Zu Besuch bei … Ulrich Woelk

Von umweltfreundlichen Milchaufschäumern, der richtigen Lesehaltung am Strand und lohnenden Lektüren

Wieso man nicht versuchen sollte, seine CO2-Bilanz mit teuren Milchaufschäumern aufzubessern, warum es sich überall gut liest außer am Strand und welche Lektüren sich lohnen: Ulrich Woelk im Gespräch zum Thema Lesen und Schreiben (und Kaffee).

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich fange morgens an und schreibe dann bis in den frühen Nachmittag hinein. Ich brauche keinen großen Anlauf. Eine Tasse Kaffee reicht. Irgendwann merke ich dann, dass nichts mehr kommt, und dann höre ich auf. Manchmal kommen nur zwei Seiten dabei raus, manchmal fünf oder sechs. Ein Pensum habe ich nicht, aber ich brauche die Kontinuität. Wenn ich schreibe, lebe ich für eine Zeit in der Welt meines Stoffs und meiner Figuren. Und dieses Eintauchen gelingt mir nur, wenn ich es regelmäßig mache. Ich merke sehr genau, wenn ich diesen Kontakt verliere. Dann stimmt es eben nicht, was auf dem Papier erscheint.

Haben Sie dabei feste Rituale?
Nein, eigentlich nur die Tasse Kaffee. Wir haben eine wuchtige italienische Espressomaschine, eine mit echtem Siebträger und nicht so eine, bei der auf Knopfdruck vollautomatisch der Cappuccino herausblubbert oder -zischt. Das wäre nichts für mich. Wenn Sie so wollen, können Sie das ein Ritual nennen: den Siebträger mit einer Vierteldrehung von der Maschine lösen, das alte Pulver in den Mülleimer klopfen, das neue mahlen und in den Träger drücken. Dann die Pumpe einschalten und dabei zusehen, wie der Kaffee zuerst dickflüssig und dann allmählich klarer aus den beiden Tüllen (nennt man die so?) des Siebträgers in die Tasse rinnt.
Die Milch dazu schäume ich allerdings nicht mit der Dampfdüse der Maschine, sondern mit so einem kleinen batteriebetriebenen Milchaufschäumer, wie man sie inzwischen für 6,99 oder so auf den Grabbeltischen in jedem Discounter findet. Ich glaube, diese Milchaufschäumer hätten eine echte Chance, als Produkt mit der absolut schlechtesten Qualität von allen Gegenständen, die die Menschheit je hergestellt hat, ins Guinnessbuch der Rekorde einzugehen. Und das übrigens völlig unabhängig vom Preis. Wir haben es nämlich auch mal mit einen vergleichsweise teuren aus einem edlen Küchenausstattungsladen probiert, um unsere Nachhaltigkeits- und CO2-Bilanz etwas aufzubessern, aber der war dann auch nach ein paar Monaten kaputt.

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Manchmal schreibe ich einen Gedanken oder Satz auf, den ich im Moment großartig finde und am nächsten Tag in den Papierkorb befördere. Irgendwie ist das mit meinen Geistesblitzen offenbar so eine Sache. Ich nehme mir immer wieder vor, sie in Zukunft ganz einfach zu ignorieren. Aber so ganz gelingt mir das nicht.

Was wollten Sie als Kind werden?
Astronaut. Und im Prinzip hat sich daran bis heute auch nichts geändert, nur dass meine Frau mir droht, sie werde mich verlassen, wenn ich mich für einen Touristenflug bei SpaceX oder zur ISS bewerben würde. Zum Glück für unsere Ehe kann man sich als Schriftsteller so einen Flug aber nicht leisten.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Einen auslösenden Moment oder ein Schlüsselerlebnis gab es da eigentlich nicht. Am ehesten könnte ich noch sagen: durch die Musik. In der Schule und später im Studium mochten wir allgemein Kabarett gern. Mein Beitrag in einer kleinen Truppe, die wir damals hatten, war zunächst die Musik. Ich war der Mann am Klavier und habe bald angefangen, eigene Songs zu schreiben, zunächst zu Texten von Kästner oder Tucholsky zum Beispiel. Später habe ich selbst Song-Texte verfasst – vielleicht meine frühesten literarischen Äußerungen, wenn man so will. Und so ging das dann weiter. Irgendwann habe ich Sketche geschrieben, dann – unabhängig vom Kabarett, erstmal nur für mich – kurze Geschichten. Aus einer davon wurde mein erster Roman.

Welcher Autor/ Welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Die korrekte Antwort ist vermutlich: die Bibel, weil unsere ganze abendländische Kultur vom Christentum durchdrungen ist und man dieser Prägung nicht entgehen kann, ganz gleich, ob man gläubig ist oder nicht.
Wenn wir dagegen über literarischen Einfluss sprechen, ist die Frage schwerer zu beantworten. Am Anfang wollte ich so schreiben wie Max Frisch. Inzwischen finde ich seinen nachhaltigen Erfolg aber eher verblüffend. In einem Vortrag für einen Frisch-Kongress habe ich einmal darüber nachgedacht, wieso Frisch mich als junger Leser eigentlich so fasziniert hat. Ich habe damals gesagt: »Es gibt nur wenige Autoren von Rang, die in ihrem Werk so konsequent ›ich‹ gesagt haben wie Max Frisch – sogar auch, wenn er ›er‹ geschrieben hat.« Es war also ein Identifikationsprozess mit Frisch als Person. Als Autor geht es mir aber mittlerweile ganz anders. Je länger ich schreibe, um so weniger reizt es mich, aus autobiographischen Quellen zu schöpfen. Daher denke ich, dass literarische Einflüsse in ihrer Wirkung überschätzt werden. Am Ende geht man dahin, wo es einen hinzieht, ohne dass man die Gründe dafür kennen würde.

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Da muss ich passen. Die Autoren, die ich bisher gelesen habe, haben alle ihre Reputation – sicher: manche viel zu wenig, manche viel zu viel. Und ich halte es auch durchaus für möglich, dass es lesenswerte Autoren gibt, die vom Radar des Literaturbetriebs nicht erfasst worden sind. Aber die kenne ich dann leider auch nicht.

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Mit sträflicher Verspätung habe ich in diesem Herbst Kazuo Ishiguros ›Was vom Tage übrig blieb‹ gelesen. Ich hatte seinerzeit den sehr guten Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins gesehen, und mir dann immer wieder vorgenommen, das Buch zu lesen, aber da ich ja nun schon den Film kannte … Der Nobelpreis für Ishiguro hat mich dann endlich dazu gebracht, den Roman zur Hand zu nehmen – zum Glück. Für Nobelpreise gilt letztlich das Gleiche wie für die literarische Reputation im Allgemeinen. Manchmal passt es, und manchmal reibt man sich die Augen. Im Falle von Ishiguro hat es gepasst.

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
Von Prousts ›Recherche‹ kenne ich nur ein paar Teile, das müsste ich vielleicht mal ändern. Und die Joseph-Romane von Thomas Mann stehen noch ungelesen in meinem Regal. Ich lese immer die ersten vier oder fünf Seiten des ersten Bandes und lege ihn dann wieder weg. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob es sich wirklich lohnt. Oder ob hier ein zwar sehr brillanter, aber in diesem Fall zu stilverliebter Autor am Werk ist.
Ein paar große Romane würde ich gerne noch einmal mit viel Muße wiederlesen: ›Doktor Schiwago‹, Nabokovs ›Ada oder das Verlangen‹ oder ›Hundert Jahre Einsamkeit‹ von Marquez. Was steht sonst noch auf meiner Liste? ›Unschuld‹ von Franzen – und vor Kurzem hat mir ein Freund und Kollege wärmsten Romain Gary empfohlen, den Mann der Schauspielerin und Nouvelle-Vague-Ikone Jean Seberg. Alles in allem ist das ja das Schöne an der Literatur: dass man nie an ein Ende kommt.

Was lesen Sie zurzeit?
›Alles über Heather‹ von Matthew Weiner. Ich kannte Weiner von der großartigen TV-Serie ›Mad Men‹, die er produziert hat. ›Alles über Heather‹ ist sein literarisches Debüt. Man merkt dem Roman deutlich an, dass Weiner von Film kommt. Kurze sehr dichte Szenen folgen wie auf- und abgeblendet aufeinander. Die Figurenzeichnung ist sehr präzise und vielschichtig. Ganz durch bin ich noch nicht, bisher eine lohnende Lektüre.

Wo lesen Sie am liebsten?
Immer da, wo ich gerade bin und Zeit habe: in der U-Bahn, in einem Café, zu Hause, beim Zahnarzt im Wartezimmer, im Zug … Übrigens nicht so gerne lese ich am Strand. Ich weiß immer nicht, wie ich das am besten hinbekomme. Stütze ich mich auf einen Ellbogen, tut mir irgendwann die Schulter weh, halte ich das Buch auf dem Rücken liegend über mich, blendet mich die Sonne und irgendwann werden die Arme lahm, und seitwärts ausgestreckt kam man je nachdem, auf welcher Seite man liegt, nur die rechte oder die linke Buchseite einigermaßen bequem lesen. Ich finde, für dieses Problem ist noch keine wirklich überzeugende Lösung gefunden worden …

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Für das nächste Buch. Und Spaghetti Aglio-Olio.

 

Mehr zu Ulrich Woelk und seinen Romanen auf www.dtv.de.
Zuletzt erschienen:

Ulrich Woelk
Nacht ohne Engel
Ulrich Woelk
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