Norbert Gstrein

Norbert Gstrein erzählt, wie er zum Schreiben kam, wie sein Schreiballtag aussieht und wofür er jedes Buch beiseite legen würde.

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Unspektakulär. Wort für Wort. Satz für Satz. Seite für Seite. Wenn es denn eine Seite bzw. mehr als eine Seite wird.

 2. Haben Sie dabei feste Rituale?

Ja.

3. Schreiben Sie von Hand?

Sollte ich? Ich habe immer das Gefühl, ich sollte, wenn ich danach gefragt werde. Als wäre das »wertiger«, wie die Verkäufer heute ja sagen, wenn sie einem »die guten Dinge, die es noch gibt«, andrehen wollen. Ich muß dann aber leider immer enttäuschen.

4. Was wollten Sie als Kind werden?

Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht etwas mit Wissenschaft, als ich schon ein wenig älter war, ein Jahrhundert-Mathematiker mindestens, Atomphysiker, etwas mit Sport, davor noch, etwas Großes ohne Zweifel, jedenfalls nicht Schriftsteller.

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Wie wahrscheinich viele: Über das Lesen. Es ist eine der unglaublichsten Entdeckungen, die man in seinem Leben macht: Daß es nur zweiundzwanzig und zwei Buchstaben braucht, um eine Welt zu erschaffen.

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Ich möchte gern glauben, das erste, das ich allein gelesen habe und von dem ich nicht mehr weiß, welches es war. Und dann über die Jahre die vielen, die ich geliebt habe, Autoren und Bücher. Wo anfangen und wo enden? Wenn Sie wollen, mit Faulkner.

7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Entdeckt: Weiß ich nicht. Wiederentdeckt: Viele. Manchmal scheint mir, als gäbe es zu jedem zu Recht oder zu Unrecht entdeckten Autor mindestens eine Handvoll zu Unrecht vergessener Autoren. Wer liest beispielsweise noch Miroslav Krleža oder kennt auch nur seinen Namen? Man könnte seinen Roman ›Ohne mich‹ wiederentdecken und sehen, daß  darin manche der Bernhardschen Tiraden fünfzig Jahre vor Bernhard schon vorweggenommen sind, und nicht als bloße Luftnummern.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Jennifer Egan, ›Der größere Teil der Welt‹.

9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Unbedingt? Ich kann mir immer Bedingungen vorstellen, unter denen ich vielleicht nichts mehr lesen wollte. Oder dann womöglich höchstens noch einen schnell zugesteckten Zettel, auf dem sich eine Beschreibung des Fluchtwegs findet.

10. Was lesen Sie zurzeit?

Shakespeare vor der Arbeit, Simenon danach (auch weil ich zur Zeit, wo ich das aufschreibe, gerade in Belgien bin).

11. Wo lesen Sie am liebsten?

Ein »Wo« gibt es da fast nicht. Es ist eher ein »Wann«: Wenn ich selber gut gearbeitet habe. Oder vielleicht doch: Im Zug, unterwegs zu einem Ziel, auf das ich mich freue, und es ist noch viele Stunden weit weg.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Da braucht es nicht viel … Ich habe das Bild vor Augen, wie ich als Kind zu Hause sitze und lese und meine Brüder und Cousins ins Wohnzimmer stürmen und mich fragen, ob ich mit zum Fußballspielen komme. Ich bin nicht immer mitgegangen, aber meistens, und ich würde auch heute sofort wieder mitgehen.

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