Zu Besuch bei … Christopher Kloeble

»Genau die richtige Dosis«

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Mit ›Die unsterbliche Familie Salz‹ erschien in diesem Jahr der vierte Roman von Christopher Kloeble bei dtv. Feinsinnig seziert er darin die Geschichte der zerrütteten Familie Salz, in deren Zentrum das prächtige Hotel Fürstenhof steht. Im Interview spricht Kloeble über richtige Dosierungen im Arbeitsalltag und erzählt anhand einer ganz besonderen Geschichte, wie er zum Schreiben gekommen ist.

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Am liebsten falle ich aus dem Schlaf ins Schreiben. Ich stehe nicht auf, wasche mich nicht, frühstücke nicht, greife einfach nach dem Laptop und schreibe im Bett. Überhaupt schreibe ich vorzugsweise im Liegen. Da denkt es sich besser. Ich kann nur morgens schreiben. Wenn der Tag erst einmal loslegt, hält er mich zu sehr vom Schreiben ab.

Mein Arbeitsplatz
Mein Arbeitsplatz

2. Haben Sie dabei feste Rituale?
Nein. Allerdings habe ich mir schon öfter gedacht, wie hilfreich ein Glas Whiskey sein kann. Es ist genau die richtige Dosis, um zu entspannen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Man dürfte halt nach dem einen Glas nicht weitertrinken. Aber wahrscheinlich wäre es zu leicht, zwischen dem einen Glas Whiskey morgens und dem einen Glas Whiskey abends sich noch ein Glas Whiskey mittags zu genehmigen. Und irgendwann wüsste ich dann nicht mehr, ob das Glas Whiskey, das ich gerade trinke, das erste von heute oder das letzte von gestern ist.

3. Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Gelegentlich notiere ich mir etwas, wenn ich es keinesfalls vergessen möchte. Meist ein Detail. Aber sonst halte ich wenig von Notizen. Ich glaube daran, das ich mich an alles, was von Bedeutung ist, erinnern werde. Der Rest ist nur Ballast, den ich gerne vergesse.

4. Was wollten Sie als Kind werden?
Ganz früh: Schauspieler ohne Zuschauer. (Wenn Leute einem bei der Arbeit zugucken, wäre das ja peinlich.) Gleich danach: Autor.

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Eine kurze Geschichte darüber: Im Kindergartenalter beobachtete ich einmal, wie meine Mutter sich während eines Telefonats Notizen machte. Schon oft hatte ich sie schreiben gesehen. Doch dieses Mal war anders. Ich beneidete sie, ich wollte das auch tun: Einen Stift ansetzten, ihn schnell auf dem Papier bewegen und etwas malen, das aussah wie ein Bild, aber kein Bild war. In den Wochen darauf kritzelte ich seitenweise Papier voll, ich malte ineinander verschlungene Zeichen, deren Bedeutung sich niemandem erschloss. Auch mir nicht. Aber es fühlte sich an wie Schreiben. Es fühlte sich gut an.
In der Grundschule, als ich schon ein wenig lesen und schreiben konnte, fand ich mein Glück auf Listen. Bücher mochte ich nicht. Für Literatur mangelte es mir an Konzentration, selten hielt ich bis zum Ende einer Geschichte durch. Ich bevorzugte Comics. Meine Eltern unterstützten dieses Hobby, in der Hoffnung, ich würde früher oder später das Interesse daran verlieren und aus freien Stücken zum Buch greifen. Außerdem: Zumindest las ich Sprechblasen. Diese Comics waren das erste, was ich auflistete. Meine einzige »Schreibarbeit« neben der Schule. Ein zutiefst befriedigendes Gefühl. Dass ich schrieb, war wichtig – was nur Nebensache. Bald listete ich auch andere Dinge auf. Alles wurde minutiös festgehalten: »Sammelalbume«, »TU WAS im… Hefte«, »Commodore Games«, »Kleingram« (darunter »29 Minitaucher«, »1 Wasserhalsband«, »6 mini bevörderungs Mittel«, »3 Batmankarten«). Zu guter Letzt entwarf ich einen nicht ganz maßstabsgetreuen Grundriss meines Zimmers und markierte mit Pfeilen, wo sich was befand, welche Poster an den Wänden hingen, und nicht zuletzt: Wo die Listen waren, in denen all das aufgelistet war.

408Nachdem ich meinen gesamten Besitz archiviert hatte, suchte ich nach einer neuen Aufgabe. Ich machte mich daran, meine Klassenkameraden einzuteilen. Mädchen und Jungen trennte ich strikt voneinander. Links stand der Name, als nächstes die Note für »Nettigkeit«, dann die Note in »Bössigkeit« und schließlich die Gesamtnote, die von »Supergut« (1) über »Geht so« (3) bis zu »Bäh, schlimm« (6) reichte. Manche der Noten waren übermalt. Dahinter stand meist eine freundlichere Note als jene, die man sehen konnte, wenn man das Blatt gegen das Licht hielt. Das kam daher, dass gelegentlich Klassenkameraden, vor allem Klassenkameradinnen, mit ihrer Note nicht einverstanden waren und mich drängten, ihnen eine bessere zu geben. Auf die Bitten der meisten Mädchen, bettelten sie lange genug, ging ich ein. Außerdem listete ich die Telefonnummern der Klassenkameraden auf und verlangte von ihnen, ihre Unterschrift zu hinterlassen. Womit die wenigsten einverstanden waren. Um sie zu überzeugen, schrieb ich auf den unteren Rand der Seite: Jeder der richtig unterschreibt kriegt irgendwann etwas, wer aber falsch oder nicht unterschreibt kriegt nichts.

Und immer noch erfüllte es mich zu schreiben. Hauptsache Schreiben. Ich entwarf meine eigene Zeitschrift. Die erste Ausgabe trug den Titel »die SPINNENDEN«. Darüber groß: HIER IST ALLES SUPBERB. Aber wieder lockte mich nur der Akt des Schreibens. Den Inhalt klaute ich mir zusammen. Ein parodistischer Text aus dem MAD-Magazin, Witze und Rätsel aus den Mickey Maus Heften, Komplettlösungen für Zelda aus dem Nintendo Club Magazin. Ich kopierte die selbstgebastelten Seiten im Büro meines Vaters und verkaufte sie in der Schule für stolze fünf Mark. Jedes Heft im Supermarkt war für die Hälfte zu haben. Meine Schulkameraden störte das nicht. Motiviert durch die unerwartete Nachfrage, produzierte ich weitere Ausgaben. So machte ich weiter. Ich schrieb, um zu schreiben. Im Deutschunterricht auf dem Gymnasium lautete die Aufgabenstellung der ersten Erlebniserzählung: Du befindest dich allein zu Hause, als du plötzlich ein Geräusch von unten hörst. Du weißt, deine Eltern können es nicht sein – was machst du? Schreibe eine Erlebniserzählung, in der du das Haus nicht verlassen darfst.

Ich zögerte nicht lange, schrieb munter drauf los. Die Worte hetzten einander übers Blatt. Als müsste die Geschichte so und nicht anders erzählt werden. Dass mein Protagonist bei dem Versuch, eine Telefonzelle zu erreichen, aus dem Haus lief, war in meinen Augen ein zulässiger Verstoß gegen die Aufgabenstellung. Prompt las der Lehrer meine Geschichte vor, ehe er die korrigierte Schulaufgabe herausgab. Ich war stolz. Denn dafür wählte er stets gelungene Texte aus. Dann aber überreichte er mir das Blatt mit der rot leuchtenden Fünf. Es tat ihm leid, meinte er, das sei eine spannende Geschichte, aber ich hätte das Haus eben nicht verlassen dürfen. Ich schrieb trotzdem weiter. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Weil ich gar nicht anders konnte. Weil ich muss.

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Die ersten Bücher, die ich gelesen habe, waren von Stephen King. Die ersten Texte, die ich geschrieben habe, lasen sich wie Stephen King-Bücher. Vor kurzem musste ich eine beträchtliche Anzahl seiner Bücher weggeben. Meine Frau und ich haben unsere Büchersammlung in einem neuen Regal zusammengeführt. (Ein größerer Beziehungsschritt als die Eheschließung.) Sie war der Auffassung, mehr als zwei Fächer Stephen King seien nicht drin. Ich habe mich gefügt.

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Die Autorin, die noch entdeckt werden sollte, und ihr Mann.

7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Mohammed Hanif aus Pakistan. Besonders ›A Case of Exploding Mangoes‹. Skurril, komisch, mutig und erhellend.
Aber auch: Saskya Jain aus Indien. ›Fire Under Ash‹. Eine berückende Geschichte über die brutalen und aufregenden Verwerfungen der indischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert.
Denken Sie jetzt nicht, ich empfehle Saskya, weil sie meine Frau ist. Ihr Schreiben beeindruckte mich bereits, als wir uns kaum kannten. Tatsächlich wären wir ohne ihr kraftvolles Schreiben nicht zusammen gekommen.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
›Little Failure‹ (›Kleiner Versager‹) von Gary Shteyngart. Eigentlich lese ich selten Memoiren. Aber diese Lebensschilderung voller Energie hat mich umgehauen. So viel erschütternde, unterhaltsame Ehrlichkeit.

9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Ulysses. Dann aber komplett. Und nicht nur so weit, wie der Deutschlehrer verlangte.

10. Was lesen Sie zurzeit?
›Empire of Cotton‹ von Sven Beckert, ein Sachbuch über Baumwolle und darüber, wie mit ihr Weltgeschichte gesponnen wurde.

11. Wo lesen Sie am liebsten?
Da, wo ich am liebsten schreibe: In der Horizontalen.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Golgappas. Laufen entlang einer unbekannten Strecke. Zeit mit meiner Familie. Ein Glas Whiskey.

 

Alle bei dtv erschienenen Bücher von Christopher Kloeble im Überblick

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Die unsterbliche Familie Salz
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