Zu Besuch bei … Alex Rühle

Tagsüber Zeitungsredakteur, nachts Kinderbuchautor: Warum es sich lohnt, gerade nachts zu schreiben, ob einen Bücher wirklich fürs Leben prägen können und wo sich ungelesene Bücher gerne sammeln, erfahren Sie hier: Herzlich willkommen in der Schreibwerkstatt von Alex Rühle!

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich hab ja einen doppelten Schreiballtag. Schließlich bin ich seit 18 Jahren Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, da schreib ich also tagsüber auch viel. Aber die Kinderbücher, die schreib ich nachts. In der dunklen Küche. Oder sagen wir in der Morgendämmerung – ich wach einfach sehr oft sehr früh auf und ich mach immer wieder die Erfahrung, dass die Hirnregionen zu dem Zeitpunkt noch anders verschaltet sind. Dass mir andere Ideen kommen als tagsüber, wildere, seltsame. Einerseits, als hätte mir jemand Sprudel in den Kopf geschüttet, andererseits als würd ich durch eine Art Dschungel irren.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Ich mach mir eigentlich immer eine kleine Espressokanne. Dieses blubbernde Geräusch im Dunkeln, das liebe ich. 

Was wollten Sie als Kind werden?
Eigentlich nix. Weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass ich mal groß werde. Die Erwachsenen waren doch eher langweilig. Was sitzen die denn da immer am Tisch und reden miteinander? Ich wollte einfach immer weiterspielen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Zu den Kinderbüchern bin ich übers Erzählen gekommen. Ich musste unseren Kindern jeden Abend eine Geschichte erzählen. Die waren da ziemlich anspruchsvoll. Jetzt sind die beiden groß, 15 und 17, da kann ich die Geschichten einfach für mich weiterspinnen, ganz allmählich und erstaunt dabei zuschauen, wo sie sich hinentwickeln.

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt? 
Puh, nachhaltig geprägt … Also die Geburt meiner Kinder hat mich nachhaltig geprägt. Oder die plötzliche Epilepsieerkrankung mit Anfang 20 (von der ich glücklicherweise wieder geheilt bin). Aber ein Buch oder Autor? Ich les sehr viel und jeden Tag, aber soweit würd ich nicht gehen, dass ein Autor mein Leben … ah Moment: Während des Abiturs, da hab ich Albert Schweitzer gelesen, diesen protestantischen Organisten, Pfarrer und ›Missionar‹, wie das damals hieß. Ich bildete mir danach ein, ich müsste Afrika retten und hab angefangen Theologie zu studieren und einen Verein gegründet, der in Malawi Grundschulen baut. Das Theologiestudium hab ich schleunigst wieder abgebrochen. Den Verein ›Chancen durch Bildung‹ aber gibt’s noch, (längst ohne mich), die bauen immer noch Schulen. Also hat Albert Schweitzer am Ende nicht mein, aber vielleicht ja das Leben des einen oder anderen malawischen Kindes oder Jugendlichen verändert.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Oh, da fallen mir mehrere ein. Manja Präkels‘ ›Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß‹ fand ich sehr beeindruckend. Und wo jetzt 30 Jahre Wende und Wiedervereinigung gefeiert werden und alle sich zu Recht so vor der AfD fürchten, würd ich dieses Buch über die extreme rechte Gewalt, die sich nach 89 in den ländlichen Gebieten des Ostens wie ein Flächenbrand ausbreitete, über Schweigen und Tabus und die unverarbeitete Vergangenheit, sehr empfehlen. 

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Haruki Murakamis ›Die Ermordung des Commendatore‹, Virginie Despentes ›Subutex-Trilogie‹, Philippe Lançon ›Der Fetzen‹ und Ines Geipels ›Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass‹. 

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
All die Stapel neben meinem Bett, auf meinem Schreibtisch … oh je! … sogar neben meinem Sessel im Flur ist schon wieder einer gewachsen. 

Was lesen Sie zurzeit?
Für mein neues Kinderbuch hab ich wieder Murakami gelesen. Die Auflösungen seiner Bücher find ich eigentlich immer enttäuschend, aber er kann so eine schöne Stimmung aus Suspense und Traumwelten erzeugen. Vom ›Commendatore‹ hab ich einfach nur den ersten Band gelesen. Da ist alles noch rätselhaft, spannend und bizarr. Ich belass es dabei, weil ich von der Auflösung sicher wieder enttäuscht wäre. Ansonsten einen dicken Wälzer über den 30-jährigen Krieg, weil ich richtig durstig bin nach Geschichte. Und eigentlich jeden Abend ein zwei Morgenstern- oder Ringelnatzgedichte. Weil das die Synapsen so schön lockert. 

Wo lesen Sie am liebsten?
Auf meinem kleinen Sessel, im Flur, inmitten der Bücherschränke.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Momentan für die Serie ›This is us‹, die die Geschichte einer amerikanischen Familie erzählt, und ich muss unbedingt wissen, wie das ausgeht und ob der Vater stirbt und ob die beiden sich vorher noch aussprechen können und wie die Mutter reagiert, und und und.

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