Interview

»Ich sehe mich eher als Handwerker denn als Künstler.«

Krimi-Couch: Können Sie unseren Lesern etwas über Ihren neuen Roman, den Sie hier geschrieben haben, verraten?

Marek Krajewski: Das Buch ist die letzte Vertragsarbeit für den polnischen W.A.B. Verlag, danach bin ich freischaffender Autor.

Den Handlungsort möchte ich nicht verraten, dies soll eine Überraschung für meine polnischen Fans werden. Der Arbeitstitel des Buches lautet ›Der Schatten des Minotaurus‹. Mock ist darin 55-jährig. Er jagt zusammen mit dem polnischen Polizisten Popielski einen mysteriösen Serienmörder. Popielski, denke ich, ist eine sehr interessante Figur. Vielleicht gar der Nachfolger von Mock.

Krimi-Couch: Kriminalrat Eberhard Mock, die Hauptfigur Ihrer Romane, ist ja eine sehr zwiespältige Figur. Einerseits Altphilologe, sehr belesen und intelligent, anderseits Polizist, dem jedes Mittel recht ist, sein Ziel zu erreichen. Hat die Sprache gegenüber der Gewalt versagt?

Marek Krajewski: Gute Frage! Das kann man so nicht sagen. Ich wollte in erster Linie eine vielschichtige Figur mit Ecken und Kanten schaffen. Diese Widersprüche machen eine Figur interessanter. Die Leser interessieren sich meist mehr für die dunkle Seite eines Menschen. Mock lebt diese aus. Er ist ein Jagdhund, er hungert nach Gerechtigkeit. Er ist Richter und Henker zugleich. Speziell in ›Festung Breslau‹, welches in einer sehr düsteren Zeit spielt. Dies überträgt sich auf Mock. Selbst körperlich ist er geprägt. Sein Gesicht ist entstellt.

Krimi-Couch: Mock ist ja kinderlos. Ist da ein Zusammenhang zu seiner Brutalität zu sehen?

Marek Krajewski: Interessanter Aspekt, aber nein, da sehe ich keinen Zusammenhang.

Krimi-Couch: Die Mock-Romane spielen alle in den 30er-Jahren. Weshalb diese Zeitepoche?

Marek Krajewski: Die ganze Epoche gefällt mir sehr. Es war die Zeit, als Polen vollständig unabhängig war. Das gibt mir ein »warmes«, stolzes Gefühl. Die Mode war sehr elegant. Die Herren in Anzügen mit Hüten. Es waren Jahre der Dekadenz und Emanzipation der Frauen. Sie waren offener, noch bevor sie von den Nazis in ihre Hausfrauenrolle gedrängt wurden.

Die Gesellschaft war vielseitig und multikulturell. Es gab Sekten, Koksorgien und Drogenhändler, diese erkannte man an den Tütchen in der Hutkrempe.

Bildung und Sprachen, wie Griechisch und Latein, hatten einen viel höheren Stellenwert als heute. Die Gegenwart finde ich weit weniger interessant. Ich kann kein tieferes Gefühl dafür aufbauen. Für die 30er-Jahre empfinde ich sehr viel. Ansonsten könnte ich nicht darüber schreiben!

Krimi-Couch: Mock findet man daher ja auch des Öfteren im Separée. …

Marek Krajewski: Ja (lacht). Die Idee kam mir, als ich einen Bericht über das Nachtleben in Berlin in den 30er-Jahren gelesen hatte. Da gab es bereits diskrete Sex-Clubs mit separatem, diskretem Eingang. Da Breslau die viertgrößte Stadt Deutschlands war, hab ich diese Begebenheit für Breslau adaptiert.

Krimi-Couch: Die Frauen in Ihren Büchern werden aber nicht immer vorteilhaft dargestellt. Oft sind es Femme fatales oder Prostituierte.

Marek Krajewski: Ich möchte kein negatives Frauenbild schaffen. Es kommt einfach daher, dass Mock in diesen Kreisen verkehrt. Meine Krimis sind im Stil noir. Ein Stil, wie ihn Raymond Chandler schreibt. Er ist mein großes Vorbild. Insbesondere sein Protagonist, Phillip Marlowe.

Krimi-Couch: Die Romane sind ja sehr detailliert. Woher beziehen Sie diese Informationen?

Marek Krajewski: Eine zeitlang war ich Bibliothekar an der Breslauer Universität. Ich studierte dort die Sammlung von Fotos und Stadtplänen aus dieser Zeit. Zusätzlich las ich viele Geschichtsbücher. Ergänzend sammele ich Informationen aus dem Internet.

Krimi-Couch: Wie lange recherchieren Sie für ein Buch?

Marek Krajewski: Zwei Wochen.

Krimi-Couch: Das ist eine erstaunlich kurze Zeit!

Marek Krajewski: Nun, wie gesagt, habe ich ja das Grundwissen über die Zeit schon verinnerlicht. Bei den zusätzlichen Recherchen geht es nur noch darum, Details zu bereinigen.

Krimi-Couch: Woher nehmen Sie Ihre Ideen, wie arbeiteten Sie?

Marek Krajewski: Ich habe viele Ideen aus dem Alltäglichen. Ich hatte beispielsweise einen Traum, in dem Mock ein Verhör mit einem Knaben macht, der nach dem Verhör durch den Mörder erstickt wurde, um ihn als Zeugen zu beseitigen. Das habe ich am nächsten Morgen gleich aufgeschrieben und daraus entwickelte ich den roten Faden.

Dann schreibe ich in vier bis fünf Tagen Punkt für Punkt einen genauen Plan. In dieser Phase darf mich niemand stören. Ich ziehe mich für diese Phase oft in mein Waldhäuschen zurück.

Danach folgt eine Phase der Vertiefung, welche ca. zwei Monate dauert. Anschließend dann noch die Recherche fehlender Details und Überarbeitung des Textes. Meine Frau ist dann die Erste, welche den Entwurf lesen darf. Danach geht es zum Lektor, mit welchem ich weitere Änderungen vornehme.

Krimi-Couch: Ihre Romane sind nicht in einer chronologischen Reihenfolge. Weshalb diese Zeitsprünge?

Marek Krajewski: Da mich die Zeit um 1933 sehr fasziniert, wollte ich einen Roman schreiben, der zu diesem Zeitpunkt spielt. Mocks reales Vorbild, Janusz Gajos, war 1997, als ich das Buch schrieb, 50-jährig. Also war Mock im Buch auch 50.

Krimi-Couch: Janusz Gajos?

Marek Krajewski: Ja, ein berühmter polnischer Schauspieler. Von diesem hat Mock jedoch nur sein äußeres Bild. Sein Inneres hat sich erst mit den Romanen entwickelt.

Ein Abiturient von mir hat dann ›Tod in Breslau‹ gelesen und fragte mich danach: »Welche Figur machen Sie im nächsten Roman zum Helden«? Ich habe geantwortet: »Mock«, da sagte er: »Schade, ich mochte Anwaldt lieber. Er ist jünger und ich kann mich mit ihm gut identifizieren«. Also dachte ich mir einen jüngeren Mock aus. Daher spielte der nächste Mock-Roman (›Der Kalenderblattmörder‹) 1919. Mock ist da 36, genauso alt wie ich, als ich das Buch schrieb (1998).

Das zog sich durch alle Bücher hindurch. Immer wieder haben mich andere Zeiten und Themen interessiert. Bei ›Tod in Breslau‹ ist es die Männerfreundschaft zwischen Mock und Anwaldt, die im Zentrum steht. Im ›Kalenderblattmörder‹ die problematische Beziehung mit einer jüngeren Frau. In ›Gespenster in Breslau‹ die Liebe zu einer Prostituierten.

Als unsere Bibliothek die Dokumentarchronik Breslauer Apokalypse 1945 – vom Todeskampf und Untergang einer Deutschen Stadt und Festung am Ende des Zweiten Weltkrieges anschaffte, habe ich diese intensiv studiert. Die düstere Endzeitstimmung, die darin beschrieben wird, hat mich sehr beschäftigt. Diese Ereignisse habe ich dann in ›Festung Breslau‹ verarbeitet. Der Roman spielt im Jahr 1944. Ergo war Mock da 62.

Krimi-Couch: ›Der Kalenderblattmörder‹ war auf der Krimi-Couch Volltreffer des Monats August 2006. Waren Sie darüber überrascht?

Marek Krajewski: Ich habe erst später davon erfahren. Die Kritiken waren gut. Die Lesermeinungen waren jedoch sehr unterschiedlich und eher schlecht. Ich möchte erwähnen, dass die Übersetzung des Titels sehr unglücklich gewählt war. Ein Erkennungszeichen der Mock-Romane ist, dass im Titel immer »Breslau« vorkommt. Wörtlich übersetzt würde der Titel vom ›Kalenderblattmörder‹ nämlich »Weltuntergang in Breslau« heißen. Zumindest konnte ich mich mit dem ›Kalenderblattmörder‹ in Deutschland etablieren.

Die Kritik und Lesermeinungen zu ›Festung Breslau‹ waren sehr gut. Ich hoffe, der Roman hat im deutschsprachigen Raum Erfolg.

Krimi-Couch: Wie geht es weiter? Bleiben Sie Mock treu, oder läuft sich die Figur tot?

Marek Krajewski: Ich kann mich nur schwer von Mock trennen. Die Leser möchten mehr Mock-Romane. Die Reihe war ja als Tetralogie (vier Romane) angedacht. Für viele war es daher eine Überraschung, dass der fünfte Roman ›Pest in Breslau‹ ein weiterer Mock-Roman war. Ich möchte jedoch gerne etwas Neues machen. Etwas Neues erschaffen. Ich sehe mich eher als Handwerker, denn als Künstler.

Krimi-Couch: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Marek Krajewski: Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich mich in Polen als freier Schriftsteller durchsetzen kann. Polen ist ein aufstrebendes Land innerhalb Europas. Mein Ziel ist es, pro Jahr ein Buch zu veröffentlichen.

Krimi-Couch: Sie kehren bald nach Polen zurück. Auf was freuen Sie sich besonders?

Marek Krajewski: Natürlich auf meine Familie und Freunde. Die Bridge-Partien freitags mit meinen Freunden vermisse ich sehr!

Krimi-Couch: Besten Dank für das Interview.

Marek Krajewski: Gerne geschehen, es war mir eine Ehre und Freude hier Gast zu sein.

Das Interview für die Krimi-Couch führte Remo Ugolini, Leiter des Krimiclub Steinhausen (Zug, Schweiz).

Besuchen Sie www.krimi-couch.de oder lesen Sie mehr über Marek Krajewski

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