Kreativ, bunt und immer »unter Freunden« – die Literaturszene Islands

›Niemandstal‹, ›101 Reykjavik‹ und Co.

Was reizt Dich bloß an dieser kargen, gottverlassenen Insel?, fragt mein Vater mich immer wieder. Mit Kopfschütteln nehmen er und einige meiner Freunde zur Kenntnis, dass ich seit fünf Jahren mehrere Monate des Jahres auf Island lebe. Was kann Island mit seinen knapp 320.000 Einwohnern schon bieten?, kommentieren sie.

In diesen Tagen, wo die Medien gefüllt sind mit Berichten über das Inselvolk, lernen sie, dass Island offensichtlich einige gute Literaten hervorbringt, sonst wären wohl nicht rund 200 Werke ins Deutsche übersetzt worden.
In den Medienberichten wird dabei stets die Kreativität der Isländer beschworen. Sie ist inzwischen schon fast zu einer Art Klischee geworden, ähnlich wie der angebliche Glaube an Elfen.

Halldór Guðmundsson, Direktor von Sagenhaftes Island, und verantwortlich für den diesjährigen Ehrengast-Auftritts seines Heimatlandes bei der Frankfurter Buchmesse, hat ein offizielles »Elfenverbot« ausgerufen. Es sind vor allem die Deutschen, die die Isländer immer wieder fragen, ob es denn wahr sei, dass diese kleinen Wesen den Alltag der Insulaner bestimmen und jeder daran glaube. (Sie tun es nicht.)

Tatsächlich lebendig ist allerdings der Glaube an die einheimische Literatur und die isländische Sprache. Sie ist ihr Juwel der Identität und vielleicht das Einzige, das gleich geblieben ist auf der Vulkaninsel und Island als Nation definiert hat – selbst während der fast 600-jährigen Zeit als dänische Kolonie –, und so wird bis heute jedes neue Wort ins Isländische übertragen. Die Anpassung geht sogar so weit, dass die dortige Dependance des Computerherstellers Apple den Namen »Epli« trägt.

In der Anthologie ›Niemandstal‹ von Ursula Giger und Jürg Glauser gewinnt der Leser einen wunderbaren Einblick in die erstaunliche Bandbreite der kleinen Literaturszene, wo die meisten Autoren sich natürlich kennen. In der Anthologie gibt es unter anderen Auszüge von Auður Jónsdóttir, sie ist die Enkelin von Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, Gyrðir Elíasson, dessen Novellensammlung Milli trjánna (›Zwischen den Bäumen‹) gerade mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde, ebenso Texte von Autor Steinar Bragi und Dichterin Sigurbjörg Þrastardóttir.
Selbst in den kleinen Passagen erfährt der Leser schon viel über das isländische Lebensgefühl. Etwa in Guðmundur Óskarssons Text über einen alten Mann, der seit Langem allein in einem Tal lebt.

»Er hat immer noch den Glauben, dass etwas Neues von dort ausgehen könnte; dieser Glaube ist seine Atemmaschine; er verhindert, dass das Tal ein Niemandstal wird«, schreibt der 33-jährige Autor, dessen Krisenroman ›Bankster‹ 2009 den Isländischen Literaturpreis erhielt.

Isländer sagen scherzhaft, dass sie quasi gezwungen sind, kreativ zu sein, weil man ansonsten vor Langeweile sterben würde. Die Kunst wird hier auf keinen so hohen Sockel gestellt. Erstaunlich viele, seien es nun der alte Seemann, die Bäuerin oder der Wirtschaftsstudent, haben schon in mindestens einer Band gespielt, auf der Theaterbühne gestanden, Gedichte verfasst oder eben ein Buch veröffentlicht.

Hallgrímur Helgason, der das Geleitwort für diese Anthologie verfasst hat, sagte mal scherzhaft: »Jeder Zweite schreibt ein Buch, und jeder Zweite will in einem Buch vorkommen. Ständig wird er in Bars angesprochen: ›Hey, ich habe einen coolen Onkel, über den solltest du mal schreiben.‹« 
Der 52-jährige Popliterat porträtierte im Roman ›101 Reykjavík‹ das Nachtleben der Haupstadt Reykjavík, aber auch den Unwillen des Hauptprotagonisten Hlynur, ein geregeltes Leben mit Job und Partnerin zu führen. Es ist eine ironische Geschichte im winterlichen Island.

Viele Romane spielen im Winter. Die langen, dunklen Tage füllen die Isländer unter anderem mit der Lektüre von Büchern, jeder Inselbewohner liest durchschnittlich acht Bücher pro Jahr. Die Hauptsaison ist vor Weihnachten – bis vor wenigen Jahren machten die Verleger etwa 80 Prozent ihres Umsatzes rund um Weihnachten.
Die Branche macht es den Bewohnern leicht, die Literatur zu entdecken. Während die meisten Geschäfte um 19 Uhr schließen, haben die Buchhandlungen bis 22 Uhr geöffnet. In den meisten gibt es zusätzlich gemütliche Cafés und Sofas, so dass es beinahe ist, als würde man im Wohnzimmer sitzen. Unter den Lesenden trifft man immer wieder einen der zahlreichen Schriftsteller. Auch Sjón, der Dichter, der für Björk Songtexte schreibt, mag die Atmosphäre in den Läden.

Der Poet ist Mitorganisator des internationalen Literaturfestivals in Reykjavík, das alle zwei Jahre stattfindet, zuletzt diesen September. Das Festival war eine typisch isländische Veranstaltung: Das Programmheft wurde erst zwei Tage vorher gedruckt, alle Lesungen waren kostenlos und abends trafen sich die Stars der einheimischen Literaturszene in einem Salon oberhalb des Iðnó Theaters.
Neben zahlreichen isländischen Autoren folgten auch internationale Schriftsteller wie Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller der Einladung. Eines Abends saßen die einheimischen Stars und Müller gemeinsam auf dem Sofa und erzählten einander persönliche Anekdoten und Geschichten. Obwohl es ein privater Rahmen war, hätte im Prinzip jeder in den Salon gehen können. »Unser Festival ist bekannt für seine familiäre Atmosphäre«, sagt Sjón. »Man fühlt sich wie unter Freunden.«
Über die Jahre habe ich einige der Literaten immer wieder getroffen und recht gut kennengelernt. Vielleicht fällt es den Isländer auch so leicht, tolle Geschichten zu erzählen, weil ihre Landsleute so spannend sind. Es gibt kaum einen Isländer, der langweilig ist. Jeder hat mindestens ein ungewöhnliches Hobby oder reichlich Humor zu bieten. Vielleicht macht die Insellage sie so. 

Alva Gehrmann

Alva Gehrmann wurde 1973 geboren und studierte Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre bevor sie die Berliner Journalisten-Schule absolvierte. Für ihre Reportagen und gesellschaftspolitischen Geschichten reist Alva Gehrmann in die entlegenen Winkel Nordeuropas. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für Die Zeit Financial Times, FAZ und Spiegel Online. Bei dtv erschien im Juni ihr erstes Sachbuch ›Alles ganz Isi‹. Alva Gehrmann lebt in Berlin und in Island. 

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