Mathias Nolte

Autor von: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen

1. Wie sieht Ihre tägliche Routine beim Schreiben aus?

Jeden Tag bete ich ein paar Mal zum lieben Gott, dass er mir Routine schenkt. Bis heute hat er mich nicht erhört.

2. Haben Sie irgendwelche festen Schreibgewohnheiten?

Ich höre immer mitten in einem Gedanken oder in einem Kapitel mit der Arbeit auf. Wenn ich etwas zum Abschluss brächte, bräuchte ich Stunden, wenn nicht Tage, um wieder ins Manuskript zu kommen. Sonst habe ich eigentlich keine Schreibgewohnheiten, außer 12 Espresso von Nespresso (Arpeggio) und eine Schachtel Gauloises pro Manuskriptseite. Ohne die geht gar nichts. 

 

 

3. Schreiben Sie von Hand?

Wenn ich nicht mehr weiter weiß, greif ich gelegentlich zu Papier und Bleistift, einen weichen Bleistift, die harten gehorchen meiner linken Schreibhand nicht. Das Handgeschriebene hilft dabei über die Hürde, zumindest bilde ich mir das ein. So schreibe ich dann zwei, drei Sätze, manchmal auch nur einen halben. Das Geschriebene tippe ich dann mit zwei Fingern in den Mac und hoffe, dass es danach wieder zügiger weitergeht. Meistens ist das dann aber doch ein Trugschluss. 

4. Was wollten Sie als Kind von Beruf werden?

Automechaniker, Schauspieler, Kommissar Maigret, Journalist. 

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Mein Vater war Journalist, und er hat Bücher geschrieben. Vielleicht hat mich das zum Schreiben gebracht, obwohl mir das im Nachhinein nicht logisch erscheint. Mein Vater hat sich beim Schreiben gequält. Als ich  Kind war, habe ich ihn vor lauter zusammengeknüllten Manuskriptseiten manchmal gar nicht mehr hinter seinem Schreibtisch gesehen. Einmal hat Othello, unser Hund, eine fertige Seite gefressen, das hat unsere Familie mehr erschüttert als die Kuba-Krise. ›Großkotz‹, meinen ersten Roman, habe ich in der Redaktion, in der ich gearbeitet habe, aus Langeweile angefangen. Als ich nach ein paar Wochen 70 Seiten fertig hatte und nicht wusste, ob sie gut waren, habe ich sie Daniel Keel von Diogenes geschickt. Zehn Tage später lag ein Buchvertrag mit einem gelben Sticky von Keel in meinem Briefkasten. Auf dem Sticky stand, dass er sich auf den Rest freue. Ich hatte Glück. 

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie am meisten beeinflusst?

Das kann ich nicht sagen, das wäre auch vermessen. Ich habe sehr früh die Franzosen geliebt – Maupassant, Flaubert, Stendhal. Besonders die verheirateten Frauen in den Romanen dieser dicken Männer, die für die Liebe alles riskieren, auch wenn sie sich das Genick dabei brechen, hatten es mir angetan. Und dann natürlich die Amis. Philip Roth war und ist für mich der Größte, seit ich zu meinem 18. Geburtstag aus erzieherischen Gründen die amerikanische Originalausgabe von Portnoys Beschwerden geschenkt bekommen habe. Portnoys Option, dass es eine frische Leber auch tut, wenn das Mädchen Nein sagt, war schlicht revolutionär. Ich bin Roth seit vierzig Jahren treu. Heute reden wir natürlich mehr über Krankheiten als übers Vögeln. Wenn man mich aber fragen würde, wie ich gerne schreiben könnte, dann würde ich antworten, so, wie Fellini Dolce Vita und 8 ½ gedreht hat. Aber das kann ich nicht. Leider. 

7. Welcher Autor harrt noch der Entdeckung?

Wenn ich das wüsste, wäre ich Verleger geworden. Einer, dem ich aber größere Auflagen gönnen würde, ist Wolf Wondratschek. Seit fast fünfzig Jahren schreibt der jetzt die schönsten Geschichten. Wondratschek kann zwar ein richtiges Arschloch [1] sein, aber muss man ihm deshalb jeden Literaturpreis, den dieses Land zu vergeben hat, vorenthalten? 

8. Welches Buch hat Sie in jüngster Zeit begeistert?

›Der alte König in seinem Exil‹ von Arno Geiger – vielleicht auch deshalb, weil es meinem Vater in den letzten Monaten schlecht ging und er vor ein paar Wochen gestorben ist. 

9. Welchen Autor oder welches Buch würden Sie auf jeden Fall noch lesen wollen?

Ein Jahr lang Balzacs komplette ›Comédie Humaine‹ im Liegestuhl in Südfrankreich.

10. Welches Buch lesen Sie zur Zeit?

Ich bin gerade in Paris, am Flughafen in Berlin habe ich mir ›Hemingways Paris – ein Fest fürs Leben‹ gekauft, die Urfassung, die vor ein paar Wochen neu erschienen ist. Jeder, der nach Paris geht, sollte das Buch lesen, und danach sollte er sich Woody Allens ›Midnight in Paris‹ ansehen. Mehr braucht man eigentlich nicht. Das Buch und der Film lassen einen sogar die 30 € vergessen, die man in der Hemingway-Bar im Hotel Ritz and der Place Vendôme für einen Mojito hinblättern muss oder die 9 € 50 für ein kleines Bier im Café Flore am Boulevard Saint-Germain. 

11. Wo lesen Sie am liebsten?

Im Café, egal in welchem. Man ist allein und doch nicht allein. 

12. Wann legen Sie ein Buch zur Seite?

Wenn die Frau neben mir im Café die Beine übereinanderschlägt und die Nylonstrümpfe knistern. Aber das passiert ja nur noch ganz selten.

[1] Vergleiche dazu: Wolf Wondratschek: ›Die Einsamkeit der Männer. Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre‹

2 Kommentare zu “Mathias Nolte

  • 19. September 2011 um 13:12
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    Das stimmt – schon korrigiert! ;-)

    Antwort
  • 17. September 2011 um 15:02
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    Es gibt kein „Arpeccio“ Nespresso Kaffee, nur „Arpeggio“ :)

    Antwort

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