»wir wollen keinen dank, wir woll’n respekt«

Respekt im HipHop - von Sascha Verlan

In ›Was heißt hier Respekt?!‹ lässt Journalistin und Autorin Elke Reichart in über 18 Beiträgen ganz unterschiedliche Menschen erzählen, was Respekt in  ihrem Beruf und in ihrem Privatleben bedeutet. Einer davon ist Sascha Verlan.  Als international angesehener Kenner der HipHop-Szene und anderer Empowerment-Bewegungen schreibt er über Respekt im HipHop. Im dtv Magazin gibt er einen Einstieg in dieses spannende und brisante Thema.

»wir wollen keinen dank, wir woll’n respekt« (Microphone Mafia – Denkmal)

Sascha Verlan

In der Rap-Szene in Deutschland wird oft und viel Respekt gefordert, zurecht, denn vielen Rappern und Rapperinnen wird in ihrem alltäglichen Leben tatsächlich nur wenig Respekt entgegengebracht, sie sind persönlich betroffen von Alltagsrassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Art und Weise allerdings, wie dieser Respekt eingefordert wird, ist ihrerseits so respektlos, dass sie gar nicht als solche erkannt wird, als gerechtfertigte Forderung nach Anerkennung und Wertschätzung. Sie fordern Respekt ein und diskriminieren gleichzeitig, innerhalb eines Songs, in einem Atemzug, ziemlich wahllos und oft ohne sich darüber im Klaren zu sein.

»ich kenn zwar die spielregeln, doch ich weiß, dies hier ist kein spiel« (Fast Forward – Verlor’n)

HipHop ist die einflussreichste Jugendkultur der vergangenen 20, 25 Jahre. Ihre Ausdruckformen und Codes haben unser Leben längst durchdrungen, unseren Kleidungsstil, die Bild- und Zeichensprache im öffentlichen Raum, die Art, wie wir uns bewegen, wie wir sprechen, unser Verständnis von Musik. Egal, ob jemand nun Fan der Kultur ist oder nicht, HipHop ist ein zentraler ästhetischer und sozialer Bezugspunkt geworden. Das gilt insbesondere für das Zusammenleben auf den Schulhöfen.

Wenn sich die Gruppe N.W.A. aus Los Angeles selbst ›N****z With Attitude‹ nennt, sich die Fresh Familee-Rapper aus Ratingen als ›Sexy K*****e‹ bezeichnen, dann ist das kein Freibrief für Weiße, Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, diese Begriffe auch zu verwenden. Dass diese Begriffe in Rap-Texten vorkommen, bedeutet nicht, dass sie nun cool seien. Es ist die gesellschaftliche Minderheit, die darüber entscheidet, was wann  und unter welchen Umständen als diskriminierend empfunden wird. Die Begriffe sind nach wie vor menschenverachtende Beleidigungen, weit jenseits von Disrespect.

Wenn sich Angehörige ethnischer Minderheiten in ihren Raps in den USA als Gangster und Pimps stilisieren, dann taten sie das ursprünglich nicht, weil sie es cool und erstrebenswert finden, kriminell zu sein, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft sie tatsächlich für Gangster hält. – Wie tief diese Vorstellung im amerikanischen Unterbewusstsein verankert ist, zeigt der Fall Trayvon Martin, der spätabends im Hoodie unterwegs war, unbewaffnet, und erschossen wurde, weil ihn ein selbsternannter Nachbarschaftshüter für kriminell hielt und sich so bedroht fühlte, dass er zur Waffe griff.

Letztlich war auch der GangsterRap ein Versuch, die diskriminierenden Umstände positiv umzudeuten, ein Mittel zum Zweck, wie es der US-amerikanische Rapper ICE T mit seinem Song ›Home Invasion‹ erklärte. Rap-Musik war ein Weg, um direkt in die Kinderzimmer der weißen Jugendlichen zu kommen, eine Möglichkeit, diese Jugendlichen direkt zu erreichen, ihnen Botschaften zu vermitteln. Es ist der große Widerspruch, der jeder kulturellen Äußerung gesellschaftlicher Minderheiten innewohnt: um finanziell wirklich erfolgreich sein zu können, muss sie die zahlungskräftige Gesellschaftsmehrheit erreichen und begeistern, nur dann sind dauerhafte Präsenz in den Medien gewährleistet, Verkaufszahlen und Konzerthallen, die sich lohnen. Und dann stellt sich eben die Frage, wie diese Aufmerksamkeit erreicht werden kann. Wie viel Kompromissbereitschaft ist angebracht, und wo beginnen Anbiederung und Ausverkauf der eigenen Ideale?

Wenn nun Jugendliche aus einer privilegierten Gesellschaftsposition heraus mit diesem Gangsterimage kokettieren, weil es plötzlich als cool gilt, dann hat Rap seine aufklärende, progressive Kraft verloren, dann ist Rap nicht mehr subversiv und hat seine ursprüngliche Macht eingebüßt, eine Kraft, die vielen Protagonisten der Szene hier nie wirklich bewusst wurde.

»schon wieder schreib ich meine zeilen im knast« (Yassir – Schon wieder)

Natürlich gibt es auch in Deutschland und Europa viele Rapperinnen und Rapper, für die HipHop eine Befreiung war, denen Rap die Kraft und die Möglichkeit gab, auszubrechen aus ihren persönlichen Kreisläufen von Gangs, Drogen und Gewalt, zum Beispiel Yassir, Rapper aus der Frankfurter Nordweststadt.

Yassir ist nicht stolz auf seine Vergangenheit, er prahlt nicht mit seinen Taten, die er im Vergleich zu vielen anderen GangstaRappern selbst begangen hat, für die er ins Gefängnis kam: »Die anderen, die kennen das gar nicht. Die erzählen nur so von ihren Filmen, wie sie es gern hätten oder was sie gesehen haben bei Leuten wie mir. Verstehst du? Und vielleicht ist das der Grund, warum ich nicht darüber rappen möchte, dass ich es besser weiß, ich hab’s selbst erlebt und ich weiß genau, wie asozial das ist. Und die haben’s halt nicht erlebt, die wissen gar nicht, was sie anstellen mit ihren Worten.«

Yassir lebt heute in Marokko, vor fünf Jahren wurde er ausgewiesen in ein Land, das er mit seinen Eltern verlassen hatte, als er zwei, drei Jahre alt war, das er selbst gar nicht kennt. Seine Familie, seine Brüder, seine Frau, seine beiden Söhne, sie alle leben noch in Deutschland. Weil er nicht nur den verführerischen Schein kennt, sondern die Schattenseiten von Kriminalität und Drogensucht, rappt Yassir, um anderen einen positiven Weg aufzuzeigen: »wenn ich ’s schaffe, auch nur eine gute seele zu befreien, erst dann kann ich auch sagen, ich hab im leben was erreicht«, rappt er in seinem Song ›Yassir, mein Name‹: »Deswegen rap ich so, wie ich halt rappe, gewaltfrei. Ich kann nicht verherrlichen, was nicht gut ist. Ich kann nicht sagen: ja hier Drogen, Alkohol, das ist cool, ja macht das, wenn ich doch genau weiß, dass mein ganzes Leben dadurch kaputt gegangen ist. Was wär ich dann für ein Heuchler? Und das machen halt viele Rapper gerade, die heucheln der Jugend was vor und verdrehen die dann mit. Eher mach ich keine Musik oder mach nur für mich alleine Musik, als dass ich irgendeine Seele da draußen verbrenne mit den Worten die ich sage.«

Weil Yassir aber der echte Gangster ist, der Typ, den andere nur spielen, kamen natürlich auch die Anfragen und Angebote, doch mal zu erzählen, wie es wirklich zugeht, wie sich das Alles wirklich anfühlt: »Ich will nicht die Musik machen, die jetzt gerade in ist oder die andere jetzt von mir erwarten, weil ich ja so ’n echter Gangster bin. Und soll ich dir mal von meinem echten Gangsterleben erzählen? Ich könnt dir erzählen, wie ich die Leute früher immer ausgenommen hab, wie ich mich mit 20 Mann geschlagen hab, und warum sie mich siebenmal niedergestochen haben. Natürlich könnt ich mit all dem prahlen, natürlich würde ich noch mehr Leute faszinieren von dieser Gangsterwelt, dieser Scheinwelt. Aber dann würd ich genau dasselbe machen, wie ich ’s vorher gemacht hab. Dann würd ich bluten und ich würde Kinder verbrennen und auf die falsche Bahn bringen. Und das würde dann meine Musik kaputt machen, dann wär nichts mehr so schön an ihr, dann würde ich sie selber nicht mehr feiern. Und dann würd ich das Letzte, was ich habe, und das Größte, was ich eigentlich habe, kaputt machen.«

Yassir hat gute Gründe, sich dem Hype um GangstaRap zu entziehen, weil Gangster für ihn kein Film ist, keine spannende Vorstellung, kein Spiel, sondern eine bittere Realität, deren Folgen er in Marokko jeden Tag aufs Neue zu spüren bekommt. Für viele andere ist das anders, und so führte der Wettkampfcharakter der HipHop-Kultur dazu, dass sich die Rapper bis heute darin zu übertreffen suchen, wer krasser, krimineller und asozialer ist, wessen Wohnviertel härter und heruntergekommener ist. Während HipHop in den USA ein Weg war heraus aus den Ghettos, aus der Stigmatisierung und Fremdbestimmung, ein Weg, die Gewalt der Straßen zu überwinden, führt HipHop in Deutschland geradewegs in die Ausgrenzung und letztlich zu mehr Gewalt.

»the rich get richer, cause they work towards rich
the poor get poorer, cause their minds can’t switch from the ghetto
let go, it’s not a novelty
you could love your neighborhood without loving poverty«
KRS ONE

von Sascha Verlan

was_heisst_hier_respekt-9783423626101

Mehr zum Thema Respekt lesen Sie in:

Elke Reichart: Was heißt hier Respekt?!

Wir alle wünschen uns Respekt: im Miteinander mit Freunden, in der Beziehung, bei der Arbeit, im Alltag. Aber was bedeutet eigentlich Respekt? Was macht einen respektvollen Umgang aus? Ist es die Begegnung auf Augenhöhe? Ist es Toleranz? Anerkennung? Achtung? So schillernd der Begriff, so bunt sind auch die Beiträge in diesem Buch, die die Journalistin Elke Reichart gesammelt hat. Zahlreiche Interviews führte sie mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten. Immer stand im Fokus die eine Frage: Was bedeutet für Sie und Ihren Beruf Respekt? Zu Wort kommen neben Sascha Verlan u. a. ein anerkannter Respektforscher, ein Student, eine Krankenschwester, ein Sportler, ein Herzchirurg, ein Therapeut, eine Bischöfin, ein Lehrer für islamischen Religionsunterricht und ein Rabbi.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.