Waldgirmes – Stadtgründung auf der grünen Wiese

Fragen an den Experten Dr. Armin Becker (4. Juli 2008)

Waldgirmes ist ein hübsches hessisches Dorf wenige Kilometer oberhalb von Wetzlar. Es liegt auf einer Anhöhe über der Lahn – und es hat eine Attraktion zu bieten: Hier steht seit einiger Zeit die einzige Reiterstatue des Augustus nördlich der Alpen. Historisch interessierte Touristen aus ganz Deutschland und darüber hinaus pilgern hierher, um das Glanzstück zu bewundern. – Wie ist es dazu gekommen?

Ausschlaggebend war, dass eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Denkmalpflege, Frau Gerda Weller, am Nordwestrand von Waldgirmes die ersten Keramikscherben gefunden hat: handgemachte Keramik und auf Scheiben gedrehte römische Keramik. Dies führte dazu, dass seit 1993 hier gegraben wurde. Man vermutete zunächst, dass es sich um ein römisches Militärlager handelte, und erst nach und nach kam zutage, dass es sich hier um eine zivile Stadtgründung handelt. Das führte dann zu den weiteren Grabungen, die bis heute andauern.

 Wie würden Sie die Siedlung von Waldgirmes klassifizieren: als »Oppidum«, »Vicus«,  »Municipium« oder »Colonia«?

 Es ist sehr schwierig, aus dem archäologischen Befund auf den Rechtsstatus einer Siedlung zu schließen. Alle vier Begriffe könnten zutreffen, würden durch das Forum möglich sein. Aber jetzt aufgrund des archäologischen Befundes zu sagen: Waldgirmes war eine Colonia – das tragen unsere Quellen nicht.

 Der Status einer »Colonia«, also einer  römischen Pflanzstadt, bedeutet ja zunächst einmal, dass sie zusammen mit dem umliegenden Territorium als Eigentum des römischen Volkes betrachtet wurde. Im Normalfall – etwa in Gallien – ließen sich römische Siedler dort nieder, nach und nach auch Angehörige der umliegen den indigenen Bevölkerung. Der »Colonia« wurde eine gewisse Autonomie, etwa in Fragen der Infrastruktur, zugestanden. Wie könnte das hier ausgesehen haben?

Die Gebäude, die wir bisher ausgegraben haben, insbesondere die Wohnbauten, zeigen italische Grundrisse, erinnern im Grundriss an Atriumhäuser. Das heißt, es waren römische Bauformen, die hier errichtet worden sind, und daher muss man davon ausgehen, dass hier auch überwiegend römische Bewohner lebten. Gleichzeitig finden wir im Fundmaterial einen ungewöhnlich hohen Anteil einheimischer Keramik, so dass wir davon ausgehen müssen, dass zwischen diesen primär römischen Bewohnern und der umliegenden einheimischen Bevölkerung ein sehr reger Kontakt bestand.

 Bei Cassius Dio (56, 18, 2) ist die Rede von »Städten«, mit deren Errichtung man zu der Zeit, als Varus 7 n. Chr. das Kommando in Germanien übernahm, begonnen habe. Tacitus lässt Arminius in einer leidenschaftlich vorgetragenen Rede (Tac. ann. I, 59, 6) u. a. sagen: »Wenn sie das Vaterland, die Eltern, die alte Zeit mehr liebten als Zwingherren und neue Römerstädte – ›colonias novas‹ -, sollten sie doch lieber dem Arminius folgen, der sie zu Ruhm und Freiheit, als dem Segestes, der sie in schändliche Sklaverei führe!«
Die Tacitus-Stelle wäre dann doch eine Bestätigung der »Städte« des Cassius Dio, freilich noch präzisiert durch den speziellen Begriff »Colonia«. – Daraus ließe sich ableiten, dass Arminius eine sehr gute Kenntnis von der Anlage römischer »Coloniae« in Germanien gehabt hat, zum Beispiel auch von dieser Siedlung in Waldgirmes. Mehr noch: Da er im Akkusativ Plural von »colonias novas« spricht, muss es weitere Vorhaben dieser Art gegeben haben!

Aus Cassius Dio wird ja auch deutlich, dass die Gründung von Städten und die Einrichtung von Märkten für die Römer eines der Mittel war, diesen Raum zu beherrschen. Von daher muss man eigentlich vermuten, dass Waldgirmes kein Einzelprojekt war, sondern dass es, wenn man den Raum zwischen Rhein und Elbe beherrschen und auch verwalten wollte, mehr Projekte als Waldgirmes entweder schon gegeben haben muss – oder es müssen zumindest weitere Stadtgründungen geplant gewesen sein.

 Sie und Ihr Team, Herr Dr. Becker, haben auf dem Grabungsgelände u. a. die Fundamente von einem Getreidespeicher nachweisen können.

 Als die Stadt gegründet wurde, musste sie sicherlich zunächst vom Rhein aus versorgt werden. Es gab noch kein Umland, das eine autonome Versorgung sofort hätte sicherstellen können. Der Getreidespeicher in Waldgirmes – im Gegensatz etwa zu den Getreidespeichern, die in dem Militärlager von Rödgen gefunden wurden – scheint jedoch eher so ausgelegt gewesen zu sein, dass er die Versorgung von einer bestimmten Bevölkerung hier sicherstellen könnte, während Rödgen für die Versorgung ganzer Legionen ausreichend war.

 Je länger und intensiver man sich mit dem Thema »Rom und die Provinzialisierung Germaniens« beschäftigt, umso mehr verdichten sich die militärischen Probleme der Armeeführung in der Frage nach der Logistik. Das Land war ja selbst nicht in der Lage, ein Heer von drei Legionen plus Auxiliartruppen zu ernähren. Wie haben wir uns das praktisch vorzustellen?

Rom musste eine Infrastruktur im Lande aufbauen, die genau das gewährleisten konnte, das heißt seine konzentrierten Truppen zu versorgen. In Germanien selbst gab es jedoch nach dem Niedergang der Latène-zeitlichen Oppida keine größeren Zentralorte mehr, die eine solche logistische Vorleistung hätten erbringen können. Wollte Rom diesen Raum beherrschen, musste es die nötige Infrastruktur selbst schaffen durch die Gründung von Städten.

 Haupttransportweg für schwere Güter vom Rhein nach Waldgrimes war ja wohl die Lahn. Wie aber sieht es mit den Straßen aus, um von hier aus in den Norden und Osten zu gelangen?

Waldgirmes liegt sehr günstig in einem – ich würde fast sagen: Kommunikationsnetz. Ein Kommunikationsstrang war sicherlich die Lahn, ein weiterer führte durch die Wetterau ins Rhein-Main-Gebiet und nach Mainz. Und dann ging es weiter nach Norden, die Lahn aufwärts, durch die niederhessische Senke bis in den Raum um Kassel. Und nicht überraschend gibt es römische Funde bei Hedemünden an einer Werrafurt unweit von Kassel. Diese  Wegeführung macht deutlich, dass Waldgirmes sehr bewusst in ein Kommunikations- und Wegenetz eingebunden war.

Was meinen Sie: Ist es möglich, dass Quinctilius Varus einmal selbst der im Entstehen begriffenen Siedlung einen Besuch abgestattet hat? Zum Beispiel bei der offiziellen Feier zur Aufstellung und Weihung der Reiterstandbilder, bei der auch  germanische Honoratioren aus der Umgebung anwesend waren?

Ja, ich denke, so etwas ist möglich. Da Waldgirmes bisher die einzige römische Siedlung ist, die wir östlich des Rheins kennen, würde ich es sogar für wahrscheinlich halten, dass ein römischer Statthalter diese Siedlung einmal aufgesucht hat. Belegen können wir einen solchen Besuch bisher jedoch nicht.

 Es gibt einen seltsamen Schwebezustand, was die offizielle Titulatur von Varus angeht. Er ist zwar Oberkommandierender der drei Legionen, aber nirgendwo wird er in den Quellen als Statthalter bezeichnet, also als »Legatus Augusti Pro Praetore«. Könnte das heißen, dass er zu diesem Zeitpunkt ab 7 n. Chr. den Titel noch gar nicht besaß, oder heißt das, dass er zwar faktisch das Amt ausübt, auch wenn er offiziell noch nicht den Titel hat – oder haben die antiken Autoren vergessen, dies zu erwähnen? Das hängt direkt zusammen mit der Frage, ob Germanien zu dieser Zeit schon als Provinz gedacht werden kann.

Ich glaube, wir bewegen uns in so engen Zeiträumen in diesen Jahren zwischen 3 vor und längstens 9 nach Christus, dass sich aus solchen Unterscheidungen keine Schlüsse ableiten lassen. Varus‘ Provinz war der Operationsraum seines Heeres. Damit war er automatisch Statthalter. Ob dieses neu eroberte Gebiet in einem Übergangsstadium schon formal zur Provinz gemacht wurde, oder ob dies überhaupt gemacht werden musste, das ist in der Forschung umstritten. Die Gründung von römischen Siedlungen in diesem Raum legt jedoch nahe, dass der Prozess weiter fortgeschritten war, als man das bisher annahm.

Die Siedlung von Waldgirmes lag ja in relativer Nähe zum Rhein und somit auch im Umfeld von Mainz, dem römischen Mogontiacum. Große Teile der Ubier waren bereits unter Caesar (53 v. Chr.) und später Agrippa (38 v. Chr.) auf das linke Rheinufer umgesiedelt worden. Sind die hier im Umfeld siedelnden Chatten in die leeren Räume nachgerückt? – Worauf ich hinauswill: Waren durch die seit mehr als drei Generationen bestehenden Kontakte zur Großmacht im Westen die Verhältnisse an der mittleren Lahn friedlicher als im Norden? Etwa nach dem Motto: Handel ist besser als Krieg? Oder war das Kulturgefälle hier geringer als im nördlichen Germanien?

 Das Latène-zeitliche Oppidum auf dem Dünsberg, das nur sieben Kilometer von Waldgirmes entfernt liegt, endet im 2. Jahrzehnt vor Christus. Die für dieses Oppidum charakteristische Münzprägung taucht danach am Rhein wieder auf. Das hat zu der Hypothese geführt, dass der Dünsberg ein Oppidum der Ubier war. Und für ein solches Szenario würde natürlich sprechen, dass Caesar den Ubiern einen höheren Zivilisationsgrad unterstellt. Gleichzeitig steht Waldgirmes in diesem Raum – im Rhein-Main-Gebiet, der Wetterau, bis hier an die Lahn – nicht mehr allein; denn auch bei der keltischen Saline bei Bad Nauheim gibt es erste Anzeichen für eine Kontinuität der Sole-Nutzung in römischer Zeit, so dass man sehr wohl davon ausgehen kann, dass in diesem Raum eine Bevölkerung lebte; und eine Umsiedlung in römischer Zeit ist ja nie ein kompletter Bevölkerungsaustausch, sondern hier müssen Bevölkerungsreste zurückgeblieben sein, die mit dem Konzept einer zentralörtlichen Siedlung, einer Stadt, mehr anfangen konnten als etwa die Bevölkerung in Westfalen oder in Niedersachsen. Und dies ist unserer Ansicht nach einer der wesentlichen Gründe dafür, warum man gerade hier eine erste Stadt gegründet hat.

 Das würde dann doch bedeuten: Eine Rebellion wie die von Arminius … sie wäre hier wohl nicht vorstellbar gewesen?

 Das ist richtig.

Welche Rolle spielten in diesem  Zusammenhang die Stammesführer der Chatten?

 Wir müssen davon ausgehen, dass die germanischen Stämme untereinander stark verschwägert waren und dass die Fraktionen durch die Stämme liefen. Im Falle der Stammesführer der Chatten gibt es ein Indiz: Als Italicus, der Sohn von Arminius‘ Bruder, zum König der Cherusker berufen wird. Dort muss er sozusagen seine germanische Herkunft verteidigen. Und zum Zwecke dieser Verteidigung beruft er sich auf seinen chattischen Großvater. Das heißt, man muss davon ausgehen, dass ähnlich wie bei den Cheruskern Teile des chattischen Adels aufseiten des Arminius standen, andere Teile standen aufseiten des Segestes. Es handelt sich also um eine Parteinahme nicht entlang den Stämmen, sondern eher entlang den Verwandtschaftsgruppen im Adel.

Nehmen wir einmal an, es wäre nicht zu der Katastrophe im Norden gekommen: Wie hätte die zukünftige Entwicklung der Siedlung von Waldgirmes ausgesehen?

 Vielleicht so wie die von Köln … oder von Trier. Sicherlich muss man davon ausgehen, dass Waldgirmes gerade gegenüber diesen sich später zu großen Städten im römischen Reich entwickelnden Plätzen einen gewissen Startvorsprung gehabt hätte.

Was erwarten Sie und Ihr Team in Waldgirmes noch zu finden?

Waldgirmes hat bisher in den Grabungen so viele Überraschungen geboten, dass sich kaum eine Erwartung äußern lässt. Was man sich erhoffen würde, wären natürlich weitere Stücke der Statue … oder mal ein Inschrift-Fund oder Ähnliches, die es ermöglichen würden, tatsächlich den Namen dieser Siedlung oder ihren Rechtsstatus genauer zu erfassen. Aber ob diese Wünsche wahr werden … das kann man natürlich nicht sagen.

Das Interview führte Hans Dieter Stöver.

 Zur Person:

Studium der Geschichte und Vor- und Frühgeschichte in Marburg und Göttingen. 1991 Promotion bei Prof. Dr. Karl Christ mit dem Thema ›Rom und die Chatten‹. Nach verschiedenen Tätigkeiten am Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege (1994) und am Kommissariat für Archäologische Landesforschung in Hessen (1996-2002) seit 2002 Mitarbeiter am DFG-Projekt »Waldgirmes« der RKG des Deutschen Archäologischen Instituts. Durchführung der Grabungen in Waldgirmes seit 1996.

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