Jussi Adler-Olsen

Autor von: Der Sonderdezernat Q-Reihe

Jussi Adler-Olsen
1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus? 

Mein Schreibprozess ist ziemlich speziell. Ich schreibe mit dem besten Textverarbeitungssystem, das es gibt, WordPerfect 5.1 (Blauer Bildschirm, weißer Text in Courier). Das gibt mir das Gefühl, es noch nicht mit einem fertigen Entwurf zu tun zu haben. Dann kommt die erste Bearbeitung. Ich drucke den Text aus und bearbeite ihn ein zweites Mal. Dann konvertiere ich ihn in Word und überarbeite ihn ein drittes Mal. Wieder ausdrucken und redigieren (das ist dann die vierte Redaktion). Anschließend mache ich aus der Word- eine pdf-Datei und überarbeite den Text ein fünftes Mal. Danach drucke ich ihn noch einmal aus und überarbeite ihn ein sechstes Mal.
Jussi Adler-Olsen: Erbarmen, dtv premium
Und dann gehe ich ihn mit meiner Lektorin durch. Das gibt mir die Möglichkeit, den Text in sieben verschiedenen Fassungen und Formen zu betrachten und dabei noch einmal auf Satzlängen, Lesegeschwindigkeit und Rhythmus im Ganzen zu achten. Neben meinem Schreibcomputer steht auf der einen Seite des Schreibtischs ein Mini-Computer mit meiner Zusammenfassung und Rechercheergebnissen, auf der anderen ein Computer mit Internet-Zugang.

Ich schreibe immer, wenn mir danach ist. Üblicherweise zwischen 10 und 14 Uhr, wenn die Zeit drängt, auch den ganzen Tag. Einmal musste ich am Stück zehn Tage lang von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachts durchschreiben, furchtbar. Danach war ich total erschöpft.

 

Jussi Adler-Olsen: Schändung, dtv premium

Ich weiß natürlich sehr genau, wie viele Schreibtage mir jeweils noch bis zur Deadline zur Verfügung stehen. Der Rest ist Mathematik. Normalerweise schreibe ich 4-5 Manuskriptseiten täglich.

2. Haben Sie dabei feste Rituale?

Zuerst setze ich den Hut meines verstorbenen Vaters auf, darunter ein Headphone mit erstklassiger Musik. Schreiben, ohne dabei Musik zu hören, ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Ein guter Ratschlag: Hab nie Tee oder Kaffee auf dem Schreibtisch stehen – das lässt dich nur ständig zur Toilette wandern und die Konzentration ist dahin. Konzentrier dich und schreib. Das ist alles. Und warte nicht auf irgendeine Inspiration, die sich über dich herabsenkt. Benutz lieber deine Verstand.

3. Schreiben Sie von Hand?

Das kommt schon mal vor. Notizen und Unterschriften. Aber meine Schrift ist so entsetzlich, dass ich hinterher immer meine Frau bitten muss, mir zu übersetzen, was ich da eigentlich geschrieben habe. 

4. Was wollten Sie als Kind werden?

Meine Güte, was wollte ich nicht alles werden! Aber ernsthaft: ich bin davon ausgegangen, entweder ein virtuoser Klavierspieler zu werden, Arzt – oder Erfinder einer Maschine, die die Menschheit vor allem Bösen bewahrt.

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Das war wohl eine Mischung aus brachliegender Fantasie und dem Drängeln meiner Umgebung: Lehrer, mein Vater, Kollegen in der Verlagsbranche. Ich wusste immer, dass das für mich eine Option sein könnte, wann immer mir danach ist.

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Ein einziges Buch, ›Filmkunst‹ des dänischen Autors Niels Jensen, hat meine Sicht darauf verändert, wie Bilder im Kopf von Kinobesuchern und Lesern geschaffen werden. Dieses eine Buch ist ständig in meinem Kopf präsent. Na ja, und dann sind da natürlich die Romane von John Steinbeck und Charles Dickens. Mein Gott, was für eine Mischung aus erstklassigem Stil, Humor, Mitgefühl und dem tiefen Verständnis menschlichen Zusammenlebens.

7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Die dänische Autorin Mathilde Walter Clark. Nobelpreisfähig! Sie ist die originellste und scharfsinnigste Metaphernschöpferin und fähig, kleinste Details zu beschreiben, die eigentlich nicht zu beschreiben sind.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
 
Natürlich ›Sans famille‹ von Hector Malot. Warum fragen Sie?
 
9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

›Atemschaukel‹ von Hertha Müller. Ich muss einfach wissen, was sie zu einer Nobelpreisträgerin macht.

10. Was lesen Sie zurzeit?
 
Hanif Kureishi ›The Buddha of Surbubia‹

11. Was lesen Sie am liebsten?

Steinbeck und Dickens habe ich ja schon genannt. Aber auch die Dänen Hans Schwerfig und Gustav Wied sowie so lustige britische Vertreter wie Nick Hornby oder Peter Bichsel und Jerzy Kosinsky machen mich richtig glücklich. Und ganz ehrlich? Manchmal schmökere ich auch in meinen eigenen Romanen herum. Ach ja, dann liebe ich natürlich die frühen Sachen von John Irving.

12. Wann legen Sie ein Buch beiseite?

Ich hasse Autoren, die ihre Leser nicht ernstnehmen. Miese Sprache, Standard-Handlungen und Mainstream-Gedanken lassen mich sofort aussteigen. Das alles macht es einem Autor nicht leicht, mich als Leser zu überzeugen. 

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