Zu Besuch bei … Ursula Fricker

Interview mit der Autorin von ›Lügen von gestern und heute‹

jetz

Wider die Gleichgültigkeit! In ihrem Roman ›Lügen von gestern und heute‹ erzählt Ursula Fricker eindrücklich über die Sehnsucht nach dem Guten und Richtigen, über drei Menschen, die sich selbst behaupten müssen und staunend erkennen, wer sie eigentlich sind. Im Interview spricht die Autorin über ihren Schreiballtag und Bücher, die sie umtreiben.

1.    Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich stehe meist ziemlich früh auf, mit den Hühnern sozusagen oder dann, wenn die Sonne aufgeht (was im Hochsommer oder im Tiefwinter sich jeweils etwas nach vorne oder hinten verschiebt. Ich mag einfach gerne den Tag anbrechen sehen. Als allererstes mache ich mir einen Kaffee und setze mich an den Schreibtisch, um ein festgelegtes Spektrum an Zeitungen online zu lesen. Damit beantwortet sich auch gleich die Frage, ob ich am Computer schreibe: ja. Allerdings mache ich handschriftlich Notizen. Nach dem Kaffee gehe ich kurz mit dem Hund raus, bevor ich zu arbeiten beginne. Am besten arbeite ich zu Hause, umgeben von meinen Dingen, den Büchern, im Blick den Blick, den ich gewohnt bin zu sehen. Ein tägliches Schreibpensum habe ich nicht, wenn es gut läuft, verbringe ich den ganzen Tag am Schreibtisch, wenn nicht, gehe ich auf und ab und trinke viel Kaffee.

2.    Haben Sie dabei feste Rituale?
Nein, eigentlich nicht, höchstens die Abfolge der morgendlichen Notwendigkeiten, wie Kaffee, Hund, Ofen heizen im Winter und ja, vielleicht sind die Zeitungen so etwas wie ein Ritual.

3.    Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand
Ja, ich habe ein Notizbuch oder Skizzenbuch. Ich notiere darin die Dinge zu einem Text, die mir dann einfallen, wenn ich nicht an den Text denke. Aber auch Flugzeiten, Rezepte, Termine.

4.    Was wollten Sie als Kind werden?
Erst Lehrerin, dann Jockey. Ich habe als Jugendliche mehrere Sommer in Newmarket in einem Trainingsstall gearbeitet; bin das Training mitgeritten, habe Ställe gemistet und bin manchmal auch zu den Rennen mitgefahren. Jockey wollte ich noch lange werden und bin es vielleicht nur deswegen nicht geworden, weil mein Rücken nicht ganz fehlerfrei ist. Und weil Frauen damals noch gar nicht Berufsreiter werden konnten, ich hätte also ohnehin im Amateurbereich bleiben müssen.

5.    Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Schleichend sozusagen. Ich habe mich früh schon von Literatur faszinieren lassen. Ich glaube, ich habe den Kinderalltag überhaupt nur ertragen, weil ich in der Lektüre verschwinden konnte. Wie selbstverständlich habe ich begonnen, Notizen zu machen, Tagebuch zu schreiben und gelegentlich habe ich auch eine Geschichte probiert. Einmal habe ich eine dieser Geschichten an den damals noch SWF geschickt zu einem Wettbewerb namens ›Der Oberrheinische Rollwagen‹. Dort habe ich zwar keinen Preis gewonnen, aber mein Text wurde von einem Schauspieler eingesprochen und im Radio gesendet. Das war eine erste kleine Anerkennung, die mich wohl auf die Idee gebracht hat, eine längere Veröffentlichung sei nicht ganz so abwegig. Aber insgesamt war ich eher ein »Spätzünder« ; ich komme ja aus einem klassischen Arbeiterelternhaus, in dem ein Beruf wie Schriftsteller als Beruf nicht wirklich vorstellbar war. Das musste sich erst entwickeln.

6.    Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Am nachhaltigsten in jener frühen Zeit vielleicht Böll, ›Ansichten eines Clowns‹ und Robert Walser. Und dann die Ostautoren, Irmtraud Morgner, Christa Wolf. Und die Schweizer, Dürrenmatt, ›Der Verdacht‹, ›Die Physiker‹ und Frisch auch, Stiller, Gantenbein, Montauk.

7.    Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?(Warum?)
Ferenc Barnas, ein ungarischer Kollege und seine ernsthaften staunenswerten Geschichten.

8.    Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Ist zwar nicht mehr ganz jüngst, aber eines der unbestritten wichtigsten Bücher der letzten Jahre für mich war ›Stoner‹ von John Williams. Weil er aus nichts alles macht.

9.    Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
›Krähengekrächz‹ von Monika Maron (nur schon wegen des Titels…), ›Ohrfeige‹ von Abbas Khider, Boualem Sansal, ›2084‹ und …

10.  Was lesen Sie zurzeit?
Marie Ebner Eschenbach ›Unsühnbar‹.

11.   Wo lesen Sie am liebsten?
Auf meinem Sofa oder im Bett.

›Lügen von gestern und heute‹ ist als Hardcover und als eBook erhältlich:

Ursula Fricker
Lügen von gestern und heute
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Lügen von gestern und heute

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