Weihnachten in Island

Thráinn Bertelsson erzählt

Über Island, Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011, haben wir in diesem Jahr viel gehört und vor allem viel gelesen. Wir wissen jetzt, dass Island weitaus mehr zu bieten hat, als Vulkane, Schafe und eine große Wirtschaftskrise. Aber wie feiern die Isländer eigentlich Weihnachten? Der isländische Schriftsteller Thráinn Bertelsson verrät es uns.

Das traditionelle Weihnachtsessen beginnt gegen sieben Uhr am Abend des 24. Dezembers. In meiner Kindheit, also vor ungefähr einem halben Jahrhundert, gab es bei den meisten Isländern geräucherten Lammbraten mit Salzkartoffeln, Blaukraut, Erbsen und Bechamelsauce, gefolgt von selbstgemachtem Eis zum Dessert. Danach Kaffee und Pralinen – und der Höhepunkt des Abends, die Bescherung.

Meine Frau, Sólveig, stammt von einem großen Bauernhof im Norden von Island. Dort hatten sie Delikatessen wie Lammbraten wahrscheinlich jeden Sonntag, also gab es beim Weihnachtsessen Gänsebraten, gefüllt mit getrockneten Früchten und Nüssen, serviert mit Bratensoße, Blaukraut, hausgemachter Marmelade, Waldorfsalat und karamellisierten Kartoffeln.
Während unserer 40-jährigen Ehe haben wir diese Tradition am 24. Dezember fortgeführt. Ich bereite das Essen nach einem alten Rezept meiner verstorbenen Schwiegermutter zu. Leider kann es nur Familienmitgliedern, die sich der ewigen Geheimhaltung verpflichtet haben, preisgegeben werden.

In Island feiert man Weihnachten 13 Tage lang und statt einem Weihnachtsmann, der sicherlich von den ganzen Feierlichkeiten überfordert wäre, haben wir 13 »Christmas Lads« (Weihnachtsjungs), halb Elf, halb Troll, die den Kindern Geschenke bringen und mit ihnen singen und um den Weihnachtsbaum tanzen, was, glaube ich, ein Brauch ist, den wir von unseren deutschen Freunden übernommen haben.

Diese 13 Herren sind aber auch ein bisschen unheimlich, trotz all der Fröhlichkeit und der Geschenke. Sie schleichen sich in die Häuser der Leute und stehlen Lammkeulen, Kerzen, Würste und treiben allerlei Unfug. Ihre Mutter, Grýla, eine furchterregende Trolldame übrigens, zog früher umher und drohte, die unartigen Kinder mitzunehmen und zu verspeisen. Aber weil heutzutage ja alle Kinder artig sind, soll Grýla längst verhungert sein.

Während dieser 13 Festtage stopfen sich die Isländer mit unglaublichen Köstlichkeiten voll. Den Rest des Jahres gibt es dann nur noch Fisch und Gemüse, damit genügend Gewicht verloren wird, um auch das nächste Weihnachtsfest mit hemmungsloser Hingabe begehen zu können.

Thráinn Bertelsson

Sie wollen mehr über Island erfahren? Wir empfehlen ›Alles ganz Isi‹ von Alva Gehrmann.

Literatur aus Island bei dtv:

Hallgrímur Helgason
Zehn Tipps, das Morden zu beenden und...
Kristín Steinsdóttir
Eigene Wege

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