Wolfgang Brenner

Autor von: Elke versteht das

Wolfgang Brenner: Elke versteht das

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Ich schreibe wie ein Angestellter arbeitet: in der ersten Schicht von morgens acht bis mittags. Wobei der Vormittag auch vom Lesen wichtiger Quellen (Zeitungen, Briefe, Rechnungen) bestimmt ist. Dann mache ich eine Pause, in der ich esse und ein wenig schlafe,  und arbeite ab 14 Uhr weiter, mit Unterbrechungen (Einkaufen, Kinder abholen, Sport) bis abends, manchmal sogar mit open end, aber nur wenn ich in Stimmung bin.
Ich schreibe am Computer, Notizen mache ich mir von Hand (meistens in der Küche, da steht kein Computer). Ich habe auch kein Schreib-Pensum. An manchen Tagen schreibe ich kein Wort – das sind oft die produktivsten.
Termindruck gibt es bei mir nicht; der würde mir sicher auch nicht guttun. Einen gesunden Erwartungsdruck durch Verlage, die i r g e n d w a n n (wann ist egal) i r g e n d w a s Schriftliches von mir lesen würden, weiß ich durchaus zu schätzen.  

2. Haben Sie beim Schreiben feste Rituale?

Ich lese schon vor dem Frühstück – sozusagen als Einstimmung und als Alibi (damit ich mir beim Frühstück sagen kann, ich hätte schon gearbeitet). Ansonsten trinke ich gerne um 18 Uhr (nicht früher!) ein Glas Wein.
Leider habe ich die Angewohnheit, aufzuspringen und zum Kühlschrank zu rennen, wenn es mal beim Schreiben stockt. Meinen Texten merkt man das nicht an. Aber meinem Gewicht.

3. Schreiben Sie von Hand?

Ich schreibe viel auf Zettel, meistens auf benutzte Briefumschläge. Die fliegen dann in meiner Wohnung herum. Auf diesen Zetteln stehen immens wichtige Dinge – die ich aber schon nach wenigen Tagen wegen meiner schlechten Handschrift selbst nicht mehr lesen kann. Ich schreibe sogar Liebesbriefe auf dem Computer. Wahrscheinlich gingen deshalb viele meine Beziehungen schon nach kurzer Zeit in die Brüche.

4. Was wollten Sie als Kind werden?

Zuerst Förster. Dann wurde in der Nähe des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, ein Förster von einem Wilddieb erschossen. Daraufhin hat sich mein Berufswunsch geändert: Da ich aus Angst vor Wilddieben viel zu Hause war und unterm Tisch lag, wo ich alte Schulhefte meiner Mutter vollkritzelte, wollte ich unbedingt Schriftsteller werden.

 5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?   

Ich habe u.a. Philosophie studiert. Da das ein sehr ausuferndes Studium sein kann, war ich schon Vater, als ich meinen Abschluss machte. Dadurch hat sich die gängige Perspektive eines Absolventen der Philosophie, nämlich die Arbeitslosigkeit, für mich erübrigt. Ich hatte nichts Praktisches gelernt außer dem Schreiben, folglich ging ich dahin, wo man dafür Geld bekommt: zur Zeitung. Ich wurde erst Theater-, dann Filmkritiker. Mit der Zeit ödete es mich an, immer nur über die Werke anderer Leute zu schreiben. Also verfasste ich selbst ein Theaterstück, mit dem ich einen Preis gewann. Es wurde nie aufgeführt – aber ich war Schriftsteller, und das war gut so.

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Viele Autoren, viele Bücher. Und es kommen immer wieder neue dazu. In meiner Jugend habe ich alles von Joseph Roth gelesen – er wurde auch zu meinem Examensthema in Literaturwissenschaft. Ich bewunderte die Präzision und die Ruhe, mit der er das Leid so beschreibt, dass es vertraut wirkt und der Leser, wenn er das Buch schließt, um vieles weiß, aber versöhnt entlassen wird. Das ist der einzige Fatalismus, den ich ertragen kann.

 7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?  

Es gibt viele Autoren, die nie das Publikum gefunden haben, das sie verdient hätten (und umso mehr Autoren, die ein Publikum haben, das sie nicht verdient haben). Der Literaturbetrieb ist ungerecht und launisch – egal was die Kritiker behaupten. Wenn ich – meist durch Zufall – auf einen vergessenen oder verkannten Autor stoße, der mir gefällt, habe ich das Gefühl, als erster Mensch eine Insel zu betreten. Ein ähnlich beglückendes Gefühl befällt mich aber auch, wenn ich ein gutes Buch entdecke, das nur für mich neu ist, während die meisten anderes es schon abgefeiert haben. Dann lerne ich wieder, dass ich etwas gegen meine Ignoranz tun muss.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

 James Ellroys ›Die schwarze Dahlie‹, ein Buch, das ich lange verabscheut habe, weil es mir zu gewaltversessen war. Nun habe ich meine Abscheu überwunden und zumindest erfahren, dass es Ellroy trotz seiner Hartleibigkeit um die Tiefenerkundung des Daseins geht – und dass er ungewöhnlich gut schreiben kann.

 9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?   

Leider bleibt viel auf der Strecke, weil ein Autor schreiben muss und nicht unentwegt lesen kann. Bei mir gibt es riesige weiße Flecken auf der literarischen Landkarte. Der größte ist die Lyrik, der ich mir nur punktuell nähere. Da ich viel an klassischem Mustern lerne, entgeht mir die jüngste Literatur, was ich bedauere. 

10. Was lesen Sie zurzeit?

 Ich lese immer vieles gleichzeitig. Viel Neues, aber auch Bücher zum zweiten Mal. Allerdings handelt es sich meistens um Sachbücher, ich bin ein großer Faktenfresser und muss Unmengen Material in mich hineinstopfen, bis etwas Eigenes dabei herauskommt. Zurzeit lese ich mit Enthusiasmus und Demut Orlando Figes ›Die Flüsterer‹. Und Simenons ›Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien‹, Camilleris unterschätzter Caravaggio-Roman ›Die Farbe der Sonne‹ und wieder einmal Golo Manns ›Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts‹. Leider auch ›Jesus liebt mich‹ von David Safier, das ich aus beruflicher Neugier gekauft habe, mit Interesse und Freude an der originellen Idee begonnen, dann aber enttäuscht zur Seite gelegt habe.  

 11. Wo lesen Sie am liebsten?

 Im Bett. In der Küche beim Frühstück und nach dem Abendessen (natürlich nur wenn ich allein bin). Im Park, nach einem langen Spaziergang.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Bücher sind das Wichtigste in meinem Leben – neben den Menschen, die ich liebe. Aber das sind zwei Seinsweisen, die sich nicht ausschließen und sich bisweilen sogar gegenseitig befruchten. Ich wäre bereit, ein gutes Buch beiseite zu legen, um mit einem klugen und sensiblen Menschen darüber zu reden.

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