Zu Besuch bei … Dörthe Binkert

»Eine Seite pro Tag, ist es okay, zwei Seiten sind gut, alles darüber sehr gut« dazu eine Blume auf den Tisch, etwas Packpapier als Pinnwand und schon fließen die Worte: Dörthe Binkert im Gespräch zum Thema Schreiben und Lesen. 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Mein Schreiballtag beginnt möglichst gleich am Morgen. Am liebsten ist es mir, wenn ich von etwa halb neun, neun bis ungefähr 15 Uhr am Schreibtisch sitzen kann. Ich arbeite am Computer, aber ein bestimmtes Pensum – zum Beispiel eine bestimmte Seitenzahl – nehme ich mir nicht vor – gelingt eine Seite pro Tag, ist es okay, zwei Seiten sind gut, alles darüber sehr gut. Oft klappt es, dass ich eine Szene hinbekomme, die in sich relativ abgeschlossen ist. Dann bin ich zufrieden und höre für diesen Tag auf.
Nach Möglichkeit arbeite ich auch am Wochenende, um in Fluss zu bleiben.
Am folgenden Morgen redigiere ich das am Vortag Geschriebene – dadurch komme ich wieder in den Text hinein.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Ja, erst höre ich im Bett Nachrichten, dann lese ich im Bett auf dem Handy das Wichtigste in der Zeitung und trinke Kaffee dazu. Das muss sein. Und die Wohnung muss einigermaßen ordentlich sein, sonst lenkt mich der Gedanke ab, dass das Bett noch nicht gemacht ist und ähnlicher Kram. Ich habe gern eine Blume auf dem Schreibtisch, im Sommer ein, zwei Rosen von meinem Balkongarten.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.? Mit beidem. Zu Beginn eines Projekts sammle ich Gedanken, Sätze, einzelne Formulierungen in einem Notizheft. So entstehen auch die ersten Skizzen zu den Figuren, zu deren Charakter, zur Handlung, zur möglichen Gliederung des Stoffes. In diesem Heft sammle ich auch Angaben zu Büchern, die ich zur Recherche brauche und lesen will.
Bei einem großangelegten Projekt wie ›Vergiss kein einziges Wort‹ brauche ich eine Pinnwand, einfach aus Packpapier. Darauf zeichne ich alle Figuren mit ihrem Stammbaum ein, ihren Geburtsdaten, Familienverhältnissen, Wohnorten usw. Sonst verliert man irgendwann den Überblick!

Was wollten Sie als Kind werden? Ich wollte Philosoph werden. Ich konnte mir als Kind diesen Beruf nur männlich vorstellen, fand es aber selbstverständlich, Philosoph werden zu 

können, auch als Mädchen. Ich bin nie auf eine bestimmt Mädchen- oder Frauenrolle hin erzogen worden. Ich stellte mir vor, in einem Garten zu sitzen und über die Welt nachzudenken.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als Kind in der Grundschule leidenschaftlich gern Aufsätze geschrieben, habe aber dann meinen Beruf als Lektorin über Jahrzehnte sehr geliebt – und da arbeitet man mit Autorinnen und Autoren an deren Texten, tritt aber ganz hinter ihrem Namen zurück. Ich fand diesen Beruf ausserordentlich befriedigend, abwechslungsreich und spannend. Ein guter Kollege und ein Freund „vom Fach“ haben mich dann sehr dazu animiert, selbst zu schreiben. Mit vierzig war es so weit, ich habe mein erstes Buch geschrieben. Ein Sachbuch. Porträts von Frauen um vierzig.

Welcher Autor/ Welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt? Goethes ›Wahlverwandtschaften‹ sind für mich ein unglaublich vielschichtiges, kluges, bewundernswertes Buch. Tucholskys ›Schloss Gripsholm‹ liebe ich sehr – ich habe mir immer gewünscht, ich könnte im Schreiben diese Leichtigkeit erreichen, die voller Melancholie ist, und gleichzeitig so doppelbödig, ernst und ohne jede Schönfärberei.
Und Joseph Roth ist einer meiner Lieblingsautoren.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Oh je, das kann ich so nicht sagen. Da müsste und könnte man sich durch die Literatur so vieler Länder hindurchlesen – und könnte überall Entdeckungen machen.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Ein Buch, das thematisch „weit ab vom Weg“ liegt: ›Gertrude und Claudius‹ von John Updike. Er erzählt darin die Vorgeschichte zu Shakespeares Hamlet. Grossartig!
Und, als Europa-Fan über alle Holpersteine hinweg, Robert Menasses ›Hauptstadt‹ .

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Peter Nadas ›Aufleuchtende Details‹
Aramburu ›Patria‹
Und vieles andere mehr. Ich möchte zunehmend auch Bücher wieder lesen, die ich vor langer Zeit gelesen habe und schauen, ob sie mir heute noch etwas sagen – oder vielleicht erst heute so richtig.

Was lesen Sie zurzeit?
Lucy Fricke ›Töchter‹ und Karl Schlögel ›Entscheidung in Kiew – Ukrainische Lektionen‹

Wo lesen Sie am liebsten?
Auf dem Sofa, Beine hoch.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Um Freunde zu sehen, wenn mein Sohn zu Besuch kommt, um etwas Schönes zu kochen, um eine Katze zu streicheln.

 

Mehr zu Dörthe Binkert und ihren Romanen auf www.dtv.de.
Zuletzt erschienen:

Dörthe Binkert
Vergiss kein einziges Wort
Dörthe Binkert
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