Zu Besuch bei … Stefan Maiwald

»Nirgends kann man besser arbeiten als in einem Café. »Allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen«, hat es Alfred Polgar mal hübsch beschrieben.«

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Stefan Maiwald und Italien – das ist eine ganz besondere Beziehung. Sein neuer historischer Roman ›Der Spion des Dogen‹ entstand unter der Sonne Venedigs. Im Interview spricht der Autor amüsant über seine Liebe zu Italien, seinen Arbeitsalltag und über einen persönlichen Brief von Umberto Eco.

1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich schreibe morgens zwischen sieben und neun und abends zwischen 20 Uhr und Mitternacht, natürlich immer wieder unterbrochen von amüsantem Unsinn wie Facebook oder Sudoku. Ich stehe früh auf und gehe spät ins Bett, halte aber eine ausgiebige Siesta, um auf meinen Schlaf zu kommen. Es ist großartig, in einem Kulturkreis zu leben, in dem das Nickerchen bei Tageslicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Den Rest des Tages bleibt fürs Schreiben ohnehin viel zu wenig Zeit, da ich die Töchter zur Schule bringe und abhole sowie fürs Kochen und für die Hundespaziergänge zuständig bin. Und dann ist da ja auch noch der zeitintensive tägliche Sport, unter anderem Golf und Gewichtheben – ich will der erste hauptberufliche Autor sein, der 120 Kilogramm im Bankdrücken schafft, hänge aber seit Monaten bei 95 Kilogramm fest. Möglich, dass die biologische Uhr beginnt, gegen mich zu arbeiten.

maiwald2. Haben Sie dabei feste Rituale?
Morgens setze ich mich mit meinem Laptop ins Café »Cristallo«, wo es den besten Cappuccino Italiens gibt. Echt wahr! Diese Bildschirmarbeit inmitten des Trubels wirkt auf die Einheimischen befremdlich, ja geradezu verdächtig, aber es stimmt: Nirgends kann man besser arbeiten als in einem Café. »Allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen«, hat es Alfred Polgar mal hübsch beschrieben. Am Abend schreibe ich am liebsten daheim auf dem Sofa, begleitet von einem mäßig aufregenden Sportereignis im Fernsehen; Golfübertragungen sind aufgrund ihrer sedierenden Wirkung ideal.

3. Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Ich habe einen Stapel von Notizbüchern, die ich in einer auch von mir kaum nachvollziehbaren Reihenfolge mit Ideenschnipseln fülle. Eine Pinnwand steht seit ein paar Monaten ziemlich dumm bei mir herum und wird demnächst zerkleinert und entsorgt.

4. Was wollten Sie als Kind werden?
In ganz frühen Jahren: Tierfilmer, Weltkriegspilot oder Lokomotivführer. Doch schon mit Zwölf war mir klar, dass ich Autor werden wollte. Die Aussicht, erst gegen Mittag aufstehen zu müssen, hatte damals etwas außergewöhnlich Verführerisches. Heute denke ich: Hätte ich mal keine Kinder in die Welt gesetzt, deren Wecker um sechs klingelt, weil der Schulbus zur nächsten Stadt um sieben losfährt. Mit 13 begann ich meinen ersten Detektivroman, kam aber nur zwei Seiten weit. Mit 15 schließlich komplettierte ich mein erstes Werk, einen 200-seitigen Roman über drei Jugendliche, die im Mittelalter von Burg zu Burg ziehen und Abenteuer erleben. Eine Art ›Drei Fragezeichen‹ zur Ritterzeit. Natürlich blieb das alles unveröffentlicht. Zum Glück.

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Stefan Maiwald lebt mit seiner Familie in Italien.

5. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Es ging nicht anders, um Geld zu verdienen. Ich habe schon als Schüler ziemlich viele Nebenjobs gehabt, und in keinem davon war ich besonders gut. »Zu dumm zum Zigarettenholen«, sagte mein Vater immer, »fällt hin und verbiegt das Fünfmarkstück.« Mehrere Jahre habe ich einem Jeansladen gearbeitet. Irgendwann kam die Chefin – die uns mit Nachnamen anredete, aber duzte (»Maiwald, faltest du mal die Edwins zusammen?«) – auf die Idee, Verkaufsstatistiken zu führen und unseren Stundenlohn daran zu koppeln. Ich war über Monate der schlechteste Verkäufer von allen, und ich wünschte, ich könnte sage, dass ich mir keine Mühe gegeben hätte, doch ich arbeitete wirklich hart daran, vom demütigenden letzten Platz dieser Liste zu verschwinden. Allein: Es klappte nicht. Zu mir kamen immer die Kunden mit den Problemfiguren (dünne Hüften, dicke Schenkel oder umgekehrt). Und ich stellte mich auch unfassbar dämlich an. Mit 16 oder 17 habe ich dann für die örtliche Wochenzeitung ein bisschen was geschrieben, vor allem Portraits von örtlichen Politikern, und das ging erstens flott von der Hand und brachte zweitens fünfzehn Pfennig Zeilenhonorar. Ich bin mir sicher: Könnte ich nicht vom Schreiben leben, würde ich verhungern. Oder bis heute für sechs Mark pro Stunde Edwin-Jeans zusammenfalten.

6. Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Lawrence Norfolks ›Lemprière’s Wörterbuch‹ hat mich tief beeindruckt, trotz des verwirrenden Apostrophs im Titel, auch T.C. Boyles ›Wassermusik‹, und ich freue mich schon auf die Neuübersetzung. Mein Held heißt aber Umberto Eco. Ich habe sogar einen Brief von ihm. In dem er zwar meinen Namen falsch schreibt, aber – hey, ich habe sogar einen Brief von ihm!

7. Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Solange noch nicht jeder Mensch, der mit Büchern zu tun hat, Leo Tolstois ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat, muss kein Autor entdeckt werden.

8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Die Shakespeare-Biografie von Peter Ackroyd. Ich bewundere, wie man aus den fünf bekannten Fakten über Shakespeares Leben 656 kluge, unterhaltsame Seiten machen kann, und das meine ich ohne Ironie.

9. Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Shakespeares Sonette. Mehrmals mit Anlauf daran gescheitert.

10. Was lesen Sie zurzeit?
Immer mehrere Bücher, und immer eine muntere Genre-Mixtur. Derzeit ›Titus Andronicus‹; was für ein Gemetzel. (Ich weiß, derzeit habe ich es mit Shakespeare. Das hat mit einer Wette zu tun – sein Gesamtwerk bis Ende 2017 oder eine Kiste Wein.) ›Preußen‹ von Christopher Clark. Und als Hörbuch im Auto ›Mein Amerika‹ von Bill Bryson.

11. Wo lesen Sie am liebsten?
Abends im Restaurant, wenn ich auf meine Frau und meine Töchter warte, die sich noch ausgehfertig machen müssen. Ich gehe dann meistens schon vor, denn angezogen im Flur herumstehen ist ja auch nicht das Wahre. Lesen im Restaurant ist genau so produktiv wie Schreiben im Caféhaus. Da fällt mir ein: Auch wenn ich für den ›Feinschmecker‹ Restaurants teste, habe ich immer schwere Kost dabei. Herodots ›Historien‹ oder ›Unendlicher Spaß‹ von David Foster Wallace lassen sich nur einsam, auf eine Bestellung wartend, lesen.

12. Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Für alles, was man aus der Nebbiolo-Traube machen kann. Für ein Burraco-Kartenspiel mit den Töchtern. Für Evas Tiramisù in der »Trattoria Santa Lucia«, Grado. Sagen Sie, dass ich Sie geschickt habe.

 

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