Zu Besuch bei … Nicol Ljubić im Interview

Nicol-Ljubic_Zu-Besuch-bei Für Hanno verändert sich alles, als der Idealist Hartmut Gründler 1975 mit in das Haus der Familie zieht. Zwischen Demos und der Verteilung von Handzetteln bleibt keine Zeit mehr für Freunde und Fußball. Nicol Ljubić, der Autor von ›Ein Mensch brennt‹, erzählt uns, wie er selbst zum Schreiben gekommen ist und welcher Autor ihn besonders geprägt hat.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus? 

Nicol-Ljubic_SchreibtischDie Grundvoraussetzung zum Schreiben ist die Perspektive, mindestens eine, besser noch, zwei Wochen vor mir zu haben, in denen ich keine anderen beruflichen Verpflichtungen habe, sondern mich allein aufs literarische Schreiben konzentrieren kann. Während dieser Zeit setze ich mich morgens, nachdem meine Kinder aus dem Haus sind, an meinen Schreibtisch. Das ist in der Regel gegen acht Uhr. Ich berechne mir vorher ein Wochenpensum an Seiten, das ich schaffen möchte/muss. Meist sind es 15-20 Seiten, was bedeutet: Ich muss jeden Tag drei bis vier Seiten schreiben. Ich zwinge mich dann jeden Tag dazu, dieses Pensum zu erfüllen, vorher verlasse ich den Schreibtisch nicht. Ich schreibe in meinem Zimmer, am Computer, und zu meiner Art des Schreibens gehört auch, dass ich das an einem Tag Geschriebene nicht lese, sondern am nächsten Tag einfach weiterschreibe. Letztlich ist es die Angst vor den vielen leeren Seiten, die mich erst mal eine Rohfassung eines Romans schreiben lässt. Die Ruhe, am Text zu arbeiten, habe ich erst, wenn ich genügend Seiten beisammen habe.

Haben Sie dabei feste Rituale?

Was meine Schreibumgebung betrifft, bin ich äußerst unkompliziert, weder brauche ich eine bestimmte Umgebung noch meinen eigenen Schreibtisch. Ich habe auch schon an Küchentischen in fremden Häusern geschrieben. Mich stört es auch nicht, wenn das Telefon klingelt oder jemand an die Tür klopft. Im Gegenteil. Oft bin ich froh über jede Form der Ablenkung. Zur Inspiration lege ich mir manchmal Romane anderer Autoren neben mich, Romane, die mir in ihrer Aufmachung und Haptik gefallen. Zwischendurch blättere ich dann in diesen Büchern, ich mag das Gefühl von Papier und den Geruch von Druckerschwärze in neuen Büchern.  

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.

Meine letzten Romane hatten immer auch einen dokumentarischen Teil. In meinem aktuellen Buch geht es unter anderem um die historische Figur Hartmut Gründler, ein Anti-Atomkraft-Gegner in den 70er Jahren, der sich aus Protest gegen die Atompolitik der Bundesregierung angezündet hat. Ich habe viel recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen und die Ergebnisse sowie meine Gedanken in einem Notizbuch festgehalten. Das diente mir dann als Grundlage für den Roman.

Was wollten Sie als Kind werden?

Mein Traum war es, Fußballer zu werden. Erst als auch mir klar wurde, dass es für das Profi-Geschäft nicht reicht, kam mir der Gedanke, das Schreiben zum Beruf zu machen. Da war ich 18 oder 19.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich habe im Alter zwischen 13 und 16 in Moskau gelebt, weil mein Vater im Auslandsdienst der Lufthansa tätig war. Das war zwischen 1985 und 1988, also die Zeit der Sowjetunion und  der Perestroika. Es gab damals einige Bücher über Moskau, die sehr erfolgreich waren, geschrieben von deutschen Journalisten. Ich dachte, was die können, kann ich auch und fing an, meine Erfahrungen als Jugendlicher in Moskau aufzuschreiben. Mehr als zwanzig Seiten allerdings sind es nicht geworden, aber es waren meine ersten freiwillig geschriebenen zwanzig Seiten.

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?

Auf die Frage nach meinem Lieblingsautor würde ich immer noch Max Frisch nennen. „Homo Faber“ war das einzige Buch, das ich begeistert als Schullektüre gelesen habe. Danach habe ich mir von meinem eigenen Geld „Stiller“ gekauft und auch noch alle anderen Bücher von Frisch. Ich fühlte mich sprachlich von keinem anderen Autor so sehr berührt wie von ihm.  

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?

Da fällt mir ehrlich gesagt niemand ein, weil ich selbst kein Entdecker bin, sondern in der Regel Bücher von Autoren lese, die bereits von irgendwem entdeckt wurden.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?

Eine Freundin hat mir vor kurzem »Hundert Tage« von Lukas Bärfuss geschenkt. Das Buch hat mich sehr gepackt.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?

Es gibt ja einen Kanon aus Büchern, die immer genannt werden, wenn es um große Literatur geht. Alle kennen diese Bücher, ich habe nur das Gefühl, dass die wenigsten sie wirklich gelesen haben – allein ihres Umfangs wegen. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, „Ulysses“, „Don Quijote“, „Der Mann ohne Eigenschaften“… Das sind Bücher, die ich eines Tages noch mal lesen möchte.

Was lesen Sie zurzeit?

„Ein Festtag“ von Graham Swift.

Wo lesen Sie am liebsten?

Im Urlaub auf einem Sofa oder in einer Hängematte liegend.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?

Leider muss ich jetzt doch noch mal auf den Fußball zurückkommen… Wenn Werder Bremen spielt, hat jedes Buch ein Nachsehen.

 

Nicol Ljubic
Ein Mensch brennt

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