Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

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»Eigentlich hatte ich mir einen neuen Anzug und vielleicht sogar ein neues Bett kaufen wollen, aber es hatte nur zu einem Fertigsalat in einem scheußlichen Plastikbehälter gereicht. Jetzt trug ich mein Fertigschicksal in meine Fertigwohnung, wo ich einen Fertigabend vor dem Fernsehapparat verbringen würde.«

›Wenn wir Tiere wären‹ ist, ich muss es gestehen, der erste Roman von Wilhelm Genazino, den ich in die Hände bekomme. Ich fange also relativ unvoreingenommen an zu lesen – gut, ein paar Erwartungen habe ich schon, immerhin ist Genazino einer der bedeutensten deutschen Gegenwartsautoren, berühmt durch seine ›Abschaffel‹-Trilogie, vielfach ausgezeichnet, eine bekannte Größe.

Wenn wir Tiere wärenEher belanglos erscheint hingegen die Welt, in die er uns in ›Wenn wir Tiere wären‹ mitnimmt: Genazino erzählt die Geschichte eines Architekten mit einem solide geführten Leben – Beruf, Wohnung, Einkommen, Frau, alles ist da -, der nur leider an seinem Alltag scheitert. Dabei sind es keine gewichtigen Bürden, die ihn Tag für Tag überfordern, sondern in erster Linie Nichtigkeiten: ein neuer Briefträger, eine kaputte Armbanduhr, der richtige Ort für die Mittagspause – im Leben des Großstädters blasen sich die Details auf zu überdimensionierten und kräfteraubenden Hauptsachen.

Angesichts der Lächerlichkeit seiner Probleme muss sich Genazinos Held immer wieder selbst an die Stirn fassen, an Selbstironie fehlt es ihm nicht, und doch: Er leidet. Nur woran? Daran, ein moderner Mann zu sein, »der seiner Ich-Suche überdrüssig geworden war«, so seine eigene Vermutung. Überreflektiert und gleichgültig trödelt er sich durch sein Fertigleben (»Mein Hauptanliegen war die allgemeine Lebensersparnis.«), schrammt dabei immer wieder an der Grenze zur Verrücktheit entlang – und kann dem undefinierbaren Druck, der auf ihm lastet, letztlich nur standhalten, indem er die Regeln bricht.

Wilhelm Genazino versteht es enorm gut, das anlasslose Leiden seines Helden, den Überdruss unserer Zeit, in einen sehr unterhaltsamen Roman zu packen. Mit trockenem, heiterem Witz rührt er an eine Melancholie, die leise, aber stur am Anker des Alltäglichen rüttelt. Mein erster Ausflug in die literarische Welt des Autors hat sich also sehr gelohnt … und war sicher nicht mein letzter!

Veronika Pfleger, dtv Internet-Redaktion

Wilhelm Genazino bei dtv:

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Aus der Ferne · Auf der Kippe

 

Ein Kommentar zu “Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

  • 30. August 2013 um 13:21
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    Wilhelm Genazino ist ein Meister darin, das Alltägliche wunderbar zu beschreiben. Jeder Roman von ihm war für mich bisher ein reiner Genuss und ein großes Vergnügen.

    B. Böllinger von der Literaturseite http://www.saetzeundschaetze1.wordpress.com

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