Ursula Schröder: Wichteln für Anfänger

Eine Weihnachtsgeschichte

Was soll ich nur schenken? Das richtige Präsent zu Weihnachten zu finden kann manchmal ganz schön schwierig sein. Noch schlimmer wird es, wenn man jemandem eine Freude machen will, über den man kaum etwas weiß – wie beim Wichteln unter Arbeitskollegen. Wie sehr sich die Mühe aber lohnen kann, davon erzählt dtv-Autorin Ursula Schröder Lesen Sie die komplette Weihnachtsgeschichte hier im dtv Magazin!

Wichteln für AnfängerSeit fünf Jahren wohnen Anders und ich zusammen, und ich kann Ihnen sagen, sein Name ist Programm. Weil er wirklich anders ist, zumindest total anders als ich. Er ist ein superordentlicher Dauer-Single, könnte man sagen. Nein, ich bin nicht der gefühllose Herzensbrecher mit einer völlig verwahrlosten Wohnung, aber ich muss zugeben, in diesen fünf Jahren hatte ich mehrere Freundinnen und Anders hatte keine. Obwohl er ganz passabel aussehen könnte, aber das interessiert ihn nicht. Ihn interessieren nur seine EDV-Themen. Und er ist ein absoluter Ordnungsfreak. Das nervt zwar manchmal, ist aber eigentlich nicht schlecht. Unsere gemeinsame Küche und das Bad sind jedenfalls immer vorzeigbar. Auch über die dauernden To-Do-Listen kann ich einigermaßen hinwegsehen. Immerhin macht es ihn zufrieden, sie abzuarbeiten.
Neulich jedoch sah er richtig geknickt aus. Regelrecht bedröppelt, wie man bei uns im Sauerland sagt. »Anders, was ist los?«, fragte ich ihn, während ich in meinem Handy nach der Nummer von Melissa suchte.
»Wir haben doch demnächst Firmenweihnachtsfeier, Benedikt«, sagte er in einem Ton, als handelte es sich um eine Darmspiegelung.
»Ja, und?«
»Und da wird gewichtelt.«
»Das macht ihr doch immer, oder nicht?« Anders arbeitet seit Jahren bei derselben Firma. »Weißt du noch, letztes Jahr hast du diese grauenvolle Blechdose mitgenommen, die wir auf dem Sperrmüll gefunden hatten.«
»Das war Schrottwichteln«, jammerte Anders. »Das wäre ja kein Problem. Aber dieses Jahr wollen sie sich richtige Geschenke machen. Ganz persönliche. Dann zieht jeder einen Zettel und kauft etwas im Wert von acht bis zehn Euro. Frau Körner will alles vorbereiten.«
»Ja, und?« Manchmal kann er so kompliziert sein, dieser Typ.
»Unsere Abteilung besteht nur aus sechs Personen! Wenn ich da ein Geschenk mache, was absolut danebenliegt, dann kriegen die sofort raus, dass ich das war.«
«Dann mach dir doch jetzt schon mal Gedanken«, schlug ich vor. »Wer gehört denn alles zu eurer Abteilung und was könntest du denen schenken?«
»Gute Idee«, sagte Anders. »Ich mach mal eine Liste.«
Während er das tat, konnte ich in Ruhe Melissa anrufen und mich mit ihr fürs Kino verabreden. Aber als ich dann sah, wie kummervoll er auf seinen Zettel starrte, musste ich mich doch noch einen Moment zu ihm setzen. »Zeig mal her. Was hast du denn bisher?«
»Da wäre zunächst mal Frau Körner«, las Anders vor. »Dann Julius, Jewgeni, Rosa, Tim und ich.«
»Du fällst ja schon mal raus«, stellte ich fest. »Und von den anderen notierst du dir jeweils drei Sachen, die du über sie weißt. Dann werden wir schon was finden, was du schenken kannst.«
»Aber ich weiß keine drei Sachen über Frau Körner oder über Jewgeni oder…«
Langsam wurde es Zeit für mich. »Beobachte sie«, riet ich ihm, während ich mich in meinen Schal wickelte. »Verwickle sie in Gespräche übereinander.« Ich zog meine Jacke an und angelte meinen Autoschlüssel vom Schlüsselbrett. »Du schaffst das schon.«
»Das sagst du so«, murmelte Anders und sah sich deprimiert seine Liste an. Kopfschüttelnd verließ ich die Wohnung.

Als ich am nächsten Abend nach Hause kam, fand ich ihn fast genauso wieder vor. Er hatte nur ein anderes T-Shirt an, und auf seiner Liste standen ein paar Stichworte. »Ich weiß jetzt, dass Frau Körner Wellensittiche züchtet«, teilte er mir mit. »Und Tim macht Taekwondo. Julius spielt am liebsten ‚Resident Evil‘ und löst Sudoku-Rätsel. Jewgeni hat offensichtlich eine riesige Sammlung von Bierdosen aus aller Welt. Nur über Rosa weiß ich gar nichts.«
»Ach, das ist doch einfach«, sagte ich. »Wenn du Frau Körner ziehst, kaufst du ihr ein Buch über Wellensittiche. Für deine Kumpels suchst du jeweils ein passendes T-Shirt, und wenn es Rosa ist, kaufst du Parfüm.«
»Du spinnst wohl«, sagte Anders so empört, dass ich regelrecht zusammenzuckte. »Parfüm, das nicht mehr als zehn Euro kostet? Auf keinen Fall.«
»Dann kauf eben eins, das teurer ist. Du kannst es dir ja wohl leisten.«
»Darum geht es nicht. Wenn sie es auspackt, wissen alle, dass ich mich nicht an die Vereinbarung gehalten habe. Und das will ich nicht.«
»Na, dann nicht«, sagte ich resigniert und begann, mir ein Brot zu schmieren. »Heißt das Mädel tatsächlich Rosa?« Der Name allein kam mir schon wie eine Strafe vor.
»Soweit mir bekannt ist.«
»Was ist dir denn sonst noch bekannt?« Ich suchte im Kühlschrank nach Aufschnitt.
Anders seufzte. »Dass sie vierundzwanzig ist und ausgesprochen fit im Programmieren.«
»Ist sie hübsch?« Was er bisher berichtet hatte, klang nicht gerade verlockend: kurze blonde Haare, Brille, ‚normal angezogen‘. Ich stellte mir eine blasse Frau mit langweiligen Klamotten vor. Ungefähr so attraktiv wie der Gouda, der mir gerade in der von Anders sorgfältig beschrifteten Dose begegnet war.
Anders tat nichts, um diese Vorstellung zu ändern. »Irgendwie schon.« Er zuckte mit den Schultern. »Tja«, sagte ich und klappte den Kühlschrank wieder zu, »dann musst du wohl etwas intensiver mit ihr reden, um was für sie zu finden.«
»Genau«, sagte er, und dann nahm er zu meiner Überraschung das Telefon und rief sie an. Bis ich mein Brot aufgegessen hatte, sprachen die beiden nur über Sachen, von denen ich keine Ahnung hatte – Sie wissen schon, Bits und Bytes und so. Nur dass es viel kompliziertere Begriffe waren, die ich überhaupt nicht kannte.
»Und?«, fragte ich, nachdem er endlich aufgelegt hatte. »Weißt du jetzt mehr über sie?«
Anders sah mich überrascht an. »Vermutlich schon«, sagte er. »Aber zum Thema Wichteln hilft es mir nicht weiter.«
»Dann musst du dich tatsächlich mit ihr mal treffen«, meinte ich. Augenzwinkernd. Weil Anders sich ja nie mit Mädchen trifft.
Aber er hatte das Zwinkern nicht bemerkt. »Meinst du wirklich?«, fragte er unsicher. »Wozu könnte ich mich denn mit ihr verabreden?«
»Das musst du schon selber wissen«, sagte ich. Ich wusste es nämlich nicht.

 

Wichteln für AnfängerAls ich am nächsten Abend zuhause aufschlug, war Anders nicht da – ziemlich ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war, dass er erst gegen elf nach Hause kam. Und zu meiner Überraschung nicht nur seine guten schwarzen Lederschuhe anhatte, sondern auch ein Oberhemd anstelle des üblichen T-Shirts.
»Hey, warst du aus? An einem Donnerstag?«
»Im Programmkino läuft gerade eine Godard-Retrospektive«, erklärte er, während er schon wieder zu seiner Abteilungs-Wichtel-Liste griff. »Da haben wir ‚Außer Atem‘ in der Originalversion gesehen.«
»Wer ist wir?« Jetzt war ich aber gespannt.
»Rosa und ich. Sie steht auf französische Filme.«
»Rosa?« Das wurde ja immer verrückter. Jetzt schleppte ihn diese Kollegin, die ich mir inzwischen wie eine zu jung geratene Studienrätin vorstellte, schon mit zu ihren sonderbaren Hobbys. Französische Filme der Sechziger, was für ein Alptraum! »Verstehst du denn so viel Französisch?«
»Ach, es gab Untertitel, da ging das ganz gut«, sagte Anders und notierte einige Stichworte auf seiner Liste. Immerhin wirkte er nicht mehr bedrückt wegen seiner Weihnachtsfeier. Am nächsten Tag sollten nämlich die Namen gezogen werden. Aber er hatte sich ja auch ziemlich ins Thema reingehängt, das musste man ihm lassen. Ich wünschte ihm eine gute Nacht und ging ins Bett.

Freitagabend war ich mit Melissa zum Essen verabredet, was aber ein mittlerer Reinfall war, so dass ich relativ früh wieder zuhause ankam. Und dort erwartete mich dann die totale Überraschung in Form einer Klassefrau mit endlos langen Beinen in hautengen Jeans, die gerade in unserer Küche Tee kochte.
»Hallo!«, stotterte ich verblüfft.
»Hallo, ich bin Rosa«, sagte sie mit einem umwerfenden Lächeln. »Du bist vermutlich Benedikt?«
»Genau«, sagte ich verwirrt. Das also war Rosa. So konnte also eine Frau auch aussehen, wenn sie kurze blonde Haare und eine Brille hatte und IT-Expertin war! Ich musste alle klischeebehafteten Bilder, die ich mir gemacht hatte, auf einen Schlag aus meinem Kopf löschen. »Wo ist denn Anders?«
»Gerade unterwegs zum Dönermann«, erwiderte sie. »Möchtest du auch was? Ich könnte ihn noch schnell anrufen.«
»Nee, lass mal«, sagte ich. Ich hatte nicht nur meine Portion, sondern auch den größten Teil von Melissas Essen vertilgt. Die Frau hatte definitiv eine Essstörung. Eine länger währende Beziehung mit ihr war spätestens an diesem Abend sehr unwahrscheinlich geworden. Und dann saß da ja auch noch diese Rosa an unserem Küchentisch … Da war Umdenken gefragt.
»Aber einen Tee trinkst du doch sicher?«, fragte sie mich.
»Gern«, sagte ich begeistert und setzte mich zu ihr. »Du bist also die Kollegin von Anders?«
»So ist es.« Sie goss Tee in einen Becher und schob ihn zu mir rüber. »Und ich finde es ganz klasse, dass ich dich gerade allein erwische …«
Das finde ich mehr als klasse, dachte ich und rückte etwas näher.
»… denn dann kannst du mir ein bisschen über Anders erzählen«, fuhr sie fort. »Du kennst ihn doch bestimmt ziemlich gut, oder?«
»Klar«, sagte ich. Jetzt fügte sich für mich alles logisch zusammen: sie hatte beim Wichteln Anders gezogen und keine Ahnung, womit sie ihm eine Freude machen könnte. Zum Glück konnte ich ihr mit einigen nützlichen Informationen über meinen Mitbewohner dienen, bevor derselbige mit zweimal ‚Döner komplett‘ in der üblichen Plastiktüte zurückkehrte. Andächtig sah ich zu, wie Rosa sich über ihr Essen hermachte. Sie hatte weder eine Essstörung noch irgendwelche anderen äußerlich sichtbaren Defizite. Was für ein Glücksfall, dass Anders sie zu uns eingeladen hatte! Wie gut, dass er seine To-Do-Listen so gewissenhaft abarbeitete!
Als wir uns schließlich verabschiedeten – Rosa war mit ihrem eigenen Auto da, so dass ich sie leider nicht nach Hause bringen konnte -, war mir einiges klar. Ich würde mich über französische Filme schlau machen müssen. Und etwas mehr Einblick in EDV-technische Zusammenhänge konnte auch nicht schaden. Vielleicht könnte Rosa mir da weiterhelfen?

 

Wichteln für AnfängerAm Samstagmittag begegnete mir Anders ausgehfertig im Flur. »Was hast du denn vor?«, fragte ich neugierig. Normalerweise geht er nur einmal die Woche einkaufen, und zwar immer am Dienstag.
»Och, Rosa und ich wollen ein bisschen shoppen gehen«, strahlte er. »Weihnachtsgeschenke für die Familie und so.«
»Hast du sie jetzt beim Wichteln gezogen?«, fragte ich. Zugegeben, ich war ein wenig eifersüchtig, weil er sich schon wieder mit Rosa treffen konnte. Und sich offensichtlich darauf freute.
»Nö, ich hab Jewgeni erwischt und im Internet für ihn japanisches Bier bestellt.«
Hm, dann war es wohl umgekehrt. Rosa musste noch mehr Zeit mit Anders verbringen, um etwas für ihn zu finden. Als sie zusammen mit ihren Tüten zurückkamen und wieder in der Küche Tee kochten, nutzte ich die erste Gelegenheit, als Anders draußen war, um ihr noch mal meinen Rat dazu anzubieten.
Aber Rosa schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, ich habe Frau Körner gezogen.« Sie zeigte mir das Wellensittich-Badehäuschen, das sie im Zoogeschäft gekauft hatte.
Wieder mal war ich ratlos. »Ich dachte, weil Anders und du …«
Rosa lächelte. Und zwar so, dass ich geradezu dahin schmolz. »Ach Benedikt, dieses Wichteln ist ein echter Segen, weißt du. Ich hatte mich schon so lange gefragt, wie ich Anders mal näher kennenlernen könnte.«
Ach so! Ziemlich erschüttert verkroch ich mich in mein Zimmer. Ich fand nicht, dass Wichteln ein Segen war. Eher eine Plage. Ich hatte nämlich vorige Woche meinen Chef gezogen. Vielleicht sollte ich es auch mal mit einer To-Do-Liste versuchen?

 

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