Zu Besuch bei … Hannah Dübgen

»Während meiner Grundschulzeit wollte ich Päpstin werden, denn ich war der Meinung, es sei an der Zeit, dass ›das endlich mal eine Frau macht‹!«

Hannah Dübgen Interview

Am 26. August erscheint der neue Roman von Hannah Dübgen, ›Über Land‹. Für ihre Recherchen war sie u.a. in Kolkata und Umgebung unterwegs, wo ihr dieses Notizheft und Kardamom geschenkt wurden. Wie ihr Schreiballtag neben Recherchereisen an die Orte ihrer Romane aussieht und welche Bücher sie beeindruckt haben, davon erzählt Hannah Dübgen im Interview.

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Ich fange morgens früh an und arbeite bis zum Nachmittag, mache dann eine Pause. Manchmal arbeite ich abends noch mal ein paar Stunden.

2. Haben Sie dabei feste Rituale?

Beim Schreiben gilt für mich: keine Ablenkung, lieber selbstgewählte Pausen. Praktisch bedeutet das, dass ich während des Schreibens am Computer weder mein Mailprogramm öffne noch ins Internet gehe – es sei denn, ich recherchiere.

3. Arbeiten Sie mit einem Notizbuch?

Ja, ich arbeite immer mit einem Notizbuch – neuerdings auch in elektronischer Form –, und mit mehreren Blättern, die neben dem Computer auf dem Schreibtisch liegen.

4. Was wollten Sie als Kind werden?

Während meiner Grundschulzeit wollte ich Päpstin werden, denn ich war der Meinung, es sei an der Zeit, dass »das endlich mal eine Frau macht«!

Hannah Dübgen Special

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Sehr intuitiv. Ich habe immer schon geschrieben, beschrieben, versucht, meine Gedanken auf dem Papier zu ordnen, mir durchs Schreiben bewusst zu machen, was mich umtreibt oder was genau ich zu verstehen versuche. Der Übergang zum literarischen Schreiben war fließend, die Form wurde immer wichtiger, jede Formulierung wurde kritisch geprüft und ich merkte, dass sich manche Dinge am umfassendsten in der Fiktion entdecken und vermitteln lassen.

6. Welcher Autor hat Sie nachhaltig geprägt?

Es gab in jeder Phase meines Lebens Bücher, die mich sehr beeindruckt haben. Das fing mit Michael Endes ›Momo‹ an, die darin vorkommenden grauen Herren beschäftigten mich jahrelang, ich sah mich auf der Straße nach ihnen um. Als Jugendliche begleiteten mich die Romane von Max Frisch, und während meiner Jahre in England las ich viel Virginia Woolf, wobei ›Orlando‹ bis heute mein Lieblingsroman von ihr ist.
Im Rahmen meines Literaturstudiums haben mich Theaterautoren begeistert – allen voran Heiner Müller mit seinen inhaltlich wie formal gewagten Stücken; meine Favoriten sind ›Quartett‹ und ›Die Hamletmaschine‹. Auch die dramatischen Texte von Sarah Kane sind mir sehr nah gekommen, besonders ihr letztes Werk ›4.48 Psychosis‹. Bei Kane und bei Müller gibt es eine Suche nach Zartheit, die mich berührt, Momente großer Poesie in einer oft von Gewalt geprägten, komplexen Wirklichkeit.
Seit ich selbst Prosa schreibe, sind es vor allem Prosawerke, meistens in den Sprachen, die ich verstehe, die mich faszinieren und die ich immer wieder lese. Zuletzt u. a. Elfriede Jelineks ›Die Liebhaberinnen‹, Peter Handkes ›Die Angst des Tormanns beim Elfmeter‹, Don DeLillos Novelle ›The Body Artist‹ (›Körperzeit‹), ›Trois femmes puissantes‹ (›Drei starke Frauen‹) von Marie NDiaye und ›Das Jagdgewehr‹ von Yasushi Inoue.

7. Welche Autoren sollten unbedingt noch entdeckt werden?

Relativ kleine Kinder, die aus dem Stegreif Geschichten erfinden. Die freie und oft wilde Art, in der sich diese Geschichten entwickeln, die starken Bilder und die flüssige Intensität dieser Erzählungen beeindrucken mich immer wieder.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Ian McEwans ›The Children Act‹ (›Kindeswohl‹). Mich fasziniert, dass die Figuren in McEwans Romanen die Welt oft sehr stark durch ihre ›professionelle Brille‹ wahrnehmen, ihr Blick auf Menschen und unsere Gegenwart wird von ihrer täglichen Arbeit beeinflusst und geprägt. So schlüpft man beim Lesen selbst in die Haut einer Richterin – wie in ›The Children Act‹ – oder eines Neurochirurgen, wie in ›Saturday‹.

9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Die Liste ist lang! Noch in diesem Sommer möchte ich Jeanette Wintersons neuen Roman ›The Gap of Time‹ (›Der weite Raum der Zeit‹) und Roberto Calassos Geschichten von Indiens Göttern ›Ka‹ lesen. Darüber hinaus gibt es viele – mehr oder weniger – klassische Werke, zu deren Lektüre ich bislang nicht gekommen bin; diese Liste springt von Montaignes ›Essais‹ zu Thomas Pynchons ›V.‹ und von Swetlana Alexijewitschs Tschernobyl-Chronik zu George Orwells ›Homage to Catalonia‹ und sie erweitert sich ständig, sie in Gänze wiederzugeben ist unmöglich.

10. Was lesen Sie zurzeit?

Jhumpa Lahiris Roman ›The Lowland‹ (›Das Tiefland‹).

11. Wo lesen Sie am liebsten?

Auf dem Sofa und am Meer.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Für Musik, die so sehr zum Tanzen einlädt, dass meine Beine zucken.

›Über Land‹ – ab 26.8.2016 erhältlichÜber Land

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