Zu Besuch bei…Astrid Ruppert

Was hat es mit dem Kranich-Schwarm auf sich? Was ist der „Geheimrat Dr. Oldenburg“? Welche Lyrikerin hat sie geprägt? Die Antwort auf diese und weitere Fragen erfahrt ihr hier: Herzlich willkommen in der Schreibwerkstatt von Astrid Ruppert!

 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Ich habe es wirklich lange versucht, eine feste Schreibroutine zu entwickeln, so Thomas-Mann-Style, jeden Vormittag drei Stunden, und die Familie muss ganz leise sein… ist aber nichts für mich. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass ich meine Schreibstunden zu ganz unterschiedlichen Zeiten finde. Manchmal schreibe ich schon frühmorgens im Bett mit einer Tasse Tee, noch im Schlafanzug und halb in dieser Nachttraumwelt. Manchmal schreibe ich bis spät in die Nacht.  Das ist so eine besondere Stimmung, wenn draußen alles ruhig und dunkel wird und nur noch meine Lampe brennt.
Da, wo ich arbeite, muss penible Ordnung herrschen. Manchmal kommen Freunde in mein Arbeitszimmer und sind ganz überrascht, denn sie erwarten dieses künstlerische Chaos, Blätter, Bücher, Bilder, Skizzen, Notizen überall! Aber diese ungeordnete Fülle wirbelt ja schon in meinem Kopf, und um es wohlsortiert aufs Papier zu bekommen, brauche ich absolute Ordnung.
Sehr gerne schreibe ich unter dem Kranich-Schwarm, den meine Tochter mal mit endloser Geduld für mich gefaltet hat. Gerade an Tagen, an denen sich alles so schwer wie Blei anfühlt, bin ich fest davon überzeugt, dass die Kraniche mir helfen, dass die Worte und Gedanken wieder fliegen.

Haben Sie dabei feste Rituale?

Starker, englischer Tee gehört unbedingt dazu, mit Milch und Honig. Und ein kleiner Spleen von mir: Ich lackiere mir oft die Fingernägel, damit dieser halbe Blick auf die graue Tastatur irgendwie bunter ist. Ich kann nämlich nicht blind schreiben. In der Schule haben zu meiner Zeit alle Mädchen irgendwann einen Schreibmaschinenkurs belegt, ich war der Meinung, dass ich niemals zu denen gehören möchte, denen etwas diktiert wird. Besser, man lernt es erst gar nicht, dachte ich. Naja… mein individuelles Sechs-Finger-System funktioniert inzwischen zwar auch ganz flott, aber natürlich lange nicht so gut, wie bei denen, die es richtig gelernt haben.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand oder Ähnlichem?

Ein Notizheft habe ich immer in der Tasche, einen Karteikasten und eine große Pinnwand habe ich im Arbeitszimmer und – je nach Projekt – wird alles genutzt. Seit das Handy immer und überall dabei ist, mache ich mir auch damit Notizen, auf Spaziergängen zum Beispiel. Es gibt immer auch eine Phase, in der ich eine große Rolle Papier auslege, auf der ich die Welt des Romans skizziere. Es gibt für mich noch keine ideale Art, all das zu sammeln, was in eine Geschichte hineingehört, alle Hilfsmittel sind irgendwie Krücken, und eigentlich träume ich von einem Zweithirn, in dem alles immer gleichzeitig präsent ist.

Was wollten Sie als Kind werden?

Auf die Frage Na, was willst du denn mal werden? habe ich immer geantwortet, dass ich es noch nicht weiß. Es war mir als Kind schon klar, dass ich unmöglich sagen kann, dass ich Schriftstellerin werden will.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Tatsächlich ist es so, dass ich meinen heimlichen Traum, Schriftstellerin zu werden, so heimlich hielt, dass ich ihn sogar selbst vergessen habe. Ich habe studiert, bin beim Fernsehen gelandet und fand meinen Beruf wirklich spannend. Dann hatte ich irgendwann stressbedingtes ganz schön flottes Dauerherzrasen und wurde zu Ruhe verdonnert. Ja, und dann hatte ich Ruhe. Viel Ruhe. Und noch mehr Ruhe. Und in der Ruhe fiel mir das wieder ein: Ich wollte doch immer Schreiben! Ich habe dann tatsächlich begonnen, eine erste Kurzgeschichte zu schreiben. Und noch eine. Und noch eine. Das war extrem aufregend, aber mein Herz hat sich dabei trotzdem beruhigt. Tja, dann war irgendwie klar, wie es weitergehen wird. Ich bin meinem Herzen auch recht dankbar dafür, dass es mich durch dieses beunruhigende Rasen letztlich auf den richtigen Weg gebracht hat.

Welcher Autor oder welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Emily Dickinson. Durch ihre Lyrik habe ich gelernt, dass durch wenige, kleine Worte große, weite Welten entstehen können.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Schwierige Frage! Die Autoren und Autorinnen, die veröffentlich sind, sind ja quasi entdeckt! Ich persönlich werde mich jetzt daran machen, mehr – siehe nächste Frage – von Elizabeth Strout zu entdecken.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Elizabeth Strout, Die Unvollkommenheit der Liebe.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Oh, ich habe immer große Stapel überall liegen. So viele Neuerscheinungen, die alle interessant klingen, und mir immer zurufen, dass sie mitwollen, wenn ich in einer Buchhandlung bin! Aber ich habe mir auch vorgenommen, wieder mehr Klassiker zu lesen, die in jeder Lebensphase neue Bedeutungen für einen selbst entfalten können.

Was lesen Sie zurzeit?

Alte Sorten, von Ewald Arenz. Wir leben hier in einer Apfelgegend und jeden Herbst pflücken wir mit Vorliebe alte Apfelsorten. Gerade gestern haben wir zum Beispiel den „Geheimrat Dr. Oldenburg“ gepflückt, den man kaum mehr kennt, der mit einem Supermarktapfel aber gar nicht vergleichbar ist. Deshalb ist mir der Titel sozusagen direkt ins Auge gesprungen. Was mich unwiderstehlich anzieht, sind neben besonderen Apfelsorten, besondere Menschen: Und um zwei sehr besondere „Sorten“ geht es in diesem Buch.

Wo lesen Sie am liebsten?

Im Sommer: Im Garten.
Im Winter: Auf dem Sofa vorm Kamin. Und natürlich im Bett!

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für meine Lieben, für Gespräche und Austausch. Und fürs Schreiben.

 

Astrid Ruppert über Mütter und Töchter

In Ihren Büchern behandelt Astrid Ruppert die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern. Ihre Gedanken zu dieser Thematik hat Sie in Ihrem Blog geteilt.  Wir möchten euch hier einen kleinen Ausschnitt zeigen, wenn ihr jedoch mehr lesen möchtet, schaut doch hier vorbei. 

[…] Ich habe schon seit vielen Jahren darüber nachgedacht, ein Buch über Mütter und Töchter zu schreiben. Wahrscheinlich seitdem ich irgendwann gemerkt habe, dass auch unsere Mütter einmal junge Frauen waren, Töchter waren. Dann fing ich an, mir Gedanken über die Mütter der Mütter zu machen, und dann wieder über deren Mütter… und plötzlich wurde das ganze historisch, und aus einem Roman wurden drei.
Obwohl es natürlich auch um das Jetzt und Heute geht, und das Heute auch der eigentliche Ausgangspunkt der Fragestellung war: Als Tochter, Mutter und Enkelin habe ich begonnen, mich zu fragen, welches Band verbindet die Frauen einer Familie? Wo schenkt dieses Band Halt, wo kann man es lösen, und natürlich auch: was webt man selbst mit hinein?

Was sind die Botschaften, die weitergegeben werden innerhalb einer Familie? Ich glaube, dass die Beziehung zwischen Mutter und Tochter vor allem bestimmt wird von zwei menschlichen Grundbedürfnissen: dem nach Sicherheit, und dem nach Freiheit. Und dass wir immer zwischen diesen beiden Polen hin und her pendeln. Dass wir je nach Persönlichkeit, Erfahrungen, oder Lebensalter mehr Nähe oder mehr Abgrenzung wählen, mehr Anpassung oder mehr Selbstbestimmung. Auf jeden Fall ist die Mutter-Tochter Beziehung die prägende Urbeziehung im Leben. […]

 

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