Ist Arminius ein Held?

Fragen an den Experten …
General a. D. Dr. Klaus Reinhardt (14. August 2008)

Herr Dr. Reinhardt, bevor wir auf die Details unseres Themas eingehen, vorweg zwei plakative Fragen. Die erste: Ist Arminius ein Held?

Die Frage ist: Wie definieren Sie Held? Für mich ist Held ein Mann, der etwas Außergewöhnliches tut, was andere nicht zu tun wagen, ohne dass er wirklich weiß, wie der Ausgang sein wird … der sich selbst überwinden muss – und ich glaube, in diesem Zusammenhang ist Arminius ein Held. Er hat erlebt, dass seine Germanen – oder in diesem Fall sein eigener Stamm – von den Römern unglaublich schlecht behandelt worden sind. Als Auxiliarführer der römischen Reiterei kannte er das römische System und hat erlebt, wie die römische Armee in Pannonien die dortige Bevölkerung niedergemacht hat. Und das wollte er seiner eigenen Bevölkerung nicht zumuten. Deswegen hat er etwas getan, was eigentlich auf den ersten Blick ohne Erfolg aussah, und hat’s trotzdem gewagt. Ich meine, das ist ein Held, ja.

Und die zweite Frage: Ist Quinctilius Varus ein Versager oder eine tragische Figur?

Er ist beides. Varus ist im Grunde genommen ja kein großer Feldherr gewesen, sondern er war Administrator, ein sehr erfolgreicher Administrator sogar. Und weil er so erfolgreich war, hat ihn Augustus auch nach Germanien geschickt, wohl in der Annahme, dass Germanien weitgehend befriedet sei, wo es jetzt nur noch um den Aufbau einer vernünftigen römischen Administration ginge. In dem Fall auch eine tragische Figur, weil er in eine Rolle des Feldherrn gezwungen worden ist, die er nicht ausfüllen konnte. Römische Historiker haben geschrieben, dass er sehr unbeweglich war, sowohl geistig wie auch körperlich, und dass er sehr wenig entschlussfreudig war … all die Dinge, die schließlich ein General braucht, um eine Schlacht zu gewinnen. Er ist in eine Position geschickt worden, die, als sie sich dann für ihn so schwierig entwickelt hat, von ihm nicht zu gewinnen war – und dahingehend ist er tragisch.

Die »Schlacht im Teutoburger Wald«, die nach dem aktuellen Stand der Forschung am Nordrand des Wiehengebirges und nicht im »Osning« stattgefunden hat, gilt als ein Ereignis, das nicht nur den Verlauf der deutschen, sondern der gesamten europäischenGeschichte bis auf den heutigen Tag bestimmt hat. Ist diese Wertung gerechtfertigt?

Diese Wertung ist deswegen gerechtfertigt, weil mit der Schlacht gegen Varus im Grunde genommen der römische Vorstoß, der ja schon bis an die Elbe stattgefunden hatte und dieses Germanien nun als neue Provinz vereinnahmen sollte, zum Stocken gebracht worden ist. Die Römer haben sich die nächsten dreihundert Jahre nicht mehr intensiv um Germanien gekümmert, sondern haben ihre Erfolge auf anderen Schlachtfeldern gesucht und den Restteil Europas romanisiert, während die Germanen außen vor und wesentlich retardierter, wesentlich verlangsamt in ihrer kulturellen Entwicklung geblieben sind. Wäre damals der operative Ansatz, bis an die Elbe vorzudringen – der ja durch Drusus schon stattgefunden hatte -, erfolgreich gewesen, dann hätten die Römer diesen ganzen Bereich arrondieren können, und die historische Entwicklung Europas wäre mit Sicherheit anders verlaufen.

Gibt es vergleichbare Schlachten in der Weltgeschichte – oder ist die Varusschlacht ein Sonderfall?

Es gibt keine Sonderfälle, die für sich alleine stehen, sie haben irgendwo immer Parallelen. Ich denke an die Schlacht von Zama, wo Scipio Hannibal und damit die Karthager endgültig vernichtet hat und das Römische Reich auf das ganze Mittelmeer ausgedehnt worden ist. Ich denke an die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, wo die Hunnen geschlagen wurden.
Ich denke auch an 955, Schlacht am Lechfeld, aber auch – um in die moderne Geschichte hineinzugehen – die Schlacht vor Moskau, wo die Wehrmacht zum Stehen gebracht worden und ihr Nimbus der Unbesiegbarkeit endgültig zerschlagen worden ist durch den Gegenangriff der Roten Armee im Dezember 1941. Ab diesem Zeitpunkt war ein Sieg des Hitler-Deutschland nicht mehr möglich, sondern es war nur noch eine Frage der Zeit, wie lange Deutschland dem gesamten Potenzial beider Mächte – dem angelsächsischen und dem russischen – standhalten konnte.

Je größer der zeitliche Abstand zu einem militärischen Großereignis dieser Art ist, umso leichter scheint die Bewertung und Einordnung für die späteren Analysten zu sein. Ich meine dies: Augustus klagt zwar »Varus, gib mir meine Legionen wieder!« -, aber weder ihm noch seinen Nachfolgern ist klar geworden, welche Folgen diese Niederlage für den Großraum Europa haben würde. Beim Fall von Stalingrad wurde dagegen schon allen kritischen Zeitgenossen bewusst, dass hier eine epochale Zäsur gesetzt wurde …

Ich komme zurück auf das, was ich zu Ihrer vorherigen Frage gesagt habe: Stalingrad war gar nicht die epochale Zäsur, es war eigentlich Moskau. Das ist der Bevölkerung damals so nicht klar geworden – weil man es mit einem Gegner zu tun hatte, der gerade in der Lage war, die Wehrmacht abzublocken und zurückzuschlagen, nicht aber, sie zu vernichten zu diesem Zeitpunkt. Erst im folgenden Jahr wurden dann in Stalingrad die Folgen für alle offenkundig. Ich glaube, der Verlust von drei Legionen für das römische Reich war bitter, war aber nichts, was das Imperium in seinen Grundfesten erschüttert hätte. Wenn ich sehe, was in Persien gelaufen ist und was die Römer dort für Verluste hatten, war das zum Teil viel
schlimmer. Klar, es war ein Rückschlag, aber Rom hing nicht von Germanien ab, und deswegen hat sich die damalige Bevölkerung zwar aufgeregt, dass die Legionen dort vernichtet worden sind, aber man sah sich durch diese Niederlage nicht unmittelbar bedroht. Das war bei Stalingrad anders. Da ist jedem Deutschen klar geworden, jetzt geht’s uns selber an die Haut. 

Seit der Antike wird eine Schlacht nach dem Ort benannt, an dem sie stattfand: Cannae, Actium, Katalaunische Felder, Hastings, Verdun, Midway-Inseln, Dienbienphu … Man könnte Hunderte aufzählen. Nun trägt aber die Katastrophe, bei der drei römische Legionen vernichtet wurden, bis heute den Namen des Verlierers als »Varusschlacht« und nicht den des Siegers als »Arminiusschlacht «. Warum?

Also zunächst sind all die Schlachten, die Sie angesprochen haben, nach Ortschaften benannt. Bis heute wird gestritten: Wo hat die Schlacht gegen Varus überhaupt stattgefunden?
Und selbst wenn man sich auf diesen oder jenen Punkt einigt, sind das keine Bereiche, die eine Namensgebung für diese Schlacht rechtfertigen würden. In der Antike und auch bis heute sind Schlachten ganz, ganz selten nach Namen von Feldherrn benannt worden. Für die Römer war klar: Varus hat dort verloren! Den Arminius hat zu dem Zeitpunkt, als römische Geschichtsschreiber über diese Schlacht schrieben, wahrscheinlich kein Mensch mehr gekannt. Aber Varus war zu einem Fanal innerhalb der römischen Geschichte geworden. Diese Schlacht mit diesem Verlierer zu verbinden und sie nach ihm zu benennen, war aus römischer Sicht sehr wohl gerechtfertigt. Arminius oder Hermann der Cherusker … der war nach mehr als hundert Jahren, als Tacitus oder Cassius Dio darüber schrieben, in der Wahrnehmung der römischen Bevölkerung schon lange weg.

Damit sind wir bei der Verantwortung des »Hauptschuldigen«. Ich muss hier etwas ausholen:
Quinctilius Varus hatte sich als Statthalter in Syria und Africa bewährt … Augustus hatte ihm seine Großnichte Claudia Pulchra zur Frau gegeben … Varus entstammte einem der alten Patriziergeschlechter aus Alba Longa … Im Hause seines Pflegevaters Quinctilius Varus Cremonensis gingen dessen Freunde Vergil und Horaz ein und aus … Kurz: Varus gehörte dem höchsten Establishment an.
Von Augustus wissen wir, dass er seine Stellung im neuen Herrschaftssystem des Principats durch die Einbindung von Familienmitgliedern und Angeheirateten absicherte. War Varus unter diesen Voraussetzungen ein Fehlgriff? Er war vorrangig Verwaltungschef und nicht Militär!
Worauf ich hinauswill: Germanien war nicht Syrien! Das Kulturgefälle zwischen Germanien und der mediterranen Großmacht war ungleich größer als z. B. das zwischen Rom und Gallien. Dies trifft erst recht für den nordgermanischen Raum zu. Einige antike Autoren werfen Varus Arroganz im Umgang mit der indigenen Bevölkerung vor. Damit liegt letztlich doch die Verantwortung bei Augustus! Hat er den falschen Mann an den falschen Ort gesetzt?

Aus meiner Sicht hat er eindeutig den falschen Mann dorthin gebracht, in ein Gebiet, das nicht befriedet war, das nicht kultiviert war, aber er hat keinen Mann hingeschickt, der ein begnadeter Heerführer gewesen ist wie Drusus oder Tiberius. Nun ist die Frage: Kann man das Augustus anlasten? Augustus ist selbst nicht in Germanien gewesen, er ist auf die Berichte seiner Feldherrn angewiesen – seiner Söhne: Drusus, ein begnadeter Feldherr, Tiberius, ein hervorragender Feldherr, der sich dann aber mit Augustus ja überworfen hat. Drusus und Tiberius waren es, die die bisherigen Feldzüge gegen die Germanen vorbereitet und ein brauchbares Straßen- sowie Wasserverkehrsnetz in den eroberten Gebieten aufgebaut hatten. Die Frage ist: Was haben sie zu Hause in Rom ihrem Kaiser gemeldet? Haben sie ihrem Kaiser gesagt, das ist weitgehend im Griff, wir waren gut – und haben sich selbst damit in ihrer Wertigkeit und ihrem Können herausgestellt? Oder haben sie gesagt: Da haben wir noch erhebliche Probleme. Ich vermute, dass sie Ersteres getan und sich persönlich gut verkauft haben. Sicher war Augustus aufgrund dieses eher positiven Bildes über Germanien zu der Schlussfolgerung gekommen, nun könne er Besatzungstruppen hinschicken und sich dabei auf einen sehr erfahrenen, ihm sehr nahestehenden Verwaltungsbeamten abstützen.

Die erfolgreiche Durchführung von Kriegen, Feldzügen, Schlachten ist zu allen Zeiten abhängig vom Nachschub. Nun war aber die Infrastruktur Germaniens höchst mangelhaft: Es gab weder feste Straße noch befestigte Städte, in denen man wie in Gallien Vorräte horten konnte. Stattdessen undurchdringliche Urwälder, Sümpfe, brückenlose Flüsse. Das alles wusste auch die Führung in Rom, denn der Reichsgeneral Tiberius kannte wie sein BruderDrusus die nordgermanischen Verhältnisse aus eigener Anschauung. Wenn man also trotzdem diese Risiken in Kauf nahm, stellt sich die Frage: War hier ein überzogenes imperiales Sendungsbewusstsein am Werk?

Mit Sicherheit war die Vorstellung, Germanien zu diesem Zeitpunkt als Provinz unter Kontrolle nehmen und ausbeuten zu können, von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Klar, es gab den einen oder anderen Stützpunkt in diesem germanischen Bereich jenseits des Rheins. Aber im Grunde genommen lag die gesamte logistische Basis immer noch am Rhein mit Xanten und Haltern als vorgeschobene Stützpunkte. Und man hat mit Sicherheit auch im Lande selbst einige Stützpunkte angelegt, aber das waren reine Militärlager. Die römischen Soldaten waren die besten Straßenbauer, die es je gegeben hat. Und die haben sich überall an die Höhenwege gehalten, um möglichst trocken und einigermaßen sicher diese Straßen bauen und auf denen den Verkehr laufen zu lassen. Aber das waren viel zu wenige, es war kein vernetztes System. Es war kein System, das aus dem Land genügend herausholen konnte, um die eigenen Truppen zu ernähren, weil eben Germanien zu diesem Zeitpunkt völlig anders entwickelt war als Gallien oder auch Britannien. Augustus hat also den Ausbau des Römischen Reiches vorgesehen, ohne dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür bereits geschaffen waren.

Studiert man die antiken Quellen, hat man den Eindruck, dass die römische Führung die Lage in Germanien insgesamt zwischen den Jahren 7 – Varus übernimmt Germanien – und 9 n. Chr. als ruhig interpretiert hat. Es ist ja kein Zufall, dass wenige Jahre zuvor mit dem Bau einer römischen Zivilsiedlung an der Lahn und der Gründung einer Colonia an der Mosel, dem späteren Trier, begonnen wurde. Handelt es sich also im Hinblick auf die Verhältnisse in Nordgermanien um eine fatale Fehleinschätzung? Salopp ausgedrückt: Mit denen werden wir schnell fertig!

Nach der historisch belegbaren Vorstellung waren die Germanen laut Varus mit den Menschen nur insofern vergleichbar, dass sie eine Stimme und Gliedmaßen haben, ansonsten waren es keine echten Menschen. Das waren in der Vorstellung von Varus … ja, wir würden das mit dem neuen Bereich unseres Sprachschatzes wahrscheinlich als »Untermenschen« ansehen. Die Römer hatten geglaubt, sie könnten die Germanen ohne große Probleme unterjochen und wirtschaftlich ausbeuten – was nicht der Fall war. Dieses Land hat nichts hergegeben, es gab keine Städte, keine Münzen, es gab keine feste ökonomische Infrastruktur; die sozioökonomischen Verhältnisse in diesem Germanien waren völlig anders als in Gallien. Und diese eine Stadt, von der Sie sprachen, die man bereits über die Grenze, über den Limes hineingesetzt hat an die Lahn, mag ein erster Versuch gewesen sein, der erste Ansatz in dem Fehlglauben, das haben wir alles fest im Griff. Aber die Geschichte zeigt sehr deutlich – und die ganze Varusschlacht basiert ja darauf -, dass man das völlig falsch eingeschätzt hat – auch seine Bundesgenossen völlig falsch beurteilt hat.

Imperiale Mächte neigen dazu, ihren Überlegenheitsanspruch quasireligiös aufzuwerten. Rom nannte das die »Pax Romana«. Staats- und Kaiserkult gingen ineinander über. Die Provinzbewohner hatten am »Altar der Roma« zu opfern: in einer öffentlich vollzogenen Zeremonie als Ausdruck der Akzeptanz. Für Germanien hatte man dafür die »Ara Ubiorum« in Köln eingerichtet, wo zeitweise Segimundus, der Sohn des Segestes, als Staatspriester fungierte.
Nun wird einer imperialen Macht immer wieder der Vorwurf gemacht, dass sie die auf einer niedrigeren Zivilisationsstufe stehende Bevölkerung unterworfener Gebiete in entehrender Weise vergewaltigt, um ihren Hegemonialanspruch durchzusetzen. Mittel ist die technische Überlegenheit. Dabei geht die Identität – früher sagte man: das Erbe der Ahnen – verloren. Kann man in diesem Zusammenhang einen Bogen von der Weltmacht Rom zur heutigen Supermacht USA schlagen?

Also zunächst ist ja interessant, dass die Germanen gegen Abgaben an den Kaiser nichts einzuwenden hatten und den religiösen Teil, soweit es notwendig war, aus der Pax Romana heraus gesehen, durchaus übernommen haben. Völlig anders als die Juden, die sich dagegen nach allen Regeln der Kunst gewehrt haben … und später die Christen. Das war für die Germanen zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht das zentrale Thema, sondern das Zentralthema für sie war die unglaublich grausame Behandlung der eigenen Bevölkerung durch die Römer. Varus war ein unglaublich brutaler Statthalter, der die Menschen zu Hunderten gekreuzigt und gequält hat, und das wollten sich die Germanen nicht weiter gefallen lassen. Aber Sie haben natürlich recht, dass eine Siegesmacht immer mit dem imperialen wie auch mit dem religiösen Anspruch antritt, um den besiegten Gegner auch moralisch-theologisch in die Knie zu zwingen. Das sehen wir daran, dass aus Tempeln Kirchen wurden, dass aus Moscheen Kirchen oder aus Kirchen wieder Moscheen wurden – Hagia Sophia! -, und es gibt Tausende Beispiele dieser Art. Das heißt, die kulturellen zentralen Punkte des Gegners werden erst mal durch die eigenen Kräfte besetzt oder zerstört. Diese ideologische Überlegenheit basiert darauf, dass sich der Sieger auch militärisch überlegen und besser fühlt als der andere. Dahingehend ist das Vorgehen des römischen Reichs, das seine Proconsuln nach Karthago schickte und die totale Unterwerfung forderte, manchmal vergleichbar mit dem, was die Amerikaner heute tun. Wenn ich mir vorstelle, dass die Amerikaner einen Dreisternegeneral nach Moskau geschickt haben, um dort über den Aufbau eines Raketenabwehrsystems zu informieren, dann liegt das auf einer ähnlichen Ebene.

Arminius hatte als Kommandeur von germanischen Auxiliar- Einheiten das grausame, menschenverachtende Wüten der römischen Truppen während des großen pannonischen Aufstands kennengelernt; wahrscheinlich war er mit seinen eigenen Leuten daran beteiligt. Für ihn war es ein gnadenloses Überrennen, notfalls auch Auslöschen anderer Völker und Kulturen, getragen von dem Bewusstsein haushoher militärischer und kultureller Überlegenheit. Damals könnte jener Denkprozess bei ihm eingesetzt haben, der nach seiner Rückkehr in die Heimat zu dem Entschluss heranreifte: Das darf hier nicht geschehen! Es muss, koste es, was wolle, verhindert werden! Solche Gedanken lassen sich ohne Weiteres aus späteren Äußerungen von ihm, die Tacitus überliefert, ableiten.
Drängen sich da nicht Parallelen auf zu den Argumenten der Anhänger von al-Qaida, Taliban und anderen Extremisten?

Ich weiß nicht, ob man so weit gehen kann, dass man da tatsächlich da Parallelen zieht … Aber eines ist klar: Wenn eine Siegermacht eine Bevölkerung unterdrückt und jeden angeblichen Terroristen oder Widerständler mit der gesamten Kampfkraft, die ihr zur Verfügung steht, zu vernichten versucht und dabei bewusst in Kauf nimmt, im Rahmen der Kriegshandlungen auch unschuldige Zivilisten zu töten, dann schafft sie sich durch dieses scharfe Vorgehen neue Gegner. Das heißt, je mehr Gewalt angewendet wird, umso mehr fordert das den Widerstand heraus. Das haben die Amerikaner in dieser Deutlichkeit im Irak ja sehr stark erlebt.

Kommen wir zum Ereignis selbst, der Clades Variana. Während des drei-, vielleicht viertägigen Abwehrkampfes gelang es Varus und seinen Legaten zu keinem Zeitpunkt, das militärische Geschehen in den Griff zu bekommen und Herr der Handlung zu bleiben. Was wurde falsch gemacht?

Das Entscheidende ist wohl: Wenn das alles stimmt, was man aus den Quellen herauslesen kann, dass Varus aus dem Sommerlager mit seiner gesamten Truppe in ein Winterlager marschiert ist – wahrscheinlich Richtung Haltern, vielleicht auch über den Rhein hinweg, das wissen wir nicht -, ist er nicht unter militärischen Rahmenbedingungen marschiert, sondern er ist marschiert, als ob er sich durch ein friedliches Land bewegte. Er hat in der Mitte seines Heerzuges den gesamten Tross gehabt, der unglaublich groß und unbeweglich war, darunter Frauen und Kinder, auch Sklaven – denn das war ja damals das Übliche, dass jede Menge zivile Kräfte in einem solchen Bereich mit dabei waren. Er hatte keine Vorhut, er hatte keine Nachhut, er hatte keine Kräfte in die Seite geschoben, um sich dort unter kriegerischen Verhältnissen in einem gegnerischen Land von A nach B zu bewegen, sondern er ist wie unter friedlichen Rahmenbedingungen marschiert. Er hat darum im Grunde genommen alles falsch gemacht, was man militärisch falsch machen konnte, wurde wohl durch seine Generale auch nicht gut beraten. Ich vermute auch, dass seine drei Legionen keine Crack‑Legionen waren, wie es manchmal dargestellt wird, sondern es waren Legionen, die im Laufe der langfristigen Okkupation mit Sicherheit auch müde und nicht mehr bissig gewesen sind, sonst hätte das nicht passieren können. Das heißt, hier ist ein Heerzug entlangmarschiert, der sich über mehrere Kilometer erstreckte, durch eine Gegend, in der der römische Soldat mit seiner römischen Phalanx nicht agieren konnte, sondern wo es, als die Cherusker angriffen, sofort in den Einzelkampf überging. Die Stärke der römischen Armee war ja gerade diese geschlossene Wucht einer Kohorte, die angegriffen oder sich verteidigt hat und die sich gegenseitig helfen und sich wehren konnte. Das war in dem Urwald nicht möglich. Die Straßenverhältnisse waren unglaublich schlecht. Varus hat sich durch Arminius wohl in ungünstiges Gelände locken lassen … Arminius hat gemeldet: »Komm, du musst mir helfen! Ich bin bereits unter Beschuss von den Germanen!« Er hat bewusst mit völlig falschen und erfundenen Angaben eine sehr kritische Lage dargestellt, um Varus in die falsche Richtung zu lenken. Und Varus ist Arminius auf den Leim gegangen.

Hatte Varus überhaupt eine Chance?

Nein. Ich glaube, er hatte keine Chance, weil er ein Unternehmen gestartet hat in der Annahme, er könne unter völlig friedlichen Verhältnissen das Winterlager erreichen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass Arminius ihn angreift. Er hat bis zum Schluss an Arminius geglaubt. Das heißt, er war sowohl militärisch als auch von seiner psychologischen Einstellung her der Katastrophe, die da auf ihn zukam, überhaupt nicht gewachsen.

Der Hauptgrund für die Niederlage muss wohl auch in der schwierigen Befehlsübermittlung gesehen werden. Die Armee hatte sich kilometerweit auseinandergezogen. Es gab weder Feldtelefone noch Funkgeräte. Gibt es ähnliche Beispiele aus der neueren Kriegsgeschichte?

In schwierigem Gelände zu Fuß oder zu Pferd Informationen weiterzugeben, kostet Zeit … Zeit … Zeit! Und die hat man im Gefecht nicht. Man kann gar nicht schnell genug reagieren. In dem Bereich, in dem Arminius angegriffen hat, mit urwaldähnlichen Verhältnissen, nur mit Reiterkräften, waren die Germanen viel beweglicher und im Vorteil. Arminius hat sich in keine großen Auseinandersetzungen zwingen lassen, sondern er hat zugeschlagen und ist dann sofort wieder ausgewichen. Wegen der fehlenden Fernmeldebedingungen und wegen der daraus resultierenden unterschiedlichen Informationen war es für Varus und seine Generäle unmöglich, Kräfte nachzuziehen, Reiter nach vorne zu bringen und dort einzusetzen, wo er sie gebraucht hätte. Aber selbst wenn die Information durchgekommen wäre, wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, Kohorten an den andern vorbeizubringen, weil es die
Wegeverhältnisse einfach nicht zugelassen haben.

Nun gibt es bei Tacitus (Ann. I 63,5 bis 68,5) das Gegenbeispiel des Aulus Caecina Severus, der sechs Jahre später während des Rückzugs von der Strafexpedition des Germanicus mit seinen Legionen in eine ähnliche Situation wie Varus gerät. Stichworte: Sumpf, »undurchdringliche« Wälder, schmales, schwieriges Gelände ohne die Möglichkeit zur Entfaltung. In ungewöhnlich detaillierter und dramatischer Form schildert Tacitus den Abwehrkampf, der schließlich durch das beherzte, mutige Eingreifen Caecinas zum Erfolg führt. Einige Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer Spiegelung der Varusschlacht. Ist der Vergleich gerechtfertigt?

Ich glaube, hier wird eine Situation deutlich, dass zum einen Caecina ein guter Feldherr war, der wusste, was Varus passiert war, der unter strikter militärischer Gliederung und unter operativen Gesichtspunkten in dieses Gelände hineingegangen ist, wohl wissend, dass die Germanen immer noch da waren und gegen ihn kämpfen konnten. Er ist nicht überrascht worden. Er ist nicht unter Friedensbedingungen marschiert, sondern als militärischer Verband. Die römische Legion war ja eine Kampfmaschine, und wenn die vorbereitet war, war es sehr schwer, sie zu schlagen. Das Zweite aber ist, ob Tacitus hier nicht bewusst eine Spiegelung gemacht hat nach dem Motto: Nachdem es das erste Mal schlecht gegangen ist und
wir einen schlechten Feldherrn hatten und wegen des schlechten Feldherrn diese Riesenverluste hinnehmen mussten, hat er jetzt dargestellt, dass die Römer eigentlich doch unglaublich gut und nicht zu schlagen waren. Wenn sie jedoch richtig eingesetzt sind, bleibt diese Kampfmaschine – gegen wen auch immer – erfolgreich. Tacitus bemüht sich, die römische Geschichte umzuschreiben und zu verherrlichen, um das gute alte System, das Rom einst groß gemacht hat, noch einmal aufleben zu lassen.

Ich komme noch einmal auf die beiden Fragen am Anfang zurück: Hatte Arminius vor allem Glück? Das Unternehmen hätte ja auch scheitern können.

Es ist Arminius zum ersten Mal gelungen, mehrere Stämme zu vereinigen. Wir haben hier eine ähnliche Situation wie bei den Indianerkämpfen am Little Big Horn, als es das erste Mal gelang, fünftausend Indianer unterschiedlichster Stämme zusammenzubringen, um Custer anzugreifen und ihm den Garaus zu machen. Ich kenne keine zweite Situation in der germanischen Geschichte, wo ein Heeresführer es geschafft hätte, diese unterschiedlichen Interessen der germanischen Fürsten auf einen Nenner und damit hinter sich zu bringen. Und er hat Erfolg gehabt. Wir wissen aus der Kriegsgeschichte: Wenn der erste Tag erfolgreich ist und die Demoralisierung auf der anderen Seite bei Regen, bei Sumpf, bei schlechtem Wetter erst mal eingesetzt hat, tragen sich der Sieg und das Gefühl, dass es aufwärtsgeht, von alleine. Und hier hat Arminius unglaublich Glück gehabt. Sein Angriff ins Zentrum, mit dem er den Heereszug von Varus praktisch halbierte, hat sofort zum Erfolg geführt, und dies unter ganz geringen eigenen Verlusten. Ich glaube, wenn es zu Beginn der militärischen Operation danebengegangen wäre, wären die verschiedenen Stämme wieder abgesprungen. Aber hier waren sie dran und bissen sich an Varus fest. Aber wir wissen heute auch, dass sich die germanischen Stämme – kaum war der Krieg vorbei – sofort wieder gegenseitig das Leben zur Hölle machten. Also … Arminius war mit Sicherheit genial, hatte aber auch großes Glück, dass ihm dieser Anfangserfolg sofort in den Schoß gefallen ist, was ihm eben bei Caecina nicht gelungen ist. Beim ersten Angriff wurde er bereits abgeschmettert. Aus war’s! Und ich glaube … dahingehend muss man einfach sehen, dass das, was Napoleon gesagt hat, richtig ist: Ein Feldherr muss fortune haben! Arminius hatte fortune … und Mut!

Das Interview führte Hans Dieter Stöver.

Zur Person: Dr. Klaus Reinhardt (geboren 1941) ist General a. D. des Heeres der Bundeswehr. Militärische Laufbahn: 1960 Offiziersanwärter der Gebirgsjägertruppe. 1963 Zugführer des Gebirgsjägerbataillons 222 (Mittenwald). 1966/67 Operationsoffizier (S-3) im Stab des Bataillons. 1967 bis 1972 Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Freiburg; 1972 Promotion über das Scheitern der Strategie Hitlers im Zweiten Weltkrieg. 1968 Hauptmann und Kompaniechef im Gebirgsjägerbataillon 221 (Mittenwald). 1973 bis 1975 Ausbildung zum Offizier im Generalstabsdienst (Hamburg). 1975 US-Generalstabsausbildung am Command and General Staff  College in Fort Leavenworth. Ab 1976 Stabsoffizier bei der Central Army Group der NATO in Heidelberg. 1978 bis 1980  Adjutant des stellvertretenden Generalinspekteurs in Bonn. Anschließend bis 1982 Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 231 in Bad Reichenhall. Als Oberst 1983 bis 1986 Adjutant des Verteidigungsministers (Wörner). Nach Ernennung zum Brigadegeneral (1988) im Führungsstab der Streitkräfte in Bonn. Unter anderem zuständig für die Zusammenführung von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee. Seit 1990 als Generalmajor Kommandeur der Führungsakademie der BW in Hamburg. 1993 als Generalleutnant Kommandeur des III. Korps in Koblenz. Ab 1994 baute er das neue Heeresführungskommando (Koblenz) auf und leitete als dessen Befehlshaber die deutschen Auslandseinsätze in Somalia, Kroatien, Bosnien und Herzegowina im Rahmen der Peace Implementation Forces (IFOR und SFOR). 1998 Ernennung zum General. Übernahm bis 2001 den NATO-Posten des Commander Joint Headquarters Centre. Von Oktober 1999 bis April 2000 Befehlshaber der KFOR-Friedenstruppe in Prıˇstina (Kosovo). Dr. Reinhardt arbeitet heute als freier Journalist und ist Autor mehrerer Bücher, z. B. ›Die Wende vor Moskau. Das Scheitern der Strategie Hitlers im Winter 1941/42‹, Stuttgart 1972 und: ›KFOR, Streitkräfte für den Frieden. Tagebuchaufzeichnungen als deutscher Kommandeur im Kosovo‹, Frankfurt a. M. 2002.

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