Gibt es Kadir tatsächlich? – Die Wirklichkeit hinter der Fiktion

Ein Werksattgespräch von Benno Köpfer und Peter Mathews.

PM: Als wir Anfang 2015 über die Dramaturgie unseres Buches gesprochen haben, waren wir uns einig, dass die Geschichte mit Action beginnen sollte. Wir haben uns Lebensläufe verschiedener „Auswanderer“ angesehen und waren uns außerdem einig,  Kadir sollte ein Fußballer sein.  Zum einen weil unter den Dschihadisten tatsächlich auch junge Männer waren, die im Fußball hätten Karriere machen können, und zum anderen, weil Kicken ein Teil meines Lebens war. Ich habe meinen fußballspielenden Sohn zehn Jahre auf allen Sportplätzen in Hamburg spielen sehen. Wir haben dann Kadir vor das Stadion in Hamburg St. Pauli gestellt und ihn „Allahu Akbar“ rufen lassen. Sechs Monate später wurde das in Paris traurige Wirklichkeit. Als ich das im Fernsehen sah, wurde mit ganz schlecht. Ich erinnerte mich an einen Satz von Dashiell Hammett, dem amerikanischen Krimiautor, der den Detektiv Sam Spade erfand. Der sagte einmal sinngemäß  zu einem Kollegen: „Überleg Dir gut, was Du Deinen Figuren antust. Es könnte wahr werden.“
Wieviel Wirklichkeit steckt in unserer Geschichte? Gibt es Kadir tatsächlich?

BK: Leider steckt sehr viel Wirklichkeit in dieser fiktiven Figur. In ihr sind mehrere reale Fälle zu einem Handlungsstrang verwoben und teilweise verdichtet. Seit über zehn Jahren beschäftige ich mich als Analyst beim Verfassungsschutz mit dem sogenannten Islamismus. Dabei gab und gibt es Fälle, die mich auch nach Dienstende weiter beschäftigen. Kadir ist zwar eine erfundene Figur, zugleich aber real, weil er über weite Strecken das Schicksal von mehreren Hundert nach Syrien Gereisten teilt. Es ist eine mögliche Geschichte.

PM: Ich zitiere mal: „Dies ist eine wahre Geschichte. Die Ereignisse, die hier erzählt werden, haben sich so zugetragen. Aus Respekt vor den Überlebenden haben wir die Namen geändert. Aus Respekt vor den Toten haben wir den Rest der Geschichte so erzählt, wie er passiert ist.“ So ähnlich beginnt der Film „Fargo“ der Gebrüder Coen, der 2015 als TV-Serie wiederaufgelegt wurde. Dies gilt auch für unsere Geschichte: alles erfunden und deshalb wahr.

BK: Die erste Idee zu dem Buch kam mir nach Gesprächen mit besorgten Eltern, deren Kinder nach Syrien reisen wollten. Eine sehr dramatische Geschichte, die mich lange Zeit beschäftigte. In den letzten Jahren habe ich mit einigen Menschen gesprochen, die in Kampfgebieten waren oder dorthin reisen wollten. Manchmal versuchten Kollegen und ich die Ausreise zu verhindern, das ist aber nicht immer gelungen.
Seit 2013 sind immer mehr Jugendliche aus ganz Deutschland über die Türkei nach Syrien verschwunden. Es ergaben sich zahlreiche Gespräche – etwa nach Vorträgen – mit Jugendlichen oder Erwachsenen, die sich in der Jugendarbeit engagieren, und ich lernte immer mehr Betroffene kennen. Sozialarbeiter, die sich bei mir gemeldet hatten, weil sie sich anonym beraten lassen wollten, ob das, was sie bei einem Jugendlichen beobachteten, noch „normaler“ Islam sei oder ob hier bereits salafistische Radikalisierungstendenzen vorliegen, haben mich darin bestätigt, diese Geschichte nicht als Sachbuch oder Studie eines Radikalisierungsverlaufs zu erzählen, sondern als spannenden, anregenden Roman.

PM: Zu Beginn jeder Erzählung steht die Überlegung, aus welcher Perspektive und von wem erzählt wird. Nun hätte sich in diesem Fall angeboten, Kadir sein Lebens selbst erzählen zu lassen. Jeder Held einer Geschichte lädt ja zur Identifikation ein, der Leser geht dann in seinem Kopf auf die Reise. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass dies in diesem Fall nicht funktioniert. Um die Banalitäten als Banalitäten und den Unsinn als Unsinn deutlich zu machen, brauchte es eine gewisse „Fallhöhe“, das heißt ein wenig Distanz. Denn, das zeigte sich in der Recherche, Kadir und seine Geistesbrüder sind nicht nachdenklich. Keiner der Rückkehrer hat meines Wissens darüber reflektiert, was er getan hat. Die den Irrsinn in Syrien überlebten, berichteten, dass die Versprechungen des IS nicht stimmten, sie schlecht behandelt wurden oder enttäuscht und frustriert waren. Aber dass sie sich intellektuell mit dem eigenen Tun auseinandersetzten? Davon konnte ich in meinen Recherchen nichts lesen.
Die Entscheidung, aus der Sicht von Mark zu erzählen, war der Glaubwürdigkeit der Figuren und der Spannung geschuldet. Die Öde der Gedanken eines Salafisten ist schlicht langweilig. Um dieser Banalität zu begegnen, gibt es in dem Buch Mark, Meral und Yps. Sie und die anderen Figuren und deren Lebensentwürfe verkörpern, was im Moment an Auseinandersetzung um das Thema stattfindet.
Oft sind die Chatverläufe, Postings und Kommentare der Islamisten in den verschiedenen sozialen Netzen so einfältig, dass ich dachte, daraus kann man keine Geschichte machen. Das glaubt uns keiner, und die Kritiker würden sagen, wir würden Karikaturen und keine Figuren zeichnen. Da stellt man sich vor, man hat es mit mordsgefährlichen und raffinierten Terroristen zu tun. Und dann liest man, wie sie stolz berichten, dass sie Spaghetti gekocht und Red Bull getrunken haben. Und dann lügen sie sich selbst in die Tasche, wie toll es in ihren Rattenlöchern in Rakka ist. Kadir und seine Gotteskrieger allein wären nicht auszuhalten gewesen.

BK: Ja, das mag alles sein, aber diese Auswanderer sind doch teilweise nicht nur getriebene oder manipulierte, krisengeschüttelte Jugendliche, sondern auch zornige, vom Dschihad faszinierte junge Männer und auf ihre Art kompromisslose und konsequente Akteure, die versuchen, ihren Weg zu gehen. Dabei landen sie dann aber in einer Art Piratenrepublik, einem Tortuga, wo Willkür und Scharia herrschen. Gleichzeitig finden sie einen salafistischen Spitzelstaat, in dem jeder jedem misstraut.

PM: Was bringt dann junge Menschen dazu, sich am Dschihad des IS zu beteiligen?

BK: Vor fünf Jahren bin ich bei der Auswertung der Internetseite, salafimedia.com, gefragt worden, in welchem Hadith der Prophet denn den Satz, „Lebe für nichts oder Stirb für etwas“ gesagt haben könnte.  Die Suche nach dem Ursprung dieses Zitats erforderte jedoch nicht den Islamwissenschaftler, sondern den Cineasten. Denn es war Rambo, der diesen Slogan prägte. Das heißt, Islam als Religion erklärt nur einen Teil des Rahmens, in dem sich Jugendliche für den Dschihad des IS begeistern lassen. Es geht letztendlich um die Überwindung von Krisen in der Zeit des Erwachsenwerdens, um Identität, die Frage: Wer bin ich? Was will/kann ich sein? Und hier kommen nun Antworten und Angebote von falschen salafistischen Freunden. Begriffe wie Ehre, Pflicht, Ruhm, Kampf für die gerechte Sache, Macht, Sieg oder Niederlage, Paradies und Hölle werden überhöht und bekommen eine enorme Bedeutung für den jungen Dschihad-Aspiranten. Er kann nun Teil einer ganz großen Geschichte sein. Es geht ja in Syrien, laut IS-Propaganda, um die letzte entscheidende Schlacht zwischen Ungläubigen und der „siegreichen Gruppe“ der wahren Muslime.
Sein oder ihr Selbstwertgefühl wächst mit jeder engeren Bindung an die neuen Freunde. Gleichzeitig findet eine Abwertung und Distanzierung von den alten Kumpels oder Freundinnen statt. Dafür haben die salafistischen Prediger ein Konzept entwickelt: al-Walā' wa-l-barā', das man mit Loyalität und Lossagung übersetzen kann. Das heißt, wahre Freundschaft kann nur mit wahrhaft Gläubigen bestehen. Diese einfachen Botschaften werden dann in den Poesiealben des Dschihad, etwa bei Facebook oder den anderen sozialen Netzen, als Sinnsprüche mit Bildern vieltausendfach geteilt, geliked und kommentiert.

PM: Benno, zu Beginn unserer Zusammenarbeit und dann auch während des Schreibens hast Du immer wieder Dokumente wie Videos, Postings von Facebook oder Chatverläufe und Kommentare von Youtube, Referate, Artikel, Aussagen über den Islamischen Staat und die Salafistenszene aufgetrieben. Woher hast Du die?

BK: Fast alle Materialen, die wir verwendet haben, stammen letztendlich aus den unterschiedlichsten Internetquellen. Für meine Arbeit verwende ich aber auch häufig wissenschaftliche Untersuchungen der verschiedenen internationalen Thinktanks. Darüber hinaus gibt es inzwischen einige, seit langem in dieser Thematik recherchierende Journalistinnen und Journalisten, deren Interviews und Artikel wir ja ebenfalls als Quelle benutzt haben. Das ist ja auch letztlich das Betrübliche, dass Entwicklungen, wie sie Kadir durchläuft, vor allen Augen stattfinden, wenn man genau hinschaut.

PM: Du arbeitest beim Verfassungsschutz, das ist ja ein Nachrichtendienst. Wie muss man sich das vorstellen? Ein Hacker vor einem Dutzend Bildschirmen, ein Mann mit Schlapphut in einem dunklen Hauseingang oder ein ordentlicher Beamtenschreibtisch voller Akten?

BK: Nichts davon. Als Leiter einer wissenschaftlichen Analysegruppe des Verfassungsschutzes bin ich ein Beamter, der tatsächlich einen Großteil seiner Zeit an einem Schreibtisch mit vielen Akten verbringt. Aber bereits wenn ich mich nach hinten umdrehe, sieht es nicht mehr ganz nach Amtsstube aus. Dort steht ein Regal mit einer Vielzahl von Büchern, Nachschlagewerken, wissenschaftliche Artikeln, aber auch Schriften von salafistischen Büchertischen. Daneben habe ich einige Erinnerungen von meinen Reisen, etwa nach Syrien oder in den Jemen.
PM: Du hast Islamwissenschaft und Archäologie studiert. Wie wird aus einem Scherbensammler im Orient ein Agent?

BK: Wissenschaftlicher Referent – Agent bin ich keiner geworden. Der Schritt ist letztlich eng mit den furchtbaren Anschlägen am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten verbunden. Nach diesen Anschlägen suchten die verschiedenen Sicherheitsbehörden verstärkt nach Wissenschaftlern mit historischem oder politischem Wissen, Ländererfahrungen und Sprachkenntnissen. Islamwissenschaftler waren bei den Nachrichtendiensten gefragt, und so habe ich mich Anfang 2002 in Stuttgart um solch eine Stelle beworben, nachdem meine Reise- und Forschungsvorhaben, etwa im Jemen, Sudan oder Syrien, erheblich schwieriger geworden waren.

PM: Seit wann beschäftigt Dich das Thema „Salafismus, Islamismus“?

BK: Seit über zehn Jahren beschäftigt mich das Phänomen Salafismus, hier verstanden als eine politische Ideologie, beruflich. Davor und außerhalb meiner Arbeit hatte ich aber bereits in den 1980er und 1990er Jahren immer wieder Erfahrungen mit militanten Formen des Islamismus machen müssen. So erinnere ich mich noch immer an Begegnungen mit dem Autor Farag Foda in Ägypten, der im Juni 1992 von – heute würde man sagen – Dschihadisten in Kairo ermordet wurde. 2004 bin ich in Ägypten auf der Buchmesse mit zahlreichen Da’waschriften konfrontiert worden, deren Inhalte das gesamte Spektrum vom frommen Fundamentalismus bis zum militanten terroristischen Dschihad abdeckten.
Meine Kolleginnen und Kollegen analysieren und beschreiben die Entwicklungen der Szene seit zwölf Jahren kontinuierlich in den Jahresberichten des Verfassungsschutzes. Seit etwa 2008 versuchen wir, die Radikalisierungsverläufe besser zu verstehen und möglichst auch zu verhindern, dass junge Menschen in die militanten Szenen abtauchen. Die Dynamik der Entwicklungen seit 2012, dem Scheitern der sogenannten „Arabellion“ in Ägypten, Syrien, Libyen, Bahrain und dem Jemen, hat aber dazu geführt, dass dieses Thema viele Schlagzeilen bestimmt. Das Phänomen Salafismus entwickelte sich äußerst dynamisch im 21. Jahrhundert weiter und man muss ständig dazulernen. Als Beispiel seien nur die jungen Mädchen erwähnt, die, wie Nermin im Buch, plötzlich über Whatsapp oder ask.fm in Verbindung mit Menschen in den Gebieten des IS traten. Das war und ist ein völlig neues Phänomen, und es lässt sich nicht nur mit Ideologie erklären.

PM: Wenn Du einen Hinweis auf einen „Gefährder“ hast, wie gehst Du vor? Klingelst Du einfach an der Tür und sagst, Du möchtest mal reden?

BK: Nein, so geht das natürlich nicht. Außerdem werden diese sogenannten Gefährderansprachen in der Regel von den Kolleginnen oder Kollegen der Polizei geführt, denn wenn es Verdachtsmomente gibt, dass von einer Person Straftaten begangen werden könnten, ist die Polizei zuständig. Aber in einzelnen Fällen kam und kommt es vor, dass Analystinnen oder Analysten des Verfassungsschutzes hinzugezogen werden, um etwa vor einem Gespräch Punkte zu klären, oder auch zum Gespräch, um dann möglicherweise den Verdacht auszuräumen oder eben mögliche dschihadistische Einstellungen zu bestätigen.

PM: Und eine Frage zum Schluss: Werden noch viele Kadirs Weg gehen?

BK: Die meisten Salafisten sind sehr zögerlich, wenn es an den Punkt kommt, auszureisen, sich selbst an Kämpfen zu beteiligen oder gar Anschläge vorzubereiten. Denn es ist doch ein längerer Weg zum Dschihadisten, der uns und unsere Lebensweise hasst und nach dem Leben trachtet. Das haben wir bei Kadir ja auch gesehen. Ihnen genügt der nicht ungefährliche Status eines Sessel-Dschihadisten, der zuhause am Computer eher als Maulheld seinen Kampf an der Propagandafront kämpft, sich an den Dawa-Aktionen in den Fußgängerzonen beteiligt oder an Islamseminaren teilnimmt. Dann gibt es noch ein weiteres Phänomen, das wir immer wieder beobachten, man kann das als bore-out-Syndrom bezeichnen: Ideologisierten Mitläufern wird es einfach zu langweilig und sie orientieren sich um.


 

›Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten‹ als Taschenbuch und eBook

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