Zu Besuch bei … Jan Schomburg

»Fünf Seiten am Tag machen mich zufrieden, zehn euphorisch, keine depressiv.«

jan schomburg

Jan Schomburg erzählt in seinem Debütroman ›Das Licht und die Geräusche‹ von Johanna, Boris und Ana-Clara – drei jungen Menschen, die sich fragen, wie man es schafft, ein paar Dinge geregelt zu bekommen … wie das Leben zum Beispiel. Im Interview spricht der Regisseur und Autor über seinen Schreiballtag und über Bücher, die ihn umtreiben.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Normalerweise schreibe ich in Cafés. Es gibt aber nur ganz bestimmte Cafés, in denen es sich schreiben lässt, wobei ich die genauen Gesetzmäßigkeiten noch nicht durchschaut habe. Die Cafés müssen aber über einen gewissen Geräuschpegel verfügen, viel Durchgangsverkehr haben und ein heterogenes Publikum. Ob der Kaffee gut ist, ist nebensächlich. Nachdem ich ein bis zwei Zeitungen gelesen habe, setze ich Kopfhörer auf, schalte erst die Lärmunterdrückung und dann Musik ein und beginne zu schreiben. Fünf Seiten am Tag machen mich zufrieden, zehn euphorisch, keine depressiv.

schomburg zu besuch

Haben Sie dabei feste Rituale?
Feste Rituale: Nein. Wichtigste Voraussetzung aber ist die komplette Abwesenheit von Müdigkeit. Bevor ich schreibe, schlafe ich so lange, bis mich jede Idee davon, mit geschlossenen Augen in einem Bett zu liegen, mit tiefem Ekel erfüllt. Ansonsten: Wenn das Internet an ist, bräuchte ich für eine Seite ein Jahrzehnt. Deswegen ist mein wichtigster Begleiter beim Schreiben ein simples Computerprogramm namens „focus“, das es für eine bestimmte Zeit unmöglich macht, ins Internet zu gehen. Das ist wunderbar. Morgens aufzuwachen und zu wissen, dass man für die nächsten sechs Tage nicht ins Internet kann. Sie sollten es ausprobieren. Es passieren erstaunliche Dinge.

Was wollten Sie als Kind werden?
Mein als Empathie getarnter Opportunismus war schon früh so ausgeprägt, dass ich, wann immer ich meinen Berufswunsch angeben musste, zunächst und in abwechselnder Reihenfolge die Berufe meiner Eltern angab, da ich dachte, dass sie andernfalls vielleicht enttäuscht sein könnten. Als dritter und einziger ehrlicher Wunsch folgte „Fußballprofi“.

Welcher Autor / Welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Literarisch haben mich die ersten Begegnungen mit Christoph Ransmayr überwältigt, der diese grandiosen Zwitterwesen geschaffen hat, durch die man Gegenwart wie Historie betrachten kann und Historie wie Gegenwart.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Eine ganz und gar unwahrscheinliche zeitgeschichtliche Figur wie auch eine wunderbare Schriftstellerin ist die etwas in Vergessenheit geratene Isabelle Eberhardt. Das muss man sich mal vorstellen, gerade heute: Junge Frau aus gutem Hause, wohlhabend in der Schweiz lebend, konvertiert aus tiefer Begeisterung für den Orient zum Islam, zieht nach Algerien, wo ihr promisker Liebeshunger aber nicht mit dem islamischen Frauenbild vereinbar ist, weswegen sie sich als (muslimischer) Mann verkleidet in dunklen Hafenspelunken und Bordellen herumtreibt und später mit den Beduinen durch die Wüste reitet. Ihre Reisebeobachtungen sind nicht nur meisterhaft, sondern sind auch heute noch in ihrer unerschrockenen Denkweise revolutionär.

Welches Buch hat sie jüngst begeistert?
Mit größter Freude habe ich gerade die schon 1970 erschienene Abhandlung ›Die Entdeckung des Unbewussten‹ von Henri F. Ellenberger gelesen, eine unvorstellbar akribische Studie über die weit verzweigten historischen Denkströmungen, die schließlich mit der Entdeckung oder vielleicht besser der Benennung des Unbewussten zu einem komplett neuen Verständnis der menschlichen Psyche geführt haben.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Neben dem obligatorischen Proust, an dem ich bereits einige Male gescheitert bin, freue ich mich wahnsinnig auf ›Sieben Küsse‹, das neue Buch von Peter von Matt, dessen literaturgeschichtlichen Abriss ›Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist‹ ich mehrmals und immer wieder mit neuer Begeisterung gelesen habe.

Was lesen Sie zurzeit?
Gerade lese ich ›Ein wenig Leben‹ von Hanya Yanagihara, und seit ich es lese, sehe ich das Buch ununterbrochen und bekomme das Gefühl, das gerade überhaupt kein anderes Buch mehr gelesen wird.

Wo lesen Sie am liebsten?
Tatsächlich lese ich am liebsten am Tisch in einer Bibliothek.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Sie denken ja wohl nicht ernsthaft, dass ich so tief sinke, auf diese Frage das zu antworten, was diese bereits unverhohlen impliziert.

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