gerissenen Familien; all die jungen Männer, die an der Grenze von Selbstschussanlagen verwundet wurden und nun mit einem Bein oder einem Armstumpf leben mussten; all die Menschen die bei ihrer Flucht über die Ostsee ertrunken waren. Aber gleichzeitig kam auch der Gedanke, dass das viele Leid jener, die sich 40 Jahre lang gegen die SED-Herrschaft aufgelehnt hatten, nicht umsonst gewesen war.

Als dann die Grenzübergänge geöffnet wurden und die ersten Menschen auf die Mauer kletterten, saß ich fassungslos und tief bewegt im fernen München und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Noch wenige Monate vorher gab es die letzten Todesschüsse an der Mauer und jetzt versuchten hunderte Menschen mit einfachsten Werkzeugen dieses Bollwerk abzutragen. Unglaublich, was in der deutschen Geschichte noch nie gelungen war, eine friedliche Revolution, 1989 wurde es endlich Wirklichkeit. Voller Bewunderung dachte ich an die vielen Menschen, die trotz des anfangs großen Risikos mit Mut und Disziplin auf die Straße gegangen waren und dies herbeigeführt hatten.

Text: Michael Proksch, Autor von ›Und plötzlich waren wir Verbrecher‹

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

Es wurden keine Titel gefunden

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.