Porträt

header_magazin1

Von der Fragilität des Lebens – der französische Autor Philippe Besson

Philippe Besson wurde am 29. Januar 1967 in Barbezieux, einem 160-Seelen-Dorf in der Charente geboren. Bessons Vater war Grundschullehrer, seine Mutter arbeitete als Schreibkraft in einer Notarskanzlei. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Bordeaux und der Oberstufe in Rouen, ging Besson 1989 nach Paris, wo er eine Laufbahn als Jurist und Dozent für Sozialrecht einschlug.

Doch 1999 hat der begeisterte Leser von Marguerite Duras, Marcel Proust und Arthur Rimbaud seinen ersten eigenen Roman fertig: »En l’absence des hommes« [»Zeit der Abwesenheit«]. Er findet einen Verlag, der diesen Roman publizieren will – allerdings nur unter der Bedingung, dass er ein Pseudonym annimmt, da es bereits einen Autor mit Namen Besson im Programm von Albin Michel gibt. Philippe Besson weigert sich. Er unterschreibt bei Editions Julliard, wo sein Roman am 8. Januar 2001 erscheint.

Fortan erscheint jährlich ein neuer Roman: 2002 »Son frére« [»Sein Bruder«], »L’arrière-saison« [»Nachsaison«] und »Un garçon d’Italie« [»Eine italienische Liebe«] 2003, »Les jours fragiles« 2004 [»Brüchige Tage«], »Un instant d’abondon« 2005 [»Einen Augenblick allein«], »L’enfant d’octobre« 2006 und »Se résoudre aux adieux« 2007. Und die Auszeichnungen und Preise lassen nicht lange auf sich warten: Bereits für den ersten Roman erhält Besson den renommierten Prix Emmanuel-Roblès der Académie Goncourt. Die Romane werden in 14 Sprachen übersetzt und sind in Frankreich Bestseller.

Außerdem entstanden verschiedene Filme und Theaterstücke nach Bessons Romanen, von denen wohl die Verfilmung von »Son frére« [»Sein Bruder«] durch Patrice Chéreau, die auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, die bekannteste ist. Philippe Besson erinnert sich: »Als ich angerufen wurde, von einem Mann, der sagte, er sei Patrice Chéreau, dachte ich zuerst, es sei ein Witz. Dann war ich beeindruckt wie ein Kind. Ich habe ein sehr lebhafte Erinnerung an unser erstes Treffen. Sofort gab es, sicher wegen des Buches, eine besondere Nähe zwischen uns. Mich interessierte sehr, warum Chéreau diese Geschichte verfilmen wollte. Er sagte: ›Ich möchte einen Film machen über den Verfall des Körpers. Da habe ich verstanden, dass dies ein sehr persönlicher Film wird. Ich war begeistert.«

Der Körper hat in den Romanen von Besson besondere Bedeutung. Indem Besson sich seinen Figuren über die Beschreibung ihrer Leidenschaften und Krankheiten annährt, macht er sie für den Leser sinnlich fassbar, gibt ihnen ein Gesicht, ein Leben. Da ist es unerheblich, ob er eine historische Persönlichkeit wie Marcel Proust oder Arthur Rimbaud ›zum Leben erweckt‹ oder die Figuren auf Edward Hoppers Gemälde »Nighthawks«. Bessons Schreiben kreist um das Körperliche, es werden Kämpfe der Liebe und des Todes ausgetragen, der Körper wird zum Schlachtfeld des menschlichen Lebens. Seine Fähigkeit, auch Grenzerfahrungen der Menschen sprachlich genauestens zu erfassen, macht ihn zu einem feinfühligen und herausragenden Erzähler.

Besson spitzt zu. Er überschreitet beim Erzählen mitunter kalkuliert den Grad des Zumutbaren oder bleibt provokativ einen erwarteten Schritt zurück. Und zum anderen ist er – wie Proust – ein Meister der detailgenauen Beschreibung: Allmählich, wie Körnchen durch eine Sanduhr rieseln, entstehen seine eindrucksvollen Romanbilder.

Der bemerkenswerte Erfolg, der dem Autor innerhalb von nur fünf Jahren zuteil wurde, liegt wohl vor allem in der Subtilität begründet, mit der er sich seinen Stoffen nährt. Die Realität ist oft nur Ausgangspunkt seiner poetischen Beschreibungen und Reflexionen. Wie Jacques Prévert sagt Besson von sich: »Ich beschreibe nicht die Dinge, ich beschreibe etwas jenseits der Dinge. Für mich ist ein Schwimmer immer gleich auch ein Ertrunkener.«

Ausdrücklich bekennt sich Besson zu seiner, wie er es nennt, ›Proustschen Abstammung‹. Damit meint er allerdings keine stilistische Ähnlichkeit, denn anders als Proust verfasst Besson seine Romane in kurzen Sätzen und Parataxen und gesteht dem Sentiment nicht so viel Raum zu. Auch erzählt er seine Geschichten chronologisch, konzentriert sich auf die Gegenwart, nicht auf Erinnerungen. Wie Proust interessieren Besson die Beziehungen seiner Figuren untereinander, ihre Zuneigung, ihr Misstrauen. Beide sind überzeugt, dass Fiktion und Leben miteinander korrespondieren, sich gegenseitig bereichern. So verwundert es nicht, dass Marcel Proust in Philippe Bessons erstem Roman »En l’absence des hommes« [»Zeit der Abwesenheit«] eine Hauptrolle spielt.