Zu Besuch bei … Lars Simon

 

Eine schwedische Weihnachtsgeschichte: Zehn Jahre lang hat sich Carl-Johann Gustafsson (81) von seiner Familie zurückgezogen. Doch jetzt will er gemeinsam mit der Familie Weihnachten auf seinem Landgut feiern. Und am Ende kommt es dann ganz anders als gedacht. Lars Simon, der Autor von ›Gustafssons Jul‹ erzählt, wie sein Schreiballtag aussieht, welches Buch ihn derzeit begeistert und was er als Kind werden wollte.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Ich schreibe – bis auf wirklich wenige Ausnahmen, wie etwa im ››Urlaub‹‹ – am Familienschreibtisch, den man auf dem Foto sehen kann und der mir heilig ist. Es ist quasi ein Generationen-Erbstück. Er stammt schätzungsweise aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, mein Großvater hat ihn irgendwann um 1950 erstanden, mein Vater hat früher sogar seine Schulaufgaben manchmal daran gemacht. Er war bis zum Tode meines Großvaters in seinem Besitz und Gebrauch. Dann habe ich ihn übernommen. Man beachte, dass die vordere Tischkante und die Oberfläche am Rand des Tisches von vielen Jahrzehnten Ärmeln und Händen wie abgeschmirgelt ist. Das hat doch etwas sehr Vertrautes und ist eine Art gelebtes Andenken. Was meine Arbeitsweise angeht: Feste Schreibzeiten habe ich nicht, eher eine Schreib-Gleitzeit, die von morgens 8:30 bis nachts reicht. Meine Kernarbeitszeit ist aber meistens von 9:00 bis 17:00 Uhr. Ich schreibe ausschließlich am Rechner, nur meine Notizen mache ich größtenteils mit Hand in mehrere Notizbücher und auf unzählige Post-Its, die ich überall hin klebe und manchmal in eine Datei übertrage, wenn es zu viele werden. Ein fixes Schreibpensum gibt es bei mir nicht, das ist tagesform- und abgabeterminabhängig. Fünf wirklich lektoratswürdige Seiten sind aber ein guter Wert.

Haben Sie dabei feste Rituale?

Klar! Rituale sind wichtig. Zumindest für mich. Ich beginne den Tag mit Cappuccino, Espresso oder Brühkaffee (mit Omas Porzellanfilter und Kaffeemühle – so viel Zeit muss sein!), dann entweder dabei TV-Nachrichten gucken (deutsch oder BBC), und falls ich die verpasse, geht es gleich an den oben genannten Schreibtisch, wo ich mir vor E-Mail-Studium und Büroalltag inklusive Schreiben (ich mache ja noch andere Dinge und realisiere Projekte) die wichtigsten Meldungen auf den Websites der Süddeutschen, der FAZ und der NYT genehmige.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?

Mit beidem. Ich habe sogar zwei Pinnwände, eine für Privatsachen und eine für mein aktuelles Projekt. Meine Notizbücher nehme ich allerdings nur für diejenigen Zeiten her, wenn ich nicht am Schreibtisch sitze.

Was wollten Sie als Kind werden?

Habe ich vergessen. Vieles wahrscheinlich, aber definitiv nicht Autor. Schätzungsweise etwas Anständiges wie Baggerfahrer, Astronaut, Karateweltmeister, Präsident oder Feuerwehrmann. Hat aber alles nicht geklappt …

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

In meinem früheren Job als Geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Internet-Softwarefirma für den Bereich Marketing und PR war Schreiben Alltag. Natürlich handelte es sich dabei um gänzlich andere Textgattungen wie Pressemitteilungen, Handbücher, Dokumentationen, Werbetexte und so weiter, aber es war viel kreatives Schreiben gefragt. Parallel dazu habe ich – als Hobby – kleine Beiträge für einen befreundeten Sprecher geschrieben, der ein professionelles Tonstudio besaß. Meine Ergüsse haben wir dann für den Rundfunk produziert. Aber der eigentliche Auslöser war meine Auswanderung nach Schweden. Damals war ich der Meinung, ich müsste einen historischen Roman schreiben, quasi als Ode an die Heimat. Das habe ich dann auch getan. Ich möchte behaupten, dass dies der Beginn meiner schriftstellerischen Tätigkeit war.

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Oh, das waren im Laufe der Jahre einige! Vor allem finde ich es schwer, eine Grenze zwischen ››beeinflusst‹‹ und ››nachhaltig geprägt‹‹ zu ziehen. Das ist doch oft nur ein gradueller oder zeitabhängiger Unterschied. Fest steht, dass diejenigen Autoren, die mich beeindruckt haben von Schiller und Goethe über Thomas Mann, Kafka und Rilke, Umberto Eco, Robert Schneider, Thomas Lehr, Andrzej Sapkowski (seine Narrenturm-Trilogie, bei dtv erschienen!) und Rebecca Gablé reichen, deren historische Romane mich schwer begeistert und inspiriert haben, einen eigenen zu schreiben.
Es gibt aber natürlich ein paar Bücher (vielleicht sind es die, die mich am meisten beeindruckt und damit geprägt haben), die ich jedem empfehle, ob er will oder nicht. Das sind: ›Narziss und Goldmund‹ von Hermann Hesse, ›Die Nacht des Troubadours‹ von Ib Michael (übrigens von dtv publiziert, aber nicht mehr erhältlich – sehr bedauerlich!), ›Der Skord von Skulleskogen‹ von Kerstin Ekmann, ›Jonathan Strange & Mr. Norell‹ von Susanna Clarke, ›Der Baron auf den Bäumen‹ von Italo Calvino, ›A long way down‹ von Nick Hornby und – damit ich mal zum Ende komme: ›Bildung – Alles, was man wissen muss‹ von Dietrich Schwanitz. Keine Belletristik, aber schlicht genial!

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Das möchte ich allgemein beantworten: Es gibt in der Literatur, wie auch in der Musik, Dutzende, die es verdient hätten, publiziert zu werden und vielleicht sogar groß rauszukommen. Talent verhindert keinen Erfolg, und dennoch ist und bleibt es leider größtenteils Glückssache, ob man entdeckt wird oder nicht. Den einzigen Beitrag, den man leisten kann, sind der ständige Wille zur Verbesserung eigener Texte, unendliche Ausdauer und ein sturer Glaube an sich selbst. Das war zwar nicht Ihre Frage, aber ich wollte es mal loswerden.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Ich habe mir einen alten Gedichtband von Rilke im Antiquariat gegönnt. Erstausgabe, Ledereinband, wunderschön. Der hat mich total begeistert. Bücher, die nach Buch und Vergangenheit riechen, sind das Größte!

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Ich möchte die geneigten Leser dieses Interviews nicht nochmal mit einer ellenlangen Liste malträtieren. Aber es gibt derart viele Bücher und Autoren, die ich gerne noch lesen möchte – von Klassikern über Neuerscheinungen, von Sachbüchern über Romane – dass ich nicht weiß, beim wem oder wo ich da anfangen soll. Einigen wir uns als Antwort auf: ›Viele‹?

Was lesen Sie zurzeit?

›Sophies Welt‹ von Jostein Gaarder.

Wo lesen Sie am liebsten?

Im Bett und am Esstisch (wenn ich nicht esse).

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für Menschen, die mir wichtig sind und für einen guten Rotwein (obwohl sich das jeweils nicht ausschließt – im Gegenteil!)

Lars Simon
Gustafssons Jul
Lars Simon
Gustafssons Jul

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.