Zu Besuch bei … R. T. Acron (F.M.Reifenberg, Ch.Tielmann)

Hinter R.T. Acron verbergen sich keine Geringeren als Frank Maria Reifenberg und Christian Tielmann. Mehr über das Autorenduo, über den ›Hurra-du-bist-gleich-fertig-Modus‹, unleserliche Handschriften und warum Notizbücher auch praktisch sind, wenn man nicht reinschreibt, erfahren Sie hier.

 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Reifenberg: Sehr unspektakulär und vor allem diszipliniert. Als Vorlauf brauche ich meistens ganze alltägliche Dinge: Hund füttern, die Blumen auf dem Dachbalkon wässern, mit dem Hund vor die Tür, also Dinge, die man sowieso tun müsste. Für mich sind sie aber so eine Art „in Richtung Schreibtisch trödeln“. Das alles muss möglichst bis 9 Uhr erledigt sein. Dann an den Schreibtisch, vor den Computer, loslegen. Meistens überarbeite ich das Pensum des Vortags zuerst, damit komme ich auch wieder in den Text. Pflicht sind 10.000 Anschläge am Tag. Mehr schaffe ich selten, vielleicht auch, weil ich ab 9.000 in den mentalen Hurra-du-bist-gleich-fertig-Modus schalte.
Wenn es sehr gut läuft, habe ich nach 16 Uhr noch einmal eine sehr produktive Phase, dann kann es auch mehr werden. Da ich für fast alle Projekte meistens schon einen Verlagsvertrag mit einem geplanten Erscheinungstermin habe, muss ich mir ein gewisses Pensum vornehmen. Normalerweise kann mich höchstens eine ernsthafte gesundheitliche Sache von der pünktlichen Abgabe abhalten. Da schlägt in mir noch das alte Herz eines Dienstleisters. Ich habe in PR-Agenturen gearbeitet und war auch Inhaber einer solchen. In diesem Bereich gibt es kein „Ach, der Künstler ist gerade indisponiert.“ Man liefert ab. Pünktlich. Basta. Für meine Verlage ist das eine ziemlich angenehme Eigenschaft. Mich quält es manchmal, dass ich mir da nicht mehr Freiheit geben kann. 

Tielmann: Ich starte gegen 8:00 Uhr und beende den Tag gegen 16:00 Uhr. Mein handschriftliches Gekritzel kann KEIN Mensch lesen. Ich selbst auch nicht. Daher schreibe ich alles, was noch jemand lesen soll, mit dem Computer. Mein Pensum hängt immer sehr vom Stand des Projekts und der Art Buch ab, die das wird. Ich lege das dann individuell fest, damit ich nicht zu faul werde und nicht zu gestresst. 

 

Haben Sie dabei feste Rituale?

Reifenberg: Vor dem Start um 9 Uhr noch mit einer Tasse Kaffee und einem Toast (am besten mit selbstgemachter Marmelade aus selbst angebauten Früchten) ein paar Seiten „privat“ lesen. Im Bett, aufm Sofa oder im Sommer draußen in der Hängematte.

Tielmann: Ich habe im Grunde drei Rituale: Kaffee, Kaffee und Kaffee.

 

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Reifenberg: Ich kaufe mir dauernd sehr schöne Notizbücher, aber benutze sie nie. Irgendwann verschenke ich sie dann. Das ist meistens ein tolles Last-Minute-Geschenk, über das sich fast alle Beschenkten freuen. Eigentlich machen die aufwändigen Dinger mir nämlich Angst. Die fordern einen so schrecklich, dann auch ganz tolle Dinge reinzuschreiben, überhaupt viel zu notieren (damit das Marbacher Archiv etwas im Nachlass findet!!!) Tatsächlich kritzele ich alles sehr chaotisch in ganz schlichte Spiralblöcke, am liebsten im Format DIN A5. 

Da werden sich die Exegeten meines Werkes die Zähne dran ausbeißen. Ha! Es geht kreuz und quer, Projektskizzen, Einkaufslisten, Blitzideen, Telefonnotizen, der Entwurf für den neuen Gartenteich.
Beim Schreiben kommt es meistens zu einer Phase, in der ich so sehr den Überblick verliere, dass ich die Kapitel in ganz kurzen Stichworten auf Karteikarten schreiben muss, um sie alle vor mir auslegen zu können. Der Haupteffekt ist, dass ich so die Struktur besser erkenne. Meistens kann ich dann auch Frieden mit dem Text schließen und sagen: »Is‘ doch gar nicht so schlecht. Mach weiter, du Arsch.«

Tielmann: Ich schreibe gerne viele Zettel voll. Aber die kann ich ja eh nicht lesen. Hilft aber irgendwie schon, um Gedanken zu klären oder gar festzuhalten. Vielleicht. 

 

Was wollten Sie als Kind werden?
Reifenberg: Als Kind weiß ich nicht mehr. Vielleicht geben meine Karnevalskostüme Auskunft: Bäcker, Schornsteinfeger, Rotkäppchen (das Märchen, nicht der Sekt).
Als Jugendlicher sehr ernsthaft Tierarzt. Leider lag der Numerus Clausus dann bei 1,0 und ich hatte nur 1,8. So wurde ich aus Versehen zunächst Buchhändler.

Tielmann: Das Übliche: Indianerhäuptling oder Fußballstar. Aber für beides war ich ungeeignet, weil im falschen Land und Jahrhundert geboren, bzw. völlig frei von Talent. Dann dachte ich aber schon als Kind: Okay, werde ich halt Schriftsteller. 

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Reifenberg: Ebenfalls aus Versehen. Ich wollte nie schreiben und habe es auch nie getan. Mitte 30 habe ich den Job geschmissen und im Kaffee gesessen und gewartet, was kommt. Ein Freund sagt: „Ey, du weißt doch im Kino immer schon nach 15 Minuten, wie es ausgeht. An der Internationalen Filmschule Köln bieten sie eine Ausbildung zum Drehbuchautor. Wäre das nichts?“ Die Antwort wusste ich nicht, aber ausprobiert habe ich es und wurde genommen. 

Zwölf Plätze gab es nur, aber Unmengen von Bewerbungen. Die sehen etwas in dir, was du selbst nicht kennst, dachte ich, habe es gemacht, durchgezogen, beim öffentlichen Abschlusspitch unserer Drehbücher spricht mich ein Agent an. Er habe da einen Verlag an der Hand … Zack, war ich Autor. Der Witz war: Meine Ausbilderin in der Buchhandlung schubste immer alles zur Seite, wenn die Thienemann-Vertreterin anreiste, das war für sie schlechthin der Kinderbuchverlag. Raten Sie mal, welcher Verlag mein erstes Buch herausgebracht hat. 

Tielmann: Das fing so ungefähr mit sechzehn Jahren an. Da habe ich erst angefangen, richtig zu lesen und dann auch selbst zu schreiben. Mit beidem hab ich nicht mehr aufgehört, habe Deutsch und Philosophie studiert und ein Praktikum in einem Verlag gemacht. In dieser Zeit hatte ich die Idee zu einem Bilderbuch. Das hieß (und heißt) „Bauer Beck fährt weg“. Das kam gut an, bei Verlag und Publikum und hat mir viele Türen geöffnet. Da bin ich dem Beck und den beteiligten Lektorinnen bis heute dankbar für. 

Welcher Autor/ Welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Reifenberg: Die Buddenbrooks. 17x gelesen, erstmalig mit 16 Jahren. Lebensbuch. Wie Medizin.

Tielmann: Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Roald Dahl, Friedrich Dürrenmatt (mit dem habe ich doch noch lesen gelernt), Eckhard Henscheid, Heinrich Heine und natürlich Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ mit allem, was so dran hängt und nicht zu vergessen … ach, ich glaube das reicht erstmal an Prägung, oder? 

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Reifenberg: Keine Ahnung. Sobald man ein Buch kaufen kann, sind die Autoren ja schon „entdeckt“. Ich bin gerade eher beim „Wiederentdecken“. Zum Beispiel die ganze Clique, die sich Susan Cheever in ihrem Buch „American Bloomsbury“ vorgenommen hat: Henry David Thoreau, Emerson, Hawthorne, Magret Fuller, Lousia May Alcott, wobei ich Thoreau am interessantesten finde.
Andere Wiederentdeckungen wären Ernst Haffner „Blutbrüder“ und Georg Fink „Mich hungert“. Großartiges Talent, das durchs 3. Reich abgewürgt wurde.

Tielmann: Der oder diejenige, die oder der etwas Neues, Frisches, Waches in einer irgendwie ästhetischen Sprache wagt.
Warum? Na ja, ich lese halt gerne schöne Bücher. 

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Reifenberg: Graeme Macrae Burnet „Sein blutiges Projekt“, wird als „literarischer“ Thriller angepriesen und ist es auch. 

Tielmann: Jüngst? Okay, die „guten“ der letzten Zeit: Alina Bronsky („Und du kommst auch drin vor“) hat mir gefallen. Als ich auf ein Kreuzfahrtschiff für Lesungen eingeladen wurde, wusste ich nicht, ob ich das mitmachen soll und lass (mit echter Begeisterung): „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace. ((Für die Wallace-Fans: Ich bin nach der Lektüre natürlich NICHT mitgefahren und nie wieder gefragt worden.)) Sibylle Berg: „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“, habe ich ebenso gerne gelesen wie Christoph Heins „Trutz“ und beeindruckend fand ich Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“; und die kleine Schrift über Freiheit von Hannah Arendt „Die Freiheit, frei zu sein“. Diese Bücher haben übrigens NICHTS miteinander zu schaffen, außer, dass Christian Tielmann sie gerne gelesen hat. 

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Reifenberg: Ich entdecke Irmgard Keun gerade (wieder).

Tielmann: Wie soll ich die denn alle aufzählen?

Was lesen Sie zurzeit?
Reifenberg: Das ist jetzt wirklich Zufall, aber ein Buch aus dem Hause dtv: Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte von Michael Hugentobler.
Das überschneidet sich aber, ich habe meistens mehrere Bücher am Start. George Saunders, Lincoln im Bardo und eine Biographie über Georg Forster. Ich bin wohl gerade ein bisschen eskapistisch unterwegs … 

Tielmann: Herta Müller: Atemschaukel. (Ich weiß, ich hinke schändlich hinter Eurer Zeit her. Aber auch wenn der Buchmarkt schnell geworden ist: Es ist noch immer ein gutes Buch.)

Wo lesen Sie am liebsten?
Reifenberg: In der Hängematte.

Tielmann: Da, wo Ruhe ist. 

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Reifenberg: Für ein Stück Frankfurter Kranz und eine Tasse guten Bohnenkaffee (so hieß das früher bei meiner Mutter, Jahrgang 1938).

Tielmann: Ein Schläfchen. 

 

Mehr zu R.T. Acron und ihren Romanen auf www.dtv.de

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