Zu Besuch bei … Odile Kennel

Zu Besuch bei Odile Kennel

Nach ihrem Umzug in eine alte Mühle wird Béatrice von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ist der junge Mann, der vor ihrer Tür stand, wirklich der Sohn ihrer großen liebe Hah? Musste Hah als Sympathisantin in den Achtzigerjahren untertauchen? Odile Kennel stellt in ihrem neuen Roman ›Mit Blick auf See‹ die Frage, wie wir uns der eigenen Geschichte stellen. Uns gibt sie einen Einblick wie sie schreibt und welche Autoren sie besonders geprägt haben. 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich habe keinen Schreib-Alltag. Jedes Mal, wenn ich versuche, so etwas wie eine Routine herzustellen, halte ich sie ein paar Tage oder Wochen durch, dann kommt eine Übersetzung, die bis zu einem bestimmten Datum übersetzt werden will, oder ein anderer Text oder eine Lesung, und schon ist es vorbei mit der Routine. Mir kommt die Idee eines Schreiballtags in der heutigen Zeit ziemlich romantisch vor … Tatsache ist, wenn ein Buch beendet ist, frage ich mich immer, wann ich all diese zusammenhängenden Seiten geschrieben habe …

Haben Sie dabei feste Rituale?
Nein, siehe oben. Um einen Prosatext neu zu schreiben, brauche ich Zeit am Stück, einen Schreibtisch mit einem bequemen Stuhl, einen Computer, Internet, (m)eine Bibliothek, Alleinsein, Ruhe, ein gewisses Isoliertsein von der Welt. Aber draußen vor der Tür das Leben, gerne Metropole. Letzteres gilt erst Recht für Gedichte, dabei aber ohne Isoliertsein. Für Gedichte muss die Welt gewissermaßen durch mich ›hindurchfließen‹ können, Gedichte entstehen auch auf einer Fahrt in der U-Bahn oder beim Kartoffelschälen. Ruhe brauche ich erst fürs Überarbeiten.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Ich habe immer ein kleines Notizheft bei mir. Ich habe mehrere Male versucht, eine Systematik in meine Notizen zu bringen bzw. die vollen Notizhefte durchzuarbeiten und auszuwerten, doch das ist mir nie gelungen. Inzwischen denke ich, der eigentliche Sinn des Notizheftes ist das Notizheft. Wenn ich einen Roman beginne, habe ich eine andere Kategorie Heft, in die ich Entwürfe, Ideen, zu lesende Bücher zum Roman notiere. Oder mich an die Wand schreibe, weil ich keine Ahnung habe, welche Richtung mein Text einschlagen wird und ewig herumprobiere. Diese Hefte liegen aber zuhause, auf meinem Schreibtisch. Und sie sind größer, eher A5. Sie sind die handschriftliche Stütze, wenn es am Computer nicht weitergeht.

Was wollten Sie als Kind werden?
Als jüngeres Kind, keine Ahnung mehr. Von ca. 8 bis ca. 13 Jahre, Biologin. Dann habe ich wie 99% aller Jugendlichen angefangen, Gedichte zu schreiben. Ab da wollte ich Dichterin werden. Wusste aber wohl, dass ich mir daneben noch etwas anderes überlegen muss. Bis ich dann beim Übersetzen gelandet bin, sind noch ungefähr weitere 20 Jahre gegeben, in denen ich alles Mögliche ausprobiert habe.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
s.o.

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Fernando Pessoa mit Álvaro do Campos und Alberto Caeiro.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden
Was heißt, ›unentdeckt‹? Von wem? Wann? Welche Sprache? In jedem Land sind fast alle Weltautoren, die nicht aus diesem Land stammen, noch zu entdecken. Sie haben nur leider nicht alle Übersetzer*innen.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Ossip Mandelstam. Die Reise nach Armenien. Übertragung aus dem Russischen und Nachwort von Ralph Dutli. Suhrkamp (4) 1991

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Darüber denke ich lieber nicht nach, denn sofort weiß ich: Meine Lebenszeit reicht, auch bei guter Lebenserwartung, nicht aus, um all das zu lesen, was ich noch lesen möchte.

Was lesen Sie zurzeit?
Elisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Esquisse d’une vie, histoire d‘un système de pensée. Fayard 1993.

Wo lesen Sie am liebsten?
Im Bett.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Bei dieser Frage mache ich Gebrauch von meinem Schweigerecht.

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