Schreiben & Lesen

Heute: Dörthe Binkert

Dörthe Binkert

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Ich versuche einen sehr regelmäßigen Schreiballtag einzuhalten – wenn ich einmal soweit bin, dass ich an die erste Fassung gehe. Jedem Buch geht eine Recherchephase von mindestens einem halben Jahr (meist aber wesentlich länger) voraus, die weniger strukturiert ist. Da lese ich mich ein in die Zeit, in der die Handlung des Romans spielen soll, ich höre Musik aus dieser Zeit, schaue mir Fotos, Gemälde und Filme aus der Zeit oder über die Zeit an, mache handschriftliche Notizen zu den Personen und der geplanten Handlung in ein großes Notizbuch, das ich fast immer mit mir herumschleppe. Wenn ich es nicht dabei habe, kritzele ich Gedanken und Einfälle auf Kassenzettel, Papierservietten, Zeitungsränder und

 

Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens, dtv premium

übertrage sie dann in das Notizbuch.
Das eigentliche Schreiben geschieht am Computer. Ich fange gleich nach dem Frühstück an und arbeite – mit einer kurzen Mittagspause – durch bis ca. 3 oder 4 Uhr am Nachmittag. Danach bin ich meistens müde, ich merke ziemlich gut, wenn der Zeitpunkt kommt, an dem ich sagen muss: Jetzt gelingt mir kein Satz mehr.
Wenn ich eine Seite pro Tag schaffe, sage ich mir, es ist okay, zwei Seiten sind prima, dann darf ich in die Stadt, Kaffee trinken gehen zum Beispiel, und wenn es mehr Seiten sind, bin ich sehr zufrieden – da brauche ich dann nicht einmal eine Belohnung.
Ich korrigiere schon fortlaufend während des Schreibens, indem ich immer wieder laut vorlese und ändere. Am liebsten ist es mir, wenn ich pro Tag eine Szene zum Abschluss bringen kann. Dann drucke ich das Tagwerk aus (ich traue dem Computer und auch der zweiten Festplatte nur begrenzt).

2. Haben Sie feste Rituale beim Schreiben?

Wie man sieht, ist das Ganze schon ziemlich ritualisiert. Ich rauche nicht, aber ich brauche Kaffee oder nachmittags Tee auf dem Schreibtisch. Bevor ich mit dem Schreiben der ersten Fassung anfange, putze ich die Wohnung und räume auf. Das tue ich auch, wenn ich nicht in die Gänge komme. Am besten wirkt aber ein Waldspaziergang. Beim Gehen fällt mir dann meist der erste Satz für die neue Szene, das neue Kapitel ein. Oder überhaupt der erste Satz.
Es ist auch ein Ritual, dass ich abends im Bett noch mal durchlese, was ich an diesem Tag geschrieben habe. Da mache ich noch einmal Korrekturen. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, lese ich den Text vom Vortag noch einmal und übertrage gleich die Korrekturen, die ich noch gemacht habe, in den Computer. Dann bin ich drin und kann gleich weitermachen.

3. Was wollten Sie als Kind werden?

Ich wollte Philosoph werden – in einem Garten sitzen und konzentriert über die Welt nachdenken. Später gab es eine Phase, da wollte ich Biologie und noch später Physik (Astronomie) studieren, aber ich war zu schlecht in Mathematik, obwohl mich das Fach faszinierte.

4. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Mein damaliger Freund Ben Witter sagte zu mir: „Jetzt fummelst du mal nicht immer nur in fremden Texten herum (ich war Lektorin), sondern schreibst selbst ein Buch.“
Das tat ich dann, und er war ein wunderbarer und kritischer Gegenleser.

5. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Das kann ich so nicht sagen, aber es gibt ein paar Meilensteine auf dem Leseweg in der Jugend: Stendhal „Rot und Schwarz“, Dostojewski „Der Idiot“, Tolstoi „Anna Karenina“, der Erzählreichtum Balzacs. Später wurden dann Goethes „Wahlverwandtschaften“ zu einem bewunderten Lieblingsbuch und Joseph Roth ist einer meiner Lieblingsschriftsteller. Aber ein einziges prägendes Buch gibt es wohl nicht.

6. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Der großartige Wolfgang Koeppen sollte wiederentdeckt und wieder mehr gelesen werden.

7. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

„Der Fliegenpalast“ von Walter Kappacher und Wilhelm Genazino, „Die Liebesblödigkeit“.

8. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Die antiken griechischen Tragödien, immer wieder Flaubert … das Meer der Literatur ist unerschöpflich, Gottseidank und leider …

9. Was lesen Sie zurzeit?

Mit großem Vergnügen Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“.

10. Wo lesen Sie am liebsten?

Im Bett. Und beim Zugfahren.

11. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für die verschiedensten sinnlichen Genüsse, angefangen bei Spaghetti con aglio, olio e peperoncino.

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