Zu Besuch bei … Rhiannon Navin

Warum Studentenfutter beim Schreiben unabdingbar ist, welches Erlebnis den Anstoß zu ihrem Roman ›Alles still auf einmal‹ gegeben hat und warum das Bett zwar immer noch ein sehr guter, aber auch tückischer Ort zum Lesen ist erfahrt ihr hier: Herzlich willkommen in der Schreibwerkstatt von Rhiannon Navin!

 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich schreibe, wenn meine Kinder in der Schule sind. Ich setze meine Kinder morgens um 8 in den Schulbus, laufe ein paar Kilometer mit unserem Hund Oscar Wilde und dann geht’s ab an den Schreibtisch. Ich musste mir beibringen, während dieser kinderfreien Zeit alles andere einfach liegen zu lassen – die schmutzige Wäsche, das chaotische Wohnzimmer … das kann alles warten, bis die Kinder im Bett sind. Und sie müssen jetzt auch mehr mithelfen! Ich schreibe hauptsächlich am Computer. Aber manchmal, wenn ich stecken bleibe, hilft es mir, eine Weile von Hand weiter zu schreiben. Das erzeugt irgendwie eine direktere Verbindung. Ich habe kein bestimmtes Schreibpensum. Das erzeugt zu viel Druck. Ich habe Tage, wo ich in sechs Stunden kaum 500 Wörter schaffe und an anderen Tagen flutscht es und ich schreibe 2,000 Wörter in kürzester Zeit.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Ich schreibe immer besser, wenn ich erst gelaufen bin. Ich glaube, die Energie fließt dann freier. Ansonsten habe ich keine festen Rituale, aber irgendwie hilft kauen. Ich habe immer Studentenfutter in Greifnähe und wenn die Nervosität droht Überhand zu nehmen, geht’s mit dem Kauen los. Ist aber nicht besonders gut für die Linie.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand oder Ähnlichem?
Zur Zeit habe ich ungefähr zehn Notizhefte und jede Menge lose Zettel mit Zeitleisten und anderes Gekritzel auf meinem chaotischen Schreibtisch rumfliegen. Und ich habe ein riesiges Poster mit der Geschichtsstruktur an der Wand. Seltsames System, aber es funktioniert.

Was wollten Sie als Kind werden?
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, ob ich als Kind jemals genau wusste, was ich werden wollte. Aber wenn mir jemand damals erzählt hätte, dass ich mal ein Buch herausbringen würde, wäre ich sicher sehr begeistert gewesen. Meine Kinder sind sehr stolz auf mich und meine Tochter will jetzt auch Autorin werden.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Als ich begann ›Alles Still auf Einmal‹ zu schreiben, wusste ich nicht, dass ich ein ganzes Buch schreiben würde. Mal abgesehen von ein paar sehr peinlichen Tagebüchern als junges Mädchen, war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Bedürfnis hatte, etwas aufzuschreiben. Es ging mir zunächst nur darum, meine Ängste und Sorgen zu verarbeiten. Ich hätte nie damit gerechnet, dass jemand meine Geschichte je lesen, geschweige denn publizieren und in siebzehn Sprachen übersetzen würde! Es ging mit einem persönlichen Erlebnis los, dass mir oft bis heute den Schlaf raubt: Kurz nachdem meine Zwillinge in die Vorschule kamen, mussten sie das erste Mal üben, was zu tun ist, falls ein Amokläufer in die Schule kommt. Hier in Amerika sind diese Übungen Routine. Ein unangemeldeter Alarm geht los und daraufhin schließen die Lehrer die Klassenräume ab, machen die Lichter aus und helfen den Kindern, sich im Wandschrank oder unterm Schreibtisch zu verstecken. Sie müssen lernen, sich vor Amokläufern zu verbergen. Mein älterer Sohn hatte das ziemlich gut weggesteckt, aber als die Zwillinge an dem Tag nach Hause kamen, waren sie sehr verstört. Mein Kleiner, Garrett, versteckte sich unter unserem Esstisch und weigerte sich, wieder hervorzukommen. »Ich muss mich vor dem bösen Mann verstecken, Mama!«, hat er mir gesagt. Als Mütter haben wir ja schon jede Menge Sorgen um unsere Kinder, die uns nachts wachhalten, aber ich hätte nie damit gerechnet, dass ich Angst haben müsste, dass meine Kinder in der Schule erschossen werden könnten.

Welcher Autor oder welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Oh, es gibt so viele Bücher, die mich auf unterschiedliche Weise zu unterschiedlichen Zeiten in meinem Leben geprägt haben. Als Kind beziehungsweise junge Frau waren es ›Pippi Langstrumpf‹ und ›Anne Frank‹. Dann später Harper Lees ›Wer die Nachtigall Stört‹, John Irvings Werke … ach, ich könnte seitenweise weitermachen!

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Meine Freundin Lara Dearman schreibt tolle Krimis. Den ersten gibt es schon in Deutschland: ›Das Tote Mädchen am Strand‹ und der zweite, ›Schwarze Klippen‹, kommt im Juli in Deutschland raus. Sehr zu empfehlen für Krimi-Fans. 

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Ich bin immer noch ganz hin und weg von Delia Owens‘ ›Der Gesang der Flusskrebse‹. Das kommt in Deutschland glaube ich erst im Sommer raus, aber ich kann es wirklich nicht genug empfehlen. Es ist eine wunderschöne Geschichte über Liebe, Verlust, Einsamkeit, Hoffnung, Entschlossenheit und Stärke.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Ich habe vor einer Weile begonnen, viele Klassiker nachzulesen. Ich habe so viele tolle Bücher als junge Frau gelesen, die mir jetzt ganz andere Dinge offenbaren. Ich versuche immer ein neues Buch und dann einen Klassiker im Wechsel zu lesen. So habe ich vor Kurzem Thomas Mann, Gabriel García Márquez und Margaret Atwood wiederentdeckt.

Was lesen Sie zurzeit?
Michelle Obamas ›Becoming‹. Eine tolle Frau mit einer tollen Geschichte. Mir fehlen die Obamas sehr …

Wo lesen Sie am liebsten?
In meinem Bett! Wenn die Kinder in ihren Betten sind und das Haus endlich ruhig ist. Obwohl das gefährlich ist, weil ich dann meistens ein paar Stunden später mit dem offen Buch auf der Brust wieder aufwache.  

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Für meine Kinder. Wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Und für meinen Hund. Wenn er kommt und mich so erwartungsvoll anguckt, muss ich natürlich aufstehen und mit ihm spielen.

 

Mehr zu Rhiannon Navin und ihrem neusten Buch ›Alles still auf einmal‹.

Rhiannon Navin
Alles still auf einmal
Rhiannon Navin
Alles still auf einmal

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.