Interview

Sie wurden 1938 in London geboren. Wenn jemand anderes Ihre Kindheit beschreiben sollte, welche fünf Worte müssten dann unbedingt benutzt werden? Möchten Sie vielleicht eines davon erklären?
Einsam. Kriegszeit. Schule. Lesen. Kino.
Sie erklären sich alle aus sich selbst. Als Einzelkind, das kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, war ich häufig mir selbst überlassen. Lesen und Kino habe ich früh für mich entdeckt. Beide rüsteten mich mit dem Hintergrund aus, den ich für die unzähligen Spiele brauchte, die ich in meiner Fantasiewelt spielte.

Sie haben fast zwanzig Jahre Ihres Lebens als Lehrer gearbeitet. An Gymnasien haben Sie Englisch und Drama unterrichtet, später an der Universität von Nottingham Film und Literatur, von den zahllosen Workshops ganz zu schweigen. Gibt es jemanden, der Sie unterrichtet hat, der oder die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist, Sie besonders beeinflusst hat?
Da gibt es leider niemanden.

Autor von Kriminalromanen, Dichter, Drehbuchautor, Lektor, Verleger – man ahnt, dass Sie Bücher mögen. Wie würden Sie sich selbst als Leser charakterisieren? Haben Sie ewige Lieblingsbücher oder sind Sie ein begeisterter Entdecker immer neuer Schätze?
Es gibt bestimmte Genres, die ich meide – spontan fallen mir da Science Fiction, Fantasy und Horror ein. Ich versuche immer in einem vernünftigen Rahmen mit den Neuerscheinungen Schritt zu halten. Gleichzeitig beschäftige ich mich aber auch regelmäßig mit Autoren, deren Werke ich besonders schätze und die mich inspirieren. Hemingway zum Beispiel. Im Augenblick lese ich mal wieder D. H. Lawrences frühe Kurzgeschichten und das letzte Buch des preisgekrönten US-amerikanischen Dichters Robert Hass.

Als Sie in Nottingham wohnten, entstanden die Resnick-Krimis. Jetzt wohnen Sie in London und Frank Elder ist auf den Plan getreten. Wie wichtig ist Ihre Umgebung für Sie, um gut schreiben zu können? Gibt es etwas, auf das Sie nicht verzichten können?
Der Schauplatz meiner Romane ist von zentraler Wichtigkeit für mich. Ich glaube, ich muss den Ort, über den ich schreibe, wirklich gut kennen, damit meine Geschichten funktionieren. Für die Resnick-Romane, die alle in Nottingham spielen, sind zum Beispiel nicht nur die genauen Örtlichkeiten von großer Wichtigkeit, sondern auch der damit verbundene soziale und wirtschaftliche Hintergrund der Figuren.

Im Gegensatz zu den heldenhaften einzelgängerischen Ermittlern, die ohne Rücksicht auf Verluste die Welt retten, bewegen sich Ihre Kommissare im polizeilichen Alltag. Was macht es für Sie so spannend über diese routinemäßigen Ermittlungen zu schreiben?
Ehrlich gesagt, finde ich das Schreiben über Routineermittlungen nicht wirklich spannend also schummele ich und lasse viel der tagtäglichen Arbeit des durchschnittlichen Polizeibeamten aus. Lieber habe ich meine Ermittler draußen auf der Straße, wo sie an verschiedene Türen klopfen, was sie im wirklichen Leben eher selten tun würden. So gesehen fühle ich mich mit Frank Elder freier, denn als Ex-Polizist kann er losgelöster agieren, wenn auch natürlich ohne die Befugnisse eines Polizisten.

Für einen Polizisten ist es wahrscheinlich sehr einfach, Fehler oder Abweichungen von der üblichen Vorgehensweise aufzudecken. Wie recherchieren Sie für Ihre „Fälle“, damit sie möglichst authentisch und glaubhaft wirken?
Ich bin schon sehr lange mit einem inzwischen pensionierten Polizeibeamten des Mordkommissariats von Nottinghamshire befreundet. Mit ihm bespreche ich immer die Ermittlungsweisen und bitte ihn auch, mein Manuskript vor der Veröffentlichung zu lesen. Außerdem trete ich auch schon mal an die eine oder andere Polizeidienststelle heran, wenn ich genauere Informationen benötige. Und selbstverständlich mache ich auch Gebrauch von den Websites der Polizei, die für gewöhnlich sehr informativ sind.

Frank Elder hat den Polizeidienst quittiert und wird von der Polizei nur noch als Berater hinzugezogen, wenn die Ermittlungen in einer Sackgasse stecken. Haben Sie jemanden getroffen, der in ähnlicher Funktion arbeitet? Ist den meisten Ermittlungen tatsächlich mit einem frischen Blick geholfen oder ist es häufig auch ein Spiel mit dem Zufall?
Heutzutage ist es in Großbritannien – und ich glaube auch in den USA – fast gang und gäbe, dass die Polizeikräfte pensionierte Beamte auf so genannte „Cold Cases“ ansetzen, in denen kaum oder gar keine Fortschritte erzielt worden sind. Viele Ermittler leiden irgendwann unter einem Tunnelblick, sodass es sehr nützlich sein kann, wenn die Umstände der Tat und das bisher gesammelte Material von frischen, unvoreingenommenen Augen inspiziert werden. Es gibt aber auch mehr Zufälle im Leben, als wir annehmen – und ich als Autor danke dem Himmel dafür.

Im privaten Bereich wurde Frank Elder einiges zugemutet: Die Scheidung von seiner Frau. Die Tochter, an deren Leben er kaum noch Anteil hat. Er flüchtet sich daraufhin in Einsamkeit und Grübeleien. Denken Sie, dass es vielen Polizisten schwer fällt, ihre Arbeit am Ende des Tages hinter sich zu lassen?
Ja, das tut es sicher und die Scheidungsrate unter Polizeibeamten ist dementsprechend hoch. Doch ich wollte auch einmal über einen Beamten schreiben, der glücklich verheiratet ist und kleine Kinder hat. In ›Gone to Ground‹ , das letztes Jahr in Großbritannien erschienen ist, habe ich das getan. Der gleiche Polizeiinspektor, Will Grayson, erscheint auch in dem Roman, an dem ich im Augenblick arbeite. Der Arbeitstitel ist ›Almost Grown‹.

Nun bekommt das deutsche Publikum bald die Möglichkeit, Charlie Resnick kennen zu lernen. In England haben Sie für diese Krimireihe begeisterte Kritiken geerntet. Was war das schönste Kompliment, das man Ihnen dafür gemacht hat?
Marion Stasio, die für die ›New York Times Book Review‹ schreibt, sagte: „Wenn John Harveys Romane Songs wären, würde Charlie Parker sie spielen.“ Das fühlte sich ziemlich gut an!

Sie sagten einmal, Charlie Resnick sei Ihnen plötzlich irgendwo auf einem Hügel entgegen gekommen. Die Statur, der Mantel, nur sein Gesicht haben Sie nicht gesehen. Wie gut haben Sie Ihre Zufallsbekanntschaft inzwischen kennen gelernt?
Erst als der Schauspieler Tom Wilkinson ihn 1992 in einer Verfilmung der BBC gespielt hat, habe ich sein Gesicht gesehen. Und es ist das Gesicht, das ich seitdem mit ihm verbinde. Ansonsten denke ich, dass ich ihn inzwischen ziemlich gut kenne. Auch wenn er mich in meinem letzten Buch ›Cold in Hand‹, in dem er zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder im Mittelpunkt steht, mehr als einmal wirklich überrascht hat!

Romantisch, mit einer Vorliebe für Jazz und kulinarisch spannende Sandwiches: Nicht unbedingt die Charakterisierung, die man vom „glaubwürdigsten Polizisten der britischen Kriminalliteratur“ erwartet hätte. Oder sind es gerade diese scheinbaren Unstimmigkeiten, von denen Charlie Resnick profitiert?
Ich denke, es hilft, dass er nicht alle typischen Klischees erfüllt. Doch was ihn wirklich zu einem glaubwürdigen Polizisten macht, ist schlicht und einfach, dass er ein glaubwürdiger Charakter ist.

Obwohl die Reihe um Charlie Resnick eigentlich abgeschlossen war, kehrt ihr Inspektor in Ihrem neuesten Buch ›Cold in Hand‹ zurück. Aus welchem Grund haben Sie sich dazu entschlossen?
Ich hatte lange Zeit nicht mehr ausführlich über ihn geschrieben, obwohl er in manchen meiner Romane Kurzauftritte hatte und er auch in einigen Kurzgeschichten mitspielte. So wusste ich also, was er so im Schilde führte. Als ich dann eine Geschichte fand, die ich schreiben wollte und in der er die zentrale Rolle spielen sollte, war er kein Fremder für mich. Außerdem war ich daran interessiert, ihn zu einer anderen Zeit in seinem Leben und in einer anderen persönlichen Situation zu beobachten.

Interview: dtv