»Wir haben gehungert … Seitdem habe ich Ahnung von Pilzen.«

Zeitzeugenberichte aus den Nachkriegsjahren

zwischen ende und anfang wolfgang brennerAm 8. Mai 1945, vor 72 Jahren, endete der Zweite Weltkrieg. In ›Zwischen Anfang und Ende‹ erzählt Wolfgang Brenner von den Nachkriegsjahren zwischen Zerstörung und Neuanfang, zwischen Hunger und Wirtschaftswunder. Für seine Recherchen hat er unter anderem Zeitzeugenberichte gesammelt. Wie erging es den Menschen damals? Welche Szenen sind ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? Und was haben sie aus dieser Zeit für ihr weiteres Leben mitgenommen? Fünf Stimmen.

Zeitzeugen Nachkriegsjahre Christtraud StoratChristtraud Storat. Geboren 1931. Hausverwalterin.

»Die Soldaten sind durch die Häuser gegangen, auch bei uns, und haben Sachen rausgeholt. Radios, Möbel und so weiter. Die  Frauen haben geschrien, weil die Soldaten in die Häuser gingen. Aus Angst, sie wollten sie vergewaltigen. Ich war damals noch klein und verstand nichts von diesen Dingen. Ich habe gehört, wie eine Frau aus dem Haus gegenüber nachts geschrien hat. Wenn die Soldaten zu uns ins Haus kamen und was holen wollten, da verschwand meine Mutter auf dem Dachboden. Dann war die weg. Und sie kamen auch zu uns ins Kinderzimmer, die Soldaten. Da stand so eine große Dose von Agfa. Die haben sie genommen, weil sie dachten, da wäre ein Fotoapparat drin. Da waren aber lauter Nüsse drin. Und ich habe laut gelacht, als der die Dose aufgemacht hat und die ganzen Nüsse fielen auf die Erde. Da habe ich so richtig schadenfroh gelacht. Der hat sich schnell davongemacht.«

»Ich habe eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass man auch mit wenig sehr zufrieden sein kann. Dass man, wenn man nix hat, zufrieden sein muss. Da wird nicht gemosert. Wenn nur wenig da ist, muss das akzeptiert werden. Das ist eigentlich das Wichtigste. Und auch: Wenn es einem schlecht geht, wenn man sich fürchtet – das wendet sich auch wieder zum Guten.«

Wolfgang Weinmann
Dr. Wolfgang Weinmann. Geboren 1934. Verleger.

»Wir haben gehungert. Mal mehr, mal weniger. Seitdem habe ich Ahnung von Pilzen. Ich habe Pilze gesammelt, das war Nahrungsmittelersatz, Fleischersatz. Im Park habe ich die gesammelt. Und auf dem Friedhof gegenüber. Es gab einen Lehrer, der ursprünglich aus der kommunistischen Ecke kam, also ein Edelkommunist, der war auch Botaniker und Pilzfachmann. Von dem habe ich gelernt, welche Pilze man essen kann und welche nicht. Ansonsten gab es Kartoffelschalen. Die wurden aufgekocht. Dann hast du das, was an den Schalen noch an Kartoffeln dran war, rausgekratzt und gefuttert. Andererseits haben uns die Russen Anfang 1945 aus ihrer Feldküche Brot gebracht. Das sollte man auch nicht ganz vergessen. Die haben nicht nur geklaut. (…) Die Amis haben sich mit ham and eggs und Zigaretten und Whisky vor die Tür gestellt und da kamen die Fräuleins ganz von alleine. Und die älteren Fräuleins, zum Beispiel meine Mutter, die haben für die Amis gewaschen. Und da habe ich so einen Seesack voll Wäsche nach Hause geschleppt. Da wurde das Zeug gewaschen und dann zurückgebracht. Da kriegte man Zigaretten, was zu fressen usw. Deswegen habe ich in meinem elften Lebensjahr angefangen zu rauchen. Wenn man so was Tolles hat, was alle haben wollen, da musste man doch mal probieren.«

»Da muss ich heute noch dran denken, wenn ich da in der Ecke bin, in Lindenhof. Da gab es eine Straße, die hieß mal Krumme Straße, weil die sich so ein bisschen biegt. Heute heißt die Suttnerstraße. Die habe ich mit dem Maschinengewehr lang geschossen. Dabei hätte ich auch eine Familie am Abendbrottisch erlegen können. Aber da war ich zu doof zu – das vorherzusehen. Das Maschinengewehr hat irgendwo gelegen. Ich hab es einfach mitgenommen. Beschlagnahmt. Wir haben auch Munition auf die Straßenbahnschienen gelegt. Und dann machte es Bambambam, wenn die Bahn drüberfuhr. Da ist der Fahrer ausgestiegen und hat sich grimmig umgeguckt. Und wir saßen ein Stück weiter in der Hecke und haben uns bepuscht vor Lachen. Dann haben wir bei einem Laubenpieper Äpfel geklaut. Aber nicht mit Körben, sondern bloß die Taschen voll. Und der hat ein Theater gemacht deswegen. Was wir für miese Gören sind, mein Kumpel und ich. Und was ist passiert? Wir hatten ja Brandbomben, da haben wir ihm die Laube abgefackelt. Die Brandbomben  waren irgendwelche Blindgänger. Die lagen in den Ruinen rum. Oder einfach auf der Straße. Die haben wir gesammelt. Genau wie Munition.«

menta terwey
Menta Terwey. Geboren 1926. Lehrerin.

»Die Amerikaner haben sich benommen wie die Kinder. Die hatten im Badezimmer einen Zylinder von meinem Vater – man hatte das Gefühl, das sind große Jungen. Denen ging es ja gut, ernährungstechnisch. Wir hatten ganz viele Hühner und Truthühner und Gänse beim Forstamt. Neben der Schule war ein Misthaufen. Da lagen die Hühner auf dem Misthaufen. Die Amerikaner hatten nur die Brüste oder die Schenkel gegessen. Ich sehe meinen Vater noch da stehen.«

»Dann erfuhr ich, dass man in Freiburg an der Uni in einem sogenannten propädeutischen Kurs Abitur machen kann … Wir haben in Freiburg gehungert. Wenn ich an diese Studenten denke, die aus dem Osten kamen, die gar keinen Anhalt hatten bei irgendwelchen Leuten, die ihnen was zugesteckt hätten. Die sahen elend aus. Ich war bei der Suppenausteilung in der Mensa. Das war so eine schwarze Suppe, ein furchtbare Brühe, ich habe sie grauschwarz in Erinnerung. Die Studenten kamen zwei Mal, drei Mal. Und als die Nonnen das gesehen haben, dass ich denen immer wieder von der Brühe in ihren Pott geschöpft habe, da war was los. (…) Wir sind mit der Bahn zu meinen Eltern in den Hunsrück gefahren, um mal wieder was zu essen zu bekommen. Da war ein Abenteuer. Da mussten wir in Bruchsal auf dem Bahnhof übernachten. Auf dem offenen Bahnhof. Die Dächer waren kaputt, da lag man auf so einem Steinboden. Ich hatte immer ein Strick mit, damit habe ich meinen Koffer an den Fuß angebunden. Das war eine lange Reise.«

»Ich denke, solche Zeiten, in denen man ziemlich hart angepackt wird, bestimmen das ganze Leben mit. Das ist einfach so. Wenn es nicht diesen negativen Hintergrund hätte, wäre es gar nicht verkehrt. Aber hart angefasst werden und sich durchkämpfen – das schadet nichts. Darunter habe ich nie gelitten. Ich sehe das als Entwicklung.«

Hans Brenner
Hans Brenner. Geboren 1933. Steiger bei den Saarbergwerken.

»Mein Onkel Gerd war mit seiner Frau, meiner Tante Marianne, in Peppenkum auf Hamstertour. Marianne war schwanger. Als Marianne allein auf einem Hof bettelte, bot ihr der Bauer Kartoffeln gegen Sex an. Er wies dabei auf den Zustand meiner Tante hin und sagte, da sei nichts mehr zu verderben. Gerd lief auf der anderen Straßenseite. Meine Tante hat das ihrem Mann erzählt. Daraufhin hat Gerd den Bauern verprügelt. Er hat ihn  krankenhausreif geschlagen.«

»Fußpilz war dermaßen verbreitet, dass die Bergleute im Bad saßen und mit den Strümpfen zwischen den Zehen hin- und her rieben, bis es blutete. An Ungeziefer gab es Wanzen und Kopfläuse. Auch in der Schule sehr verbreitet. Kleiderläuse – die sogenannten Filzläuse. Flöhe jeden Tag: Wenn man von der Arbeit kam, hat man einen Floh gehabt. Dann Bandwürmer und Spulwürmer. Unsere Nachbarn, die Schuhs, hatten ein Kind, das ist nach dem Krieg an Spulwürmern gestorben. Der Junge hieß Hans-Horst, war etwa vier oder fünf Jahre, als er starb. Der lag in einem weißen Sarg und dem sind die Würmer aus Nase und Mund herausgekrochen.«

Hermann CatreinHermann Catrein. Geboren 1919. Versicherungsangestellter.

»Gelernt hat man hauptsächlich aus der Zeit von 1945 bis 1948, als man aus jedem krummen Nagel was machen musste. Man hat gelernt, dass man gar nicht so viel braucht, um zu überleben. Natürlich ist heute das Leben vielfältiger. Ich habe gelesen, 10 000 Sachen hat jeder um sich herum. Das Leben ist dadurch angenehmer. Aber verzweifelt ist man damals nicht, weil man doch vieles, was abgeschrieben worden war, wieder in Stand gesetzt hat. Zum Beispiel die ganze Wohnungseinrichtung, als wir 1948 heirateten. Die stand in Mainz in einem feuchten Keller: eine Kücheneinrichtung und ein Schlafzimmer. Das war alles verfault, und ich habe das in Stand gesetzt. Und man hat gesehen, wie wenig man überhaupt zum Leben braucht. Meine Frau war eine echte Trümmerfrau, das Haus war zerstört und die hatte sich da so einen Verschlag gebaut, wo sie schlafen konnte. In Mainz-Weißenau. Und wir haben uns oft gesagt: Wenn noch mal schlechte Zeiten kommen – die Jugend heute, die in den Wohlstand hineingewachsen ist, die wird verzweifeln. Wir nicht. Das hat man gelernt. Und das ist heute noch drin in uns. Das geht auch nicht mehr raus.«

Zusammengestellt von Wolfgang Brenner
Fotos: Wolfgang Brenner, Mia Keitel

 

Wolfgang Brenner
Zwischen Ende und Anfang

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.