Ursula Schröder: Meine feinen Schnippeleien

Eine kleine Weihnachtsgeschichte


7.1.01 posted by Dina

Schallömmchen! Erst mal vielen Dank für eure Tipps, um Joschi das Zahnen zu erleichtern. Den warmen Olivenöl-Wickel von Alice im Westjordanlandihm hilft.

Eigentlich wollte ich ja heute die Nähanleitung für den lustigen Streifenburnus für Vierbis Sechsjährige posten, aber das muss warten, weil ich euch erst mal eine ganz andere Geschichte erzählen muss. Ihr erinnert euch sicher, dass wir unser Gästezimmer und die Einliegerwohnung von der Oma an Leute vermietet haben, die wegen der Volkszählung im Ort waren. Schließlich kann sich nicht jeder das Bethlehem Hilton leisten. Weiß gar nicht, was sich die Römer dabei gedacht haben, sie konnten doch wissen, was das für ein Chaos gibt.

Aber egal. Jedenfalls kam vor vierzehn Tagen noch ein Pärchen vorbei, ganz einfache Leute, sie hochschwanger – könnt ihr euch das vorstellen? – und fragte nach einem Zimmer. Aber da ging natürlich bei uns nichts mehr. Mein Männe hat sie dann zu Bohnen- Benni geschickt, weil der erzählt hatte, bei ihm wäre noch Platz. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es sich dabei um seinen Schafstall handelt! Ich habe fast einen Anfall gekriegt, als ich hörte, dass die Ärmsten tatsächlich dort geblieben sind. Und es kommt noch besser: sie hatten sich wohl kaum ein bisschen in Bennis Stall eingerichtet, da fangen bei dem armen Mädel die Wehen an!

Tja, ich sage Mädel, die ist nämlich tatsächlich noch blutjung. Und angeblich ist dieser Josef-Typ nicht mal der leibliche Vater des Babys. Aber das darf man in so einem Notfall nicht so genau nehmen, oder? Jedenfalls kam der Benni ganz grün im Gesicht bei uns vorbei und jammert rum, dass die Frau in seinem Stall ein Kind kriegt und die Hebamme nicht zu erreichen ist… Tja, da hab ich die Kinder bei der Oma gelassen und bin mit unserem Erste-Hilfe-Koffer rüber. Schließlich hab ich ja mal Krankenschwester gelernt, auch wenn ich seit Davids Geburt nicht mehr arbeiten war.

Als ich ankam, war die arme Frau – Maria hat sie geheißen – schon ganz nett am Kämpfen. Ich hab ihr erst mal versucht zu zeigen, wie man gegen die Missempfindung atmet, aber dann ging alles ganz schnell. Zum Glück wahrscheinlich, drei, vier Presswehen, und das Baby war draußen. Als hätte ich es geahnt, dass sie kein Zeug für das Kind in ihrem Köfferchen hat, hatte ich schon mal wenigstens ein paar Windeln mitgenommen und ein paar Strampler, aus denen Joschi längst rausgewachsen ist. Damit konnten wir dann wenigstens das Baby warmhalten und ein Notbett in der Futterkrippe herrichten. Hygienisch ist was anderes, sage ich euch, aber dieser Maria schien das ziemlich egal zu sein.

Während ich noch aufräumte, ging die Stalltür auf und ein paar üble Gestalten kamen rein. Ich denke, das waren diese Schafhirten von den Flusswiesen, die immer am Wochenende in der Kneipe die Schlägereien anzetteln. Ich war schon am Überlegen, wie ich unauffällig die Polizei verständige, da sagte diese Maria, das wär in Ordnung. Na, sie muss es wissen. Obwohl ich mit so einem Pack lieber nichts zu tun haben würde. Immerhin benahmen sie sich ganz anständig, nur der Anführer faselte seltsame Sachen von Engeln und einem Stern. Sternhagelvoll, dachte ich mir.
 Da hielt ich es für besser, nach Hause zu gehen. Man weiß ja nie. Außerdem wollte die Oma am Abend noch in den Chor, und das nimmt sie mir übel, wenn ich dann nicht rechtzeitig zurück bin. Und für seinen Babysitter tut man ja alles!

Ich kam also aus dem Stall raus und musste beinahe meine Sonnenbrille aufsetzen. (Nicht dass ich sie dabei gehabt hätte, aber so hell war es. Wirklich!) Diese Schafhirten hatten nicht übertrieben mit ihrem Stern. Es war fast ein bisschen unheimlich, wie der den Stall beleuchtete. Das Licht schien rüber bis zu uns, und ich hatte echt Mühe, die Kinder bei dieser Helligkeit ins Bett zu kriegen. Und zu allem Überfluss erschien dann auch noch mein Schwiegervater und hielt wieder seine üblichen Reden, von wegen dem Messias, von dem schon Jesaja geweissagt hätte und so. Wir nicken dann immer und sagen »Jesaja, ja, ja.« Jetzt hatte er natürlich Oberwasser, weil er meinte, der Stern passte genau ins Bild und der Messias, der uns befreien würde, käme bald. Wir sind das ja schon gewöhnt, aber eines Tages kriegen die Römer diese Reden mit und lochen ihn ein wegen Aufrührerei oder was, und wer hilft dann meinem Männe bei der Feldarbeit?

Na ja, die nächsten Tage hatte ich dann absoluten Stress, weil unsere Miriam eine eitrige Mandelentzündung kriegte. Als ich dann endlich wieder Zeit hatte, um mit ein paar Babysachen bei Maria vorbeizugehen, hatte sich die Lage dort gewaltig verändert. Schon unterwegs waren mir einige gut geputzte Kamele vor dem Bethlehem Hilton aufgefallen, man konnte fast den Eindruck haben, als ob dort ein paar Promis abgestiegen wären. So wie letztes Jahr, als sie ein Passah-Special von der »Schaftor-Klinik« bei uns gedreht haben, ihr kennt doch sicher die Soap mit Professor Mosche Brinkmann. Da war jedenfalls auch so ein Auftrieb.

Aber wie sich herausstellte, waren es dieses Mal ein paar Trendforscher, die auch den Stern gesehen hatten und ihm bis hierher gefolgt waren. Die hatten Maria und ihr Baby besucht – ein ganz schöner Sprung von den stinkigen Schafhirten zu diesen feinen Herren, was? Außerdem haben sie ihr ordentlich was an Devisen dagelassen, sagt sie. Aus ihrem Sonderfonds für paranormale Ereignisse oder was. Ich hätte gern mal genauer gesehen, was und wie viel sie ihr vermacht haben, aber Josef hatte es schon an sich genommen. Es würde jedenfalls erst mal reichen für den Weg nach Ägypten und eine Erstausstattung.

Ägypten?!? Ja, sagte sie, es würde ihnen hier zu unsicher und sie wollten mit dem Baby jetzt erst mal ins Ausland gehen, ihr Mann hatte einen Traum gehabt. Sie war schon am Zusammenpacken, deshalb blieb mir nichts anderes übrig als mich zu verabschieden und ihr alles Gute zu wünschen. Sie sollte mir mal eine Mail schreiben, wenn sie gut angekommen wäre, aber sie sagte, sie könnte leider überhaupt nicht schreiben. Ich würde aber trotzdem irgendwann hören, was aus dem kleinen Jesus geworden wäre, da wär sie sich sicher. Der würde mal weltberühmt, das wüsste sie genau.

Ganz schön erstaunlich, oder? Mit Klamotten daherkommen, die sie nicht mal in Bethel mehr nehmen würden, und dann so sicher sein, dass sie gerade den zukünftigen Superhelden zur Welt gebracht hat. Eigentlich hätte ich mich ärgern müssen, aber wisst ihr was? Mich hat einfach nur fasziniert, wie sie mit der ganzen Lage umging. Sie hatte keine Angst. Ich würde mich an ihrer Stelle ja sowas von aufregen, aber sie war ganz ruhig. Absolut zuversichtlich, was das Baby und seinen zukünftigen Weg anging. Keine Sorgen um die Zukunft, obwohl sie jetzt ganz ungeplant ins Ausland gehen sollen. Und ich mach mich schon verrückt, wenn unser Esel lahmt oder wenn vor der Ernte Hagelschlag angesagt wird! Könnt ihr das nachvollziehen? Wie kann man sich so sicher sein? Was gibt ihr diese Ruhe?

Bin gespannt auf eure Kommentare. Nächste Woche wie gesagt die Anleitung für den Streifenburnus und, wenn es klappt, mein Spezialrezept für eine tolle Bar-Mitzwah-Torte.
Schalömmchen!

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