Zu Besuch bei … Romy Hausmann

Warum Heizkörper gefährlich sind, wie man Gästetoiletten vielseitiger nutzen kann, woran der große Traum, die erste Rohfassung eines Manuskripts mit der Schreibmaschine zu schreiben, scheitert und warum sich Texte von Kobolden zu lesen lohnen, erfahrt ihr hier: Herzlich willkommen in der Schreibwerkstatt von Romy Hausmann! 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
An den meisten Tagen sitze ich bereits morgens um fünf vor dem Rechner – eine Angewohnheit, die aus Zeiten rührt, als es mit zwei Jobs, Kind und Haushalt eigentlich unmöglich gewesen wäre, „nebenbei“ noch ein Buch zu schreiben. Inzwischen schätze ich vor allem die Ruhe um diese Uhrzeit – da ist die Welt noch still, kein Telefon klingelt, keine Email will beantwortet werden; es gibt nur mich und meine Gedanken. Obwohl ich einen Schreibtisch habe, hocke ich stattdessen auf einem Sitzkissen auf dem Fußboden in meinem Wohnzimmer, den Laptop auf den Knien, den Rücken an die Heizung gelehnt. Im Winter habe ich dadurch ständig Verbrennungen, fiese braune Male am Rücken, weil ich beim Schreiben einfach nichts mehr merke und völlig versunken bin. Eins meiner ersten Manuskripte habe ich übrigens konsequent auf der Gästetoilette meiner damaligen Wohnung geschrieben, auf dem Trittschemel sitzend, den mein Sohn damals noch brauchte, um aufs Klo klettern zu können. Ich weiß nicht, warum ich es beim Schreiben offenbar unbequem haben muss – ich glaube, ich bin seltsam in vielen Dingen. Jedenfalls arbeite ich auf diese Art bis mittags um zwölf, dann hole ich meinen Sohn von der Schule ab und kümmere mich für den Rest des Tages um die eher „irdischen“ Dinge wie Bürokram und Haushalt. Ein festes Pensum habe ich nicht – wichtig ist mir nur, dass ich jeden Tag am Text bin und dass das Geschriebene mir gefällt. Einfach nur „Strecke machen“ widerstrebt meiner Auffassung vom Schreiben, die wahrscheinlich ziemlich retro ist. Ich will immer von mir selbst sagen können, dass meine Texte mit allem entstanden sind, was mir zum jeweiligen Zeitpunkt an Fähigkeit und Leidenschaft zur Verfügung stand. Mein großer Traum ist es, die erste Fassung eines Romans auf einer Schreibmaschine zu schreiben, aber das scheiterte bis dato an zwei Dingen: 1.) Ich doktere selbst an einer Rohfassung noch zu viel herum, dementsprechend ist die Löschen-Taste die meistgenutzte auf der Tastatur. Und 2.) Ich habe gar keine Schreibmaschine.
Haben Sie dabei feste Rituale?
Nö, nur Kaffee und Bücher, die ich toll finde, müssen in greifbarer Nähe sein. Der Kaffee macht mich wach, die Bücher motivieren mich.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Ich habe Notizhefte, in die sich ab und zu mal ein Satz verirrt, irgendein Geistesblitz. Eins liegt immer auf meinem Nachttisch. Was ich oft mache, ist, meinen aktuellen Textteil mit der Diktierfunktion meines Handys einzulesen. Das höre ich mir dann beim Abwaschen oder abends vor dem Schlafen an. Dabei fällt mir auf, wenn inhaltlich was klemmt, eine Figur aus ihrem Ton fällt oder allgemein etwas nicht stimmt mit dem „Sound“ eines Textes – der ist mir nämlich unheimlich wichtig. Ich bin sehr sprachverliebt und könnte, wenn man mich ließe, wochenlang an einem einzigen Absatz arbeiten. Glücklicherweise gibt’s Menschen in meinem Umfeld, die mich antreiben, und Deadlines.

Was wollten Sie als Kind werden?
Musikerin, aber eigentlich auch nur, weil ich (Song-) Texte schreiben wollte. Abgesehen davon bin ich auch leider eine ziemlich schlechte Sängerin und außer Blockflöte habe ich nie ein Instrument beherrscht.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
An dieser Stelle folgt die „typische“ Autoren-Karriere (gähn): das Kind, das schon früh und viel liest und zudem an einem Überschuss an Fantasie leidet. Das einzige Kind in der Klasse, das es ernsthaft geil findet, Aufsätze zu schreiben. Jemand, der irgendwie immer schreibt und ein Text, der eines Tages so lang ist, dass man ihn für ein Manuskript halten könnte … Im Ernst: keine Ahnung, wie ich zum Schreiben gekommen bin. Ich glaube, das steckt einfach in mir drin. So wie andere blond sind, bin ich vielleicht einfach eine Autorin (was allerdings nicht bedeutet, dass ich glaube, ich wäre eine besonders gute. Es gibt Tage – sogar einige – an denen ich sehr an mir zweifele. Aber das ist okay, das gehört wohl irgendwie dazu.)

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Hemingway, „Der alte Mann und das Meer“. Weil eigentlich nichts passiert und sich dennoch ein komplettes Leben in diesem Buch abspielt. Das finde ich faszinierend. Außerdem mag ich diese nüchterne, messerscharfe Sprache, die – passend zum Inhalt – einerseits so reduziert ist und gleichermaßen soviel Wirkung erzeugt.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden? (Warum?)
James Franco. Das ist der Kobold aus diversen „Spiderman“- und anderen Hollywood-Filmen. Aber, Mann, der schreibt auch – und ich liebe es. Weil er sich an so ziemlich keine Regel hält und dadurch Texte entstehen, die im ersten Moment irgendwie krude (und fast ein bisschen irre) erscheinen. Aber genau dadurch haben sie – zumindest auf mich – eine unheimliche Wirkung; das ist wahnsinnig intensiv, dabei lakonisch, schmutzig, höchstpersönlich. Besonders mochte ich seine Kurzgeschichtensammlung „Palo Alto“ und das kleine, feine Gedichtbändchen „Straight James/ Gay James“.   

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
„Warten auf Bojangles“ von Olivier Bourdeaut. Dieses Buch ist so vieles auf einmal: traurig, lustig, poetisch, verrückt, beklemmend … Eine Geschichte, bei der einem die Adjektive ausgehen, während man hemmungslos in sein Taschentuch heult (und sich als Autor/in wünscht, irgendwann einmal etwas Ähnliches zu schaffen).

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Die Bedienungsanleitung der Heißluftfritteuse, die meine Eltern mir zum Geburtstag geschenkt haben.

Was lesen Sie zurzeit?
Den Roman „Die Glasglocke“ und parallel den Lyrikband „Ariel“, beides von Sylvia Plath. Ihre Düsternis fasziniert mich.

Wo lesen Sie am liebsten?
Abends im Bett und im Zug.

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Für meinen Sohn und ein Mittagschläfchen. Ach ja, und für Essen. Ich bringe so ziemlich jedes Opfer für ein gutes Essen.

 

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Romy Hausmann
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Ein Kommentar zu “Zu Besuch bei … Romy Hausmann

  • 17. März 2019 um 13:52
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    Ein Thriller bei dem man die Nächte durch liest – an Schlaf war nicht mehr zu denken.

    Ein Mann der sich eine Familie in einer abgedunkelten, von der Außenwelt abgeschirmten Hütte hält. Die Frau kann ihren Peiniger nieder schlagen und fliehen. Doch sie läuft auf der Flucht in ein Auto und wird schwer verletzt. Zunächst vermutet die Polizei, dass es sich um die seit 14 Jahren verschwundene Studentin Lena Beck handelt. Doch als ihr Vater sie identifizieren will, stellt sich schnell heraus, die Frau die fast wie Lena aussieht, ist nicht Lena Beck. Aber wer ist sie?
    Es gibt auch zwei Kinder: Hannah, 13 Jahre, außergewöhnlich klug, aber körperlich unterentwickelt da das Sonnenlicht fehlte. Und Jonathan, 11 Jahre, ist traumatisiert nach diesem Ereignis.

    Ein unglaublich spannender Thriller, ich werde sicher noch mehr von dieser Autorin lesen. Doch kann man dieses Werk noch toppen???

    Klare Kaufempfehlung wenn man auf schlaflose Nächte steht. 10 Sterne!!!

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