Unsere Verlegerin über eine besondere Autorenbegegnung

Betreff: CB 2.0

(c) Mathis-Beutel-quer

Die dtv-Internetabteilung hätte gerne, dass ich einen Blogartikel schreibe. »Ich, einen Blogartikel, wieso das denn?« »Andere Verleger machen das auch.« »Die sind Schriftsteller oder Technik-Freaks, ich bin bloß eine Digital-Immigrantin.« »Na und, das können Sie schon.« Ok. »Muss man das dann öfter machen?« »Na klar, da muss regelmäßig was Neues stehen, sonst guckt keiner mehr rein.« Ok. Ok. »Wird mir denn immer wieder was Neues einfallen?« »Na sicher, das wissen wir doch jetzt schon.« Ok.Ok.Ok!

Seit ich die verlegerische Verantwortung für das Programm des dtv übernommen habe, konnte ich schon viele Autorinnen und Autoren persönlich kennenlernen. Das waren großartige Begegnungen. Bei einem Presse-Essen in Berlin im Februar traf ich Thomas Harding zum ersten Mal. Ein kluger und liebenswürdiger Mann, den ich sofort sympathisch fand. Ein Engländer mit deutschen Wurzeln. Ein Europäer, ein Weltbürger.

Er stammt aus einer deutsch-jüdischen Arzt-Familie, die in den 30er Jahren aus Berlin nach London geflüchtet ist, und er hat zwei Bücher bei dtv veröffentlicht, die mit der Geschichte dieser Familie zu tun haben. In einem, ›Hanns und Rudolf‹, schildert er die Geschichte seines Großonkels Hanns Alexander, der nach dem Krieg als britischer Soldat Rudolf Höss, den Kommandanten von Auschwitz, aufspürte. Das zweite Buch, ›Sommerhaus am See‹, erzählt die Geschichte eines bescheidenen Holzhauses auf einem Gartengrundstück am See von Groß Glienicke, in dem Hardings Familie vor der Machtergreifung und Vertreibung glückliche Sommertage verbracht hat.

Wie durch ein Wunder steht dieses Haus immer noch, es hat die Nazi-Zeit, die Nachkriegszeit, die DDR und die Zeit seit der Wende überstanden, es hat vielen Menschen und Familien Unterschlupf geboten. Es wurde enteignet, legal und illegal weiter verkauft und Schauplatz für bewegte und sehr unterschiedliche Schicksale. Zuletzt stand es leer und sollte abgerissen werden. Hardings gelang es mit tatkräftiger Hilfe sehr engagierter Bürger vor Ort, dies zu verhindern. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz und soll als Alexanderhaus eine internationale Begegnungsstätte werden.

Inzwischen hat Harding Deutschland von einer anderen Seite als seine Vorfahren kennengelernt und fühlt sich insbesondere den Menschen, die ihm geholfen haben, sehr verbunden. Auf den Gedanken, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, wäre er aber sicher nie gekommen, auch wenn er als Nachfahre von deutschen Bürgern, denen diese Staatsbürgerschaft geraubt wurde, einen Anspruch darauf hat. Bis der Brexit kam und Boris Johnson und seine Mitstreiter dafür gesorgt haben, dass Großbritannien aus Europa austritt. In einer so engen Welt will Harding nicht leben.

Danke, Boris Johnson, dass wir Thomas Harding als neuen Mitbürger begrüßen dürfen. Wir dürfen außerdem gespannt sein, wie Sie als Außenminister die Suppe auslöffeln, die Ihnen Theresa May serviert hat.

Ich schreibe das im dtv-Verlagshaus in der Münchner Isarvorstadt, in einem Büro, durch dessen Fenster ich in mehrere Himmelsrichtungen sehen kann, auf die Berge, auf den Schlachthof, auf die Türme und Dächer der Stadt. Was auch immer geschieht, der Horizont ist weit. Ich schließe mit Mascha Kaléko: Sei klug und halte dich an Wunder!
Eure C.

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