Georg Haderer

Autor von ›Schäfers Qualen‹

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Da ich mich neben meinem literarischen Schaffen auch um reichlich andere Dinge kümmere (Haushalt, kleines Kind, Werbetexte, Finanzamt …), habe ich in Bezug aufs Schreiben keinen klar strukturierten Alltag. Eher ist es so, dass ich schreibe, wenn es die Umstände erlauben. Deshalb arbeite ich oft spätabends bzw. in der Nacht und nutze den folgenden Vormittag wenn möglich, um das Geschriebene zu überarbeiten – beides geschieht am Computer und mit dem Schreibprogramm Scrivener, das ich ganz ohne Provisionen empfehlen kann.

Wie viel ich schreibe, scheint mir das jeweilige Werk selbst aufzudrängen. Manchmal ist es träge und steckt mich damit an, manchmal treibt es mich vor sich her und will binnen Stunden die Geschichte zu einem Ende bringen. Ich selbst habe mich zwischen diesen Polen so diszipliniert, dass ich maximal zwei Tage ohne Schreiben verbringe und im Normalfall täglich mindestens eine Seite schreibe. 

2. Haben Sie dabei feste Rituale?

Nicht wirklich. Ich schreibe sehr gerne im Freien und habe dafür ein paar bestimmte Plätze in Wien bzw. bei meinen Eltern in Tirol. Ich habe ein Lieblingskaffeehaus in Wien (ganz ohne klischeehaft grantige Kellner) und arbeite auch gerne im Zug. Wenn man von einem Ritual sprechen kann, dann am ehesten von einem ausschließenden: Ich brauche Ruhe – weniger im akustischen als in einem atmosphärischen Sinne, keine Vieltelefonierer, Hitradio-Musik oder feindselige Schwingungen.

3. Schreiben Sie von Hand?

Ich habe zwar so gut wie immer ein Notizbuch dabei, nutze es allerdings selten. Was mir unterwegs einfällt, merke ich mir schon so lange, bis ich wieder am Laptop sitze, und wenn ich das Haus mit dem Vorsatz verlasse, irgendwo zu schreiben, habe ich den Computer dabei. Ich habe ein Flipchart an meinem Arbeitsplatz, auf dem ich mit einem dicken schwarzen Faserstift das Handlungsgerüst, wichtige Eckpunkte, Namen, Zeitabläufe u.ä. notiere. Briefe? Sind zu 90% E-Mails und wenn per Post, dann schreibe ich sie am Computer und drucke sie aus. So gesehen schreibe ich von Hand in erster Linie Widmungen in meine Bücher. 

4. Was wollten Sie als Kind werden?

Polizist

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Es ist zu mir gekommen. Da wir zeit meiner Kindheit keinen Fernseher gehabt haben, waren Bücher und Hörspiele (Ich kann alle Pumuckl-Folgen auswendig!) das vorrangige Unterhaltungsprogramm. So habe ich schon sehr früh, ich denke mit ca. sechs Jahren, angefangen, Robinson Crusoe, Tom Sawyer, Die Schatzinsel etc. zu lesen. Bis zur Pubertät habe ich Schreibwerke zwischen Jerry Cotton, Readers Digest, Asterix und Neue Post verschlungen, weil sie für mich in meiner eher begrenzten Tiroler Bergwelt ein spannender Zugang zu anderen Leben waren. Danach sind Schriftsteller und ihre Werke meine wichtigsten Begleiter geworden. Sie haben mir bewiesen, dass ich mit meinen Gefühlen, meinen Sorgen, mit dem Chaos im Kopf nicht alleine bin, und sie haben mir gezeigt, dass man dafür eine Form finden kann. Meine Schreibanfänge waren dann auch jeweils von den Autoren geprägt, die ich gerade inhaliert habe: Lyrik à la Trakl, Erzählungen im versuchten Ton von Ingeborg Bachmann etc.  

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Ein einzelnes herauszunehmen erschiene mir ein Frevel gegenüber all den anderen wunderbaren Autoren, die ich damit ausschließe. Ich knie nieder vor den Kurzgeschichten von Raymond Carver, ich verbeuge mich vor den Romanen von Richard Yates, ich lache und weine Tränen mit Richard Brautigan, ich traue mich eine Woche nicht zu schreiben, nachdem ich ›Schau heimwärts, Engel‹ von Thomas Wolfe gelesen habe, ich erstarre bei Marlene Haushofer und Ingeborg Bachmann, ich möchte gerne einmal Friedrich Ani gratulieren, ich beneide Chuck Palahniuk für seinen Mut, ich leide und frohlocke mit Phillipe Djian, ich hätte gerne ›Der Richter und sein Henker‹ von Dürrenmatt oder eins der Bücher von Patricia Highsmith geschrieben  … ich entschuldige mich bei den großartigen Schriftstellern, die ich hier nicht erwähne.

7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Hm, alle Autoren, die ich entdeckt habe, sind wohl auch von anderen entdeckt. Brautigan und Carver sind bereits tot, also wird es ihnen egal sein, wenn ich ihnen eine Neuauflage wünsche; aber ›Kathedrale‹ von Carver oder ›Ende einer Kindheit‹ von Brautigan sind sicher empfehlenswert.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

›Konkurrenz‹ von Werner Kofler. Dieser Roman um einen letztendlich tödlichen Scheidungsstreit ist auf jeden Fall eine Neuauflage wert. Der Erzählband ›Ein Vorhang aus Grün‹ von Eudora Welty – eine fantastische Schriftstellerin.

9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

… keine Ahnung. Was ich lesen will, lese ich … ich habe keine Tausendseiter wie den ›Mann ohne Eigenschaften‹, ›Ulysess‹ oder sonstige Reich-Ranicky-Must-Haves auf dem Nachtkästchen liegen.

10. Was lesen Sie zurzeit?

›Süden‹ von Friedrich Ani, ›Homicide‹ von David Simon und (wiederholt) ›Bunte Steine‹ von Adalbert Stifter.

11. Wo lesen Sie am liebsten?

Im Freien.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für meine kleine Tochter – wenn auch nicht immer freiwillig.

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