Leseprobe

Aus dem Kapitel:

Wechsel auf der Chefetage –

Löhring macht sich frisch

Löhring war derweil seinem koffertragenden Chauffeur in die Eingangshalle der Klinik St. Ägidius gefolgt. Auf der weißen Theke stand neben einem eingetopften Miniaturbäumchen ein rotes Schild: „Empfang momentan nicht besetzt. Bitte im Büro 1. Tür rechts melden.“ Löhring blieb davor stehen und starrte auf die Pflanze. Die Erde im Topf erinnerte an ein Vegetationsgebiet mit wenig Niederschlag. Löhring blieb vor der Empfangstheke stehen: „Warum ist Ihr Empfang nicht besetzt? Und bitte ab jetzt frische Blumen statt vertrocknete Grünpflanzen. Wir sind hier doch nicht in einer Behörde! Ich sage Ihnen, bei solchen kleinen Dingen fängt die Umstrukturierung an, genau hier, bei der Grünpflanze!“

Ein ankommendes Telefax schob sich surrend durch die Walze.

Die um ihn stehenden Personen schauten sich mit einer Mischung aus Entsetzen und Amüsement an, was Löhring leicht irritierte. Dr. Venrich sprang auf ihn zu.

„Nun kommen Sie doch erst einmal weiter, Herr Dr. Löhring. Das besprechen wir alles in der Therapie.“

Doch Löhring hatte sich bereits von der Gruppe abgesetzt, schritt dynamisch an einem Mann vorbei, der sich gerade in gebückter Haltung mit einer Gabel an den Entlüftungsventilen der Heizkörper zu schaffen machte. Er blieb vor einigen Bildern stehen, die aufwändig hinter Glas gesetzt und in den Flur gehängt worden waren, und die Henry-Moore-Skulptur vor dem Haus kam ihm wieder in den Sinn. Es handelte sich offenbar um eine Reihe: stilisierte Fäuste vor blauem Himmel.

„Von welchem Künstler sind denn diese Bilder? Ich sage Ihnen, Leute, die so etwas malen, sind Out-of-the-box-Denker. Solche Typen brauchen wir in der Wirtschaft! Haben Sie die Gemälde schon einmal schätzen lassen?“

Der Mann mit der Gabel am Heizkörper hatte die Entlüftung zweifellos bewerkstelligt. Es spritzte ihm pitschnass entgegen. Er entlüftete weiter, bis man auf ihn zu rannte und ihm ein wenig unter die Arme griff.

Venrich kam näher und schaute Löhring über die Schulter.

„Nein, ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung, was die auf dem Markt wert sein könnten. Aber ich kann Sie gern mit den Künstlern bekannt machen.“

Plötzlich war  eine Stimme zu hören, die sich langsam hob und in einem seltsam verdrehten Tonfall wieder abebbte, man konnte sagen: ein Schrei. Das kleine Empfangskomitee verzog keine Miene, und auch Löhring ließ sich nicht beirren. In seinem Unternehmen schrie man auch, vielleicht etwas kräftiger, kürzer, irgendwie zielgerichteter, aber ansonsten war ihm diese Art von Lärm durchaus vertraut. Er nahm ihn mittlerweile kaum mehr wahr.

Sehr schön. Löhring war begeistert von dem ersten Eindruck, den das Unternehmen auf ihn gemacht hatte, und ließ sich gerne von einem jungen Herrn aus der Forschung auf sein Zimmer bringen, um sich frisch zu machen. Er folgte ihm in die obere Etage, eine Lage, die Löhring als angemessen und selbstverständlich empfand.

Beim Betreten des Zimmers erschien ihm die ihm zugewiesene Bleibe dann doch etwas schlicht. Eine sehr gezügelte Funktionalität ging von dem Raum aus. Der Schreibtisch war viel zu klein, hatte seltsam abgerundete Ecken, und es gab keinerlei Technik, noch nicht einmal einen Fernseher, keine Blumen, keinen Früchteteller, und in der Nasszelle standen keine Körperpflegeprodukte in Einzelflakons bereit. Löhring kommentierte das nicht weiter. Er ging davon aus, dass man ihm anderweitig ein Büro mit Vorzimmer eingerichtet hatte. Als er die Tür hinter sich schließen wollte, stand der junge Mann in Weiß immer noch im Zimmer. Wartete der auf Trinkgeld? Löhring schaute ihn fragend an. Und dann ging der Mann zum Schrank, holte ein Handtuch heraus, lächelte so, wie man es tut, wenn man nett sein will, und sagte: „So, jetzt gehen wir erst einmal duschen, und dann schaue ich mir kurz Ihr Gepäck an.“ Löhring grinste vor Schreck. Da stand ein unbekannter Mann in seinem Zimmer und machte den merkwürdigen Vorschlag, mit ihm zusammen zu duschen.

Löhrings Blut pulsierte durch seine Adern, und er hatte das Gefühl, dass es um ihn herum plötzlich dunkel wurde. Es fühlte sich an, als hätte sich sein eigener Schatten verselbstständigt und ihn überholt. Dies war zweifellos ein klarer Moment, und die klaren Momente waren die schlimmsten. Aber Löhrings Unsicherheit dauerte nicht lange an, denn seine Königsdisziplin war die Verdrängung. Seine Welt war das Business, hell und grell und ohne Schatten, und er war ein Kämpfer, ein Tiger. Er fing sich also wieder, stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf schräg: „Damit das ein für alle Mal klar ist: Ich dusche wann und mit wem ich will. Und jetzt will ich nicht duschen, und schon gar nicht mit Ihnen.“

Fünf Minuten später stand Löhring mit einem dunkelblauen Badehandtuch über dem Arm in einem türkisfarbenen Badezimmer, immerhin allein. Aber trotzdem, wie peinlich. Das konnte er nun wirklich niemandem erzählen und eingestehen, am wenigsten sich selbst.

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