Zu Besuch bei…Julia Bruns

Wann sollte man besser nicht bei ihr an der Tür klingeln und kann sie ihre eigene Handschrift entziffern? Die Antworten auf diese und weitere Fragen findet ihr hier – Willkommen in der Schreibwerkstatt von Julia Bruns!

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Mein Schreiballtag hat etwas von dem Drill in einer Kaserne. Ich sitze spätestens gegen acht Uhr am Morgen am Schreibtisch, denn was ich vor dem Mittagessen nicht produziert habe, kann ich im Laufe des Tages nur noch schwer nachholen. Der Tag hat dann etwa zwölf Stunden, wobei ich gegen Nachmittag eine Stunde Pause mache. Das mit dem festgelegten Schreibpensum habe ich lange aufgegeben. Wenn es nicht fließt, fließt es nicht, da hilft auch kein festgelegtes Pensum. In solchen Momenten, die mich zugegeben aufregen, erledige ich die Hausarbeit und erzähle mir selbst immer wieder die Szene, in der ich gerade festhänge.
Und: Ich hasse Störungen, also es ist besser, wenn mich niemand anruft und auch keiner an der Tür klingelt.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Ich merke nichts davon, aber ich glaube, mein Umfeld würde das unbedingt bestätigen. Also zunächst herrscht auf meinem Schreibtisch immer absolute Unordnung. Wenn ich alles blitzblank aufgeräumt habe, steht Heiligabend vor der Tür. Das wären dann schon mal zwei feste Rituale. Ansonsten habe ich immer einen Strauß Blumen, eine brennende Kerze und allerlei Dinge, die ich in der Natur finde, um mich herum, zum Beispiel Tannenzapfen, Kastanien, Steine usw. Dann nehme ich meine Mittagsmahlzeit konsequent an meinem Arbeitsplatz ein. Kurzum, die Tastatur muss ich deutlich öfter als einmal im Jahr reinigen. :)  Und: Ich kann grundsätzlich nur schreiben, wenn absolute Ruhe herrscht. Die einzige Ausnahme bildet das Schnarchen unseres Hundes.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?

Neben dem Konzept, was ich für jedes Buch vorab erstelle, arbeite ich mit dutzenden Schmierblättern, auf denen ich einzelne Schlagwörter bzw. Stichworte notiere, sind diese besonders wichtig, werden sie zusätzlich noch neonfarben markiert. Am Ende eines Buches kommen dann so zehn bis zwanzig vollgeschriebene A4-Blätter zusammen, die ich mit Abgabe des Manuskriptes entsorge. Niemals vorher, da bin ich abergläubisch.

Was wollten Sie als Kind werden?

Wenn ich das alles aufzählen würde, hörte sich das wie eine Liste der Berufsberatung an, wobei ich einschränken muss, dass es sich dabei nur um „seriöse“ Berufe wie Lehrerin, Kfz-Mechanikerin, Gärtnerin, Tierärztin usw. gehandelt hat. Wenn ich damals jemandem gesagt hätte, dass ich Schriftstellerin werden will, wäre ich ausgelacht worden. Entsprechend habe ich die Klappe gehalten und bin Redenschreiberin geworden. Bis zum heutigen Tag habe ich niemals gesagt, dass ich Schriftstellerin sein will. Ich habe es einfach getan.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ganz profan: Ich lese gern. Irgendwann haben mich die Geschichten der anderen so berauscht, dass ich mir selbst welche ausgedacht habe. Bei uns in der Schule gab es Wettbewerbe der Deutschen Sprache. Dafür habe ich meine ersten Geschichten geschrieben, mit vorgegebenem Thema und handschriftlich. Anschließend musste man die Geschichte vor einer Jury vorlesen. Und da genau lag mein Problem. Ich hatte und habe eine ganz grauenvolle Handschrift, die sogar ich mitunter nur schwer entziffern kann. Am Ende habe ich also nie gelesen, sondern das Ganze während des Vortragens neu ersponnen und trotzdem gewonnen… :)

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Oh, da gibt es viele und die sind sehr unterschiedlich. Ich bewundere Böll, Wilde, Balzac, Brecht, Strittmatter, Storm…
Irgendwann habe ich es dann mal mit modernen Autoren versucht und bin bei Gerbrand Bakker, Philip Kerr und Donato Carrisi hängen geblieben.
Ich folge da keinem Muster und ich vermute, ich bin eine anstrengende Leserin, vor allem bin ich wählerisch, was die Sprache angeht.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden? 

Wenn Sie den Nachwuchs meinen, muss ich leider passen. Da bin ich nicht up to date. Es gibt allerdings ein paar Autoren, die schon einige Zeit publizieren bzw. publiziert haben und die man wiederentdecken sollte. Nehmen Sie zum Beispiel F. Scott Fitzgerald. Er war ein absolutes Ausnahmetalent und gehört meiner Meinung nach in jedes Bücherregal. Klaus Mann wäre auch so jemand. Und, da ich eine waschechte Thüringerin bin, komme ich an Annette Seemann nicht vorbei (auch wenn jetzt sicherlich so einige einen Hinweis auf Goethe oder Schiller erwartet hätten :) ). Frau Seemann hat eine ganz ausgezeichnete Biografie der Weimarer Fürstin Anna Amalia geschrieben. Diese ist voll mit historischen Fakten und kommt trotzdem ganz leicht daher, dass es Spaß macht, in die Vergangenheit einzutauchen.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Vor kurzem hatte ich das ›Das letzte Schaf‹ von Ulrich Hub in der Hand, ein herrliches Kinderbuch zum Thema Weihnachten.
Ich befinde mich ab September konsequent in der Einlaufkurve zum Weihnachtsmodus. Man muss ja vorbereitet sein. :)

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Das kann ich erst beantworten, wenn ich in der Buchhandlung stehe und die Regale ablaufe. Ich habe selten einen Plan, es sei denn, ein Buch wird mir ganz intensiv ans Herz gelegt. Lieber betrete ich aber einen Buchladen und lasse mich mitreißen. Das passiert etwa einmal im Monat, zu selten, ich gebe es zu.

Was lesen Sie zurzeit?

Zur Zeit lese ich eher wenig. Da ich viel im Auto unterwegs sein muss, bin ich auf Hörbücher umgestiegen. Das ist eine vollkommen neue Erfahrung für mich, aber ich finde immer mehr Vergnügen daran. Momentan höre ich Dürrenmatts ›Der Besuch der alten Dame‹ und bin absolut begeistert. Auch Herr Dürrenmatt sollte übrigens wiederentdeckt werden.

 Wo lesen Sie am liebsten?

Da unterscheide ich mich sicherlich nicht maßgeblich von allen anderen Menschen. Ich lese abends im Bett, ab und zu sonntags auf der Couch und im Sommer auf der Hollywoodschaukel.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für unseren Hund. Sie hasst es, wenn sich ihre Fütterungszeit verschiebt, also lasse ich alles stehen und liegen und beeile mich, pünktlich zu sein.
Und natürlich auch für „meine Fütterungszeit“, also das Essen meines Mannes. Er kocht hervorragend (eine Begabung, die ich nicht habe). Da braucht es keine zweite Einladung.

 

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