Hannah O’Brien

Irland, Mosel & Hündin Lucy

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Die Liebe zur grünen Insel spricht bei Hannah O’Brien aus jeder Zeile. In ›Irisches Verhängnis‹ lernten wir die die eigenwillige Ermittlerin Grace O’Malley kennen. Im März erschien mit ›Irisches Roulette‹ der zweite Band der atmosphärischen Irlandkrimireihe. Im Interview gibt die Journalistin und Autorin Einblicke in ihren Arbeitsalltag.

Haben Sie eine feste Schreibroutine?
Ja, ich habe eine feste Schreibroutine. Zwei Sitzungen von drei Stunden plus pro Tag. Meist von 10 – 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr. Da ich aber weder eine Stechuhr, auch keine innere Stechuhr besitze oder anwerfe und die Muse nicht gleichbleibend gute Sachen ausspuckt, sind das nur ungefähre Zeiten. Meist ist es mehr. Ich nehme mir immer ein bestimmtes Kapitel vor. Da die aber unterschiedlich lang sind, brauche ich dafür auch schon mal mehr als einen Tag, oft zwei, drei Tage. Grundsätzlich beginne ich den Schreibtag immer mit dem Durchlesen und der Korrektur dessen was ich am Tag davor geschrieben habe. Ungefähr alle drei bis vier Wochen lese ich alles, was ich geschrieben habe nochmals genau durch und mache mir Notizen zu offenen Punkten, ungelösten Fragen und neuen Wendungen, die ich noch in petto habe.
Dabei schreibe ich auf dem Computer, früher per Hand.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Vor dem Schreiben lese ich die Zeitung und frühstücke, gehe mit dem Hund raus und führe Telefonate und schreibe E-Mails. In der Mittagspause gehe ich länger mit dem Hund raus, kaufe ein, koche mir was, mache nochmal »Büro« und dann geht es weiter. Nach dem Schreiben sinke ich circa eine halbe Stunde in den Power Nap. Danach ist Freizeit. Ach ja, vorher gehe ich erst mal mit dem Hund raus. Am liebsten schreibe ich an der Mosel. Dort schaue ich vom Arbeitszimmer direkt auf den Fluss und auf Wald gegenüber. Sehr entspannend.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Ich mache mir vor Beginn ein ausführliches Treatment, d.h. jedes Kapitel wird kurz skizziert, wie bei Szenen in einem Film. An dem Treatment kralle ich mich meist bis zum ersten Viertel fest. Danach wird es nur noch als Sicherheitsnetz benutzt, wie beim Trapez.  Es sind dann so viele andere spannende Dinge passiert denen ich Raum geben will.
Am Midpoint, bei mir ist das meist um die Seite 200, verliere ich den Überblick und komme mir vor wie Weihnachten nach der Bescherung. Ich habe alle Päckchen für die Leser ausgepackt und stolz gezeigt und nun weiß ich nicht mehr was ich wem gezeigt habe. Warum weiß ich schon noch, aber wer weiß was, wann und so weiter.  Das ist mir nicht immer bei allem mehr klar. Oder auch: »wozu brauche ich das Päckchen«? Da kommen die Zettelchen ins Spiel. Ich lese alles wieder akribisch durch, mache Notizen zu Unsicherheiten und offenen Fragen und bringe meine Kapitel-Synopsis auf den neusten Stand (ich benutze eine Kapitelzusammenfassung nach jedem Kapitel für mich, um Dinge nachher wenn nötig, schneller zu finden). Früher habe ich mal große Schaublätter bekritzelt, das brachte aber nichts.

Was wollten Sie als Kind werden?
Ich wollte als Kind und Jugendliche folgendes werden: Verkäuferin in einem Lebensmittelladen. Damals gab es noch keine Supermärkte, es waren Tante-Emma-Läden und es wurde immer viel geredet. Das gefiel mir und Dinge  abzuwiegen und in Tüten zu stecken. Dann wollte ich lange nichts werden, meine ich mich zu erinnern. Dann Lehrerin dann Dolmetscherin, dann Schauspielerin, dann Regisseurin, dann Journalistin, dann Schriftstellerin.
Bis auf die Lebensmittelverkäuferin und die Dolmetscherin hat auch alles geklappt. Sogar in der Reihenfolge. Ich beschwere mich daher nicht und bin hoch zufrieden.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich habe mir schon als Kind die Zeit, die ich auf der Straße von A nach B brauchte (Schulweg oder Einkaufen für Mutti) damit verkürzt, dass ich mir immer selbst Geschichten auf dem Weg erzählt habe. Nachbarn haben sich dann bei den Eltern beschwert, das Kind würde selten grüßen. Aber ich sah ja niemanden. Dann habe ich in der Schule immer so gern freie Aufsätze geschrieben und brachte es darin bis zum Abitur zur Meisterschaft (im Gegensatz zu anderen Fächern).
Dann habe ich Germanistik und Rederei und Denkerei studiert (Politik und Philosophie). Das gab weitere Impulse. Während meiner Zeit als Regisseurin und Dozentin in Irland und England sprach mich ein deutscher Verlag an, etwas über englisches Theater für sie zu schreiben. Das machte ich. Sie lobten es. Das war vor 30 Jahren. Danach wurde ich kühn. Ich lebe seitdem vom freien Schreiben, erst journalistisch und seit 1994 auch schriftstellerisch.

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Ich habe seitdem ich lesen konnte, also ungefähr mit sechs, fast süchtig gelesen. Alles. Außer was »nicht ganz so gut war«, wie es verschämt von den Kollegen meiner Mutter in der Stadtbücherei, wo sie arbeitete, umschrieben wurde. Also Comics gab es nicht bei uns als Kinder. Die waren nicht verboten, aber unter der Würde. Was schlimmer war. Das gleiche galt für Krimis. Molière mit 14, Grass mit 15, Kafka mit 16, alles in Ordnung, auch wenn du es nicht verstehst oder Sex drin vorkommt,  aber keine Krimis. An einem verregneten Wochenende auf Besuch während meiner Marburger Studentenzeit, griff ich zu Agatha Christie, weil sonst nichts da war, außer ›Das Kapital eins bis drei‹. Es regnete eh schon – also mit spitzen Fingern der Krimi. ›Mord auf dem Golfplatz‹ werde ich nie vergessen. Das Buch veränderte mein Leben bis heute. Ich verfiel dem Kriminalroman.  Die wichtigste Autorin für mich in diesem Zusammenhang ist die hochverehrte P.D. James, die ich vor zwanzig Jahren mit Ruth Rendell zusammen persönlich kennenlernen durfte. Wo? In Galway!

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Mervyn Peake – Die Gormenghast Trilogie. Bei uns hier völlig unbekannt, in Großbritannien, zumindest in meiner Generation geschätzt. Auf Deutsch erschienen bei Klett Cotta. Gleichzeitig in Großbritannien mit Tolkien erschienen und von ihm überschattet. Dabei um Klassen besser. Eine Fantasy Gesellschaftssatire vom Feinsten. Aber es ist auch ein bisschen Jonathan Swift drin …

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Julie Zeh – ›Unter Leuten‹. Schon lange nicht mehr so gelacht und gegruselt. Toll!

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
James Joyce – ›Ulysses‹. Hab schon mehrere Anläufe genommen und Auszüge genossen. Und vielleicht das Original?

Was lesen Sie zurzeit?
Ich lese immer parallel mehrere Bücher. Zurzeit ›Eisige Schatten‹ von Jörn Lier Horst und ›Notre Dame de Dada‹ von Eva Weissweiler, eine Biografie über Luise Straus-Ernst.

Wo lesen Sie am liebsten?
Im Bett. Dann lange nichts. Überall, wirklich. Ich kann  auch im Stehen lesen. Am beeindrucktesten  fand ich, als ich 1984 nach Leningrad fuhr und dort die tiefste U-Bahn der Welt benutzte. Zwei Minuten jeweils runter oder rauf. Und auf allen Rolltreppen Menschen, die in dicke Bücher vertieft waren. Ein Bild, das ich nie vergessen werde und das mich zutiefst berührte.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Für ein Gespräch mit Menschen. Wenn es dann auch noch etwas Leckeres zu essen und trinken gibt, noch besser! Da kann das Buch gut warten und tut es gern.

Hannah O´Briens Romane sind als Taschenbuch und eBook erhältlich

Hannah O'Brien
Irisches VerhängnisBd. 1
Hannah O'Brien
Irisches Roulette Bd. 2

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